Krach um Lärmsanierung in der Stadt St.Gallen

  • Mit rund 2
    Mit rund 2 (Hanspeter Schiess)
14.07.2017 | 05:19

VERKEHR ⋅ Der Kanton muss an der Hauptverkehrsachse am nördlichen Rand der Innenstadt den Strassenlärm senken. Dazu will er an den betroffenen Liegenschaften Schallschutzfenster einbauen, andere Massnahmen lehnt er ab. Der VCS hat deswegen Einsprache eingereicht.

David Gadze

David Gadze

david.gadze@tagblatt.ch

Die Verkehrsachse Rosenbergstrasse – Unterer Graben – St.-Jakob-Strasse gehört zu den meistbefahrenen im ganzen Kanton. Entsprechend hoch ist dort die Lärmbelastung. Im Abschnitt zwischen Rosenbergstrasse 87 und St.-Jakob-Strasse 21 gibt es insgesamt 104 Liegenschaften. 58 davon liegen über dem sogenannten Immissionsgrenzwert von 65 Dezibel und 24 über dem Alarmgrenzwert von 70 Dezibel. Das geht aus dem technischen Bericht hervor, den der Kanton im Rahmen des Lärmsanierungsprojekts für den genannten Abschnitt öffentlich aufgelegt hat.

Keine Flüsterbeläge auf über 600 Metern Höhe

Um die Lärmbelastung für die Bewohner der betroffenen Liegenschaften zu senken, will der Kanton bei sämtlichen Gebäuden, die über oder knapp unter dem Alarmwert liegen, Schallschutzfenster einbauen. Dadurch würde es in den Wohnungen zwar leiser, doch gemäss Prognosen würden aufgrund der erwarteten Verkehrszunahme bis 2034 sogar 36 Liegenschaften über dem Alarmwert liegen und 49 über dem Immissionsgrenzwert. Dabei gäbe es weitere Möglichkeiten, um den Verkehrslärm zu reduzieren: den Einbau von sogenannten Flüsterbelägen, die den Schall um bis zu drei Dezibel verringern, Temporeduktionen oder Lärmschutzwände, wie sie der Kanton 2013 zwischen der Zürcher Strasse und der Wohnüberbauung Russen erstellt hat.

Diese Massnahmen kämen aus verschiedenen Gründen nicht in Frage, sagt der stellvertretende Kantonsingenieur Andreas Kästli. Da Lärmschutzwände mehrere Dutzend Meter lang und bis zu sechs Meter hoch sein müssten, um die gewünschte Wirkung zu erzielen, spreche vor allem der Ortsbildschutz dagegen. Flüsterbeläge seien für Strassen mit einer Meereshöhe von über 600 Metern ungeeignet, weil die poröse Oberfläche nicht für winterliche Verhältnisse konzipiert sei. Zum einen würde die Wirkung von Tausalz reduziert, zum anderen der Belag durch Schneeketten viel schneller beschädigt. Aus diesen Gründen habe der Kanton auch bei den Belagserneuerungen an der Rosenbergstrasse vor wenigen Jahren auf den Einbau von Flüsterbelägen verzichtet.

Temporeduktion wäre unverhältnismässig

«Da es sich beim Abschnitt von der Rosenbergstrasse bis zur St.-Jakob-Strasse um eine Hauptverkehrsachse handelt, wäre eine Temporeduktion unverhältnismässig», sagt Kästli. Zudem hätte sie negative Folgen, da sich bei Tempo 30 der Verkehr auf die umliegenden Quartierstrassen verlagern würde. Und Tempo 30 nur zeitweise zu signalisieren bringe nicht allzu viel: «Auf Strassen mit Tempo 30 braucht es nebst der Signalisation auch bauliche Massnahmen, damit die Geschwindigkeit eingehalten wird.» Auf der Rosenbergstrasse werde aufgrund der Fussgängerstreifen und Lichtsignale die Geschwindigkeit der Autos ohnehin immer wieder verlangsamt.

Ein Gutachten zu Tempo 30 im betreffenden Abschnitt hat der Kanton allerdings nicht gemacht, obwohl das Bundesgericht erst kürzlich die Gemeinde Zug bei der Lärmsanierung einer Kantonsstrasse dazu verpflichtet hat. «Allein aufgrund des Lärms fehlt uns jedoch die gesetzliche Grundlage, um auf einer Kantonsstrasse Tempo 30 einzuführen», sagt Kästli.

Der Langsamverkehr dürfte zunehmen

Gegen die Pläne des Kantons gibt es Widerstand: «Über Liegenschaftenbesitzer und Anwohner haben wir zwei Einsprachen ­eingereicht», sagt Ruedi Blumer, Co-Präsident der VCS-Sektion St. Gallen/Appenzell. Ersatzmassnahmen wie der Einbau von Schallschutzfenstern – «die ­ohnehin nur nützen, solange sie geschlossen bleiben» – seien nur dann zulässig, wenn andere Massnahmen unverhältnismässig wären. Um das nachzuweisen, brauche es jedoch ein Gutachten. Ausserdem sei davon auszugehen, dass der Anteil an Fussgängern und Velofahrern allein durch den Bau des neuen Uni-Campus am Platztor zunehmen werde, deswegen sei Tempo 30 auch ein Sicherheitsargument. «Und auch bei Tempo 30 passiert man diesen Abschnitt schneller als mit einem Umweg durch die angrenzenden Wohnquartiere.»

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