DIE SCHNELLSTEN IM DORF

Flinkster Mörschwiler ist Eritreer

Heute rennen die Mörschwiler vor dem Schulhaus um die Wette. Der Sieger dürfte bereits feststehen: Hadish Weldegabriel. Der junge Asylsuchende hat aber nicht nur schnelle Beine.
07.07.2017 | 05:18
Adrian Lemmenmeier

Adrian Lemmenmeier

adrian.lemmenmeier@tagblatt.ch

«Möchten Sie etwas trinken?», fragt Hadish Weldegabriel. Es klingt so akzentfrei, dass man für eine Sekunde meint, das «Edelweiss» in Mörschwil wäre eine Landbeiz und Weldegabriel ein deutscher Kellner. Doch im «Edelweiss» werden keine Getränke ausgeschenkt, sondern Asylsuchende untergebracht. Derzeit sind es 15 junge Männer, vorwiegend aus Eritrea und Afghanistan. Die Unterkunft, welche das Solinetz Ostschweiz noch vor einem Jahr wegen «menschenunwürdigen Wohnbedingungen» kritisiert hatte, ist längst saniert. Weldegabriel serviert Wasser und Guetzli im sauber aufgeräumten Wohnzimmer.

Nein, nervös sei er wegen des Laufes nicht, sagt Weldegabriel. Wieso auch? Der 22-Jährige gewann im Hundertmeterlauf insgesamt fünfmal Gold. Viermal davon in den Meisterschaften des eritreischen Landesteils Debub. Dort leben ungefähr 100000 Menschen – etwa 30-mal mehr als in Mörschwil. «Momentan bin ich nicht in guter Form», sagt Weldegabriel. «Meine Bestzeit von 11,3 Sekunden auf hundert Meter erreiche ich kaum mehr. Es fehlt an Training.» Für den «Schnellsten Mörschwiler» dürfte es heute dennoch reichen. Weldegabriel hat den Lauf bereits vor einem Jahr gewonnen, und auch beim diesjährigen Dorflauf überquerte der Eritreer in den Staffelläufen über zweimal 5,4 Kilometer als erster die Ziellinie.

Trainieren heisst integrieren

In letzter Zeit trainiert Hadish Weldegabriel allerdings häufiger als auch schon. Gemeinsam mit seinem Freund Taleb Sultani aus Afghanistan, der ebenfalls am heutigen Lauf teilnimmt, geht er zweimal pro Woche in Goldach auf die Laufbahn. Doch auch in anderen Sportarten fühlt sich Weldegabriel zu Hause. «Bevor ich mit 17 angefangen habe zu sprinten, hatte ich Fussball gespielt.» Das macht er auch heute. Beim SC Brühl geht der 22-Jährige regelmässig ins Training. Derzeit ist allerdings gerade Sommerpause.

Dass Asylsuchende und Flüchtlinge in Mörschwil in Sportvereine integriert werden, geht auf die Initiative der ökumenischen Spurgruppe zurück. «Von den 30 jungen Leuten, die hier wohnen, haben sechs in Sportklubs Anschluss gefunden», sagt Dorothée Egli. Sie kümmert sich bei der Spurgruppe um den Sport. «Fünf junge Männer spielen Fussball beim FC Goldach oder beim SC Brühl, einer Volleyball bei Rheno Heerbrugg.» Vier weitere besuchen regelmässig Fitnesskurse. Auch Schwimmkurse hat die Spurgruppe organisiert. «Ihre ungewisse Situation belastet die Asylsuchenden. Sport ist gut für die Psyche und bietet eine gute Möglichkeit, sich in zu integrieren», sagt Egli.

Der Spass steht im Vordergrund

Weldegabriel pflichtet dem bei. Er liebe den Sport, und das Laufen tue ihm gut. Doch noch lieber als sprinten würde er arbeiten. Denn Weldegabriel hat nicht nur schnelle Beine, sondern auch geschickte Hände. Bevor es ihn über Äthiopien, den Sudan, Libyen und das Mittelmeer nach Europa verschlug, hatte er in Eritrea als Coiffeur gearbeitet. Um das Handwerk nicht zu verlernen, schneidet er hier seinen Freunden unentgeltlich die Haare.

Obwohl Weldegabriel heute eine weitere Medaille gewinnen dürfte, geht es ihm beim «Schnellschten Mörschwiler» in erster Linie um den Spass. Und um den Austausch mit den Mörschwilern, denn, so sagt er: «Die Leute hier in Mörschwil sind ‹tipptopp›.»

 

«De schnellscht Mörschwiler» findet heute Nachmittag auf der Wiese vor dem Schulhaus statt. Um 15.45 Uhr beginnt das Einwärmen für die Kinder, und um 16.15 Uhr startet deren Lauf. Der Startschuss für die Erwachsenen fällt um 18 Uhr.

Dieses Jahr haben sich 90 Läuferinnen und Läufer angemeldet. Die Renndistanz beträgt 50 Meter. Bei schlechtem Wetter wird der Anlass nicht durchgeführt. Unter der Telefonnummer 1600 kann man sich informieren, ob der Lauf abgehalten wird. (al)

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