WITTENBACH

Fussballverbot führt zu dicker Luft im Quartier

Das Fussballverbot in der Überbauung Obstgarten in Wittenbach löst bei der Einwohnerschaft Empörung aus. Während sich die Eigentümer zur Massnahme gezwungen sehen, fühlt sich die Mieterschaft vom Verbot brüskiert und übergangen. Es droht ein Nachbarschaftsstreit.
09.07.2017 | 11:35
Ramona Riedener
Ein traumhaft schöner Sommertag neigt sich dem Ende zu. Auf einem Sitzplatz im Obstgartenquartier geniesst ein älteres Ehepaar den Feierabend in der Abendsonne. Die Beine hochgelagert, auf dem Tisch ein kühles Bier und auf dem Grill brutzelt der Znacht. Auf der Wiese zwischen den Wohnblocks wird es plötzlich laut. Eine Gruppe von Buben trägt ein Fussballspiel aus. Kleine Goals sind aufgestellt und zwei Mannschaften von je fünf Feldspielern und zwei Goalies kämpfen um den Ball. Ein Vater, der bei diesem fast professionell wirkenden Match den Schiedsrichter spielt, schreit seinem Sohn nicht ganz unparteiische Anweisungen zu.
 

Vom Fussballfieber angesteckt

Diese Szene spielte sich sich im letzten Sommer in etwa so ab. Da liessen sich die Jungs vom Fussballfieber während der Europameisterschaft mitreissen liessen und sie eiferten ihren grossen Vorbildern Ronaldo, Messi und Ibrahimovic nach. Heute ist Fussballspielen in der gesamten Obstgartenüberbauung verboten. Eine schriftliche Ankündigung in den vier Wohnblocks und die inzwischen einbetonierten Verbotstafeln weisen darauf hin.

Das Verbot hat zu verschiedenen Reaktionen bei der Einwohnerschaft geführt. Da sind auf der einen Seite die Eigentümer, die für die neue Verordnung verantwortlich sind und auf der Gegenseite die Mieterschaft, welche mit Wut und Empörung auf das Verbot reagiert. Ein Leserbrief (siehe Tagblatt vom 4.6.17) und Schlagzeilen im Blick geben dem Nachbarschaftsstreit noch zusätzlich Zündstoff. Doch eigentlich wollen alle Parteien nur das eine: Eine gute Wohnqualität und in Ruhe nebeneinander leben. "Wir lieben Kinderlachen! Wir wollen, dass die Kinder im Obstgarten noch Kinder sein dürfen“, ist der einstimmige Tenor der Einwohnerschaft.
 

Undiplomatisches Vorgehen

Zweifellos hat die unglückliche Art, wie das Verbot kommuniziert und umgesetzt wurde, bei der Mieterschaft die Empörung ausgelöst. Diese war zum grössten Teil nicht über die vorangegangenen Vorkommnisse informiert und weiss bis heute nicht, weshalb es zum Verbot gekommen ist. Die Wohnungseigentümer, welche an der Eigentümerversammlung für das Verbot eingetreten sind, handelten aus einer ganz anderen Perspektive. Offenbar sah diese sich gezwungen, eine Massnahme zu ergreifen, weil es in der Liegenschaft immer wieder zu Beschädigungen, Lärmbelästigungen und Abfall gekommen ist. "Kürzlich wurde ein fünfjähriges Mädchen von einem Ball getroffen. Das bewusstlose Kind musste mit der Ambulanz ins Spital gebracht werden“, sagt Yvonne Neff.

Sie wohnt als Eigentümerin mit ihrem Mann seit 1997 im ersten Wohnblock im Obstgarten. "Die schiessen richtig scharf, das ist einfach zu gefährlich für die kleinen Kinder, die auf dem Spielplatz spielen." Man hätte immer wieder versucht, mit den Kindern und deren Eltern zu reden, aber es habe nichts genutzt. Deshalb habe die Eigentümerschaft das Verbot als einzige mögliche Massnahme gesehen. "Die sind doch alt genug. Sie können jederzeit aufs Fussballfeld Grünau zum Spielen gehen“, rechtfertigt sich Alfred Neff. Er ist entrüstet, weil er nun als "Bölimaa“ dasteht. Dabei ist der Pensionär - selber Grossvater - gar nicht unbeliebt bei den Kindern. Er räumt ein, dass dort, wo Kinder spielen, schon mal was passieren oder kaputt gehen kann. "Doch ich erwarte, dass man dann für den Schaden gerade steht. Und das tun die Jungs nicht. Es war dann einfach niemand“, ärgert sich Neff.
 

Das Quartier war Treffpunkt

"Schade“, finden die jungen Fussballer das Fussballverbot. Der neunjährige Lorenzo und die elfjährigen Flon und Adia sprechen stellvertretend für ihre Gspänli im Alter von neun bis zwölf Jahren. "Wir sind zu alt für die Spielplätze. Wir haben es schön gefunden, Fussball zu spielen, denn wir hatten richtige Mannschaften mit 10 bis zu 20 grossen oder kleinen Kindern. Wir haben uns hier getroffen. Jeder durfte mitspielen“, erzählen sie abwechselnd. "Und jetzt das Verbot - wir finden das sehr schade.“ Den Ball in den Händen, mit etwas traurigem, zerknirschtem Blick, wenden sie sich wieder ihren Kameraden zu.

Auf den drei Verwaltungen der Überbauung Obstgarten sieht man das Verbot aus einer anderen Perspektive. "Wir hatten immer wieder Meldungen wegen Beschädigungen, starken Verschmutzungen und herumliegendem Abfall. Alle intervenierenden Gespräche haben nicht gefruchtet. Deshalb mussten wir etwas unternehmen“, sagt Marco Leuzinger von Treviso Revisions AG. Doch das Verbot sei nicht in Stein gemeisselt. Man wolle nun abwarten, wie sich die Sache entwickle.
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