Erinnerung an die gute alte Lädeli-Zeit

  • So präsentiert sich die Bäckerei Gmünder an der Gerbestrasse seit ihrer Schliessung 1995.
    So präsentiert sich die Bäckerei Gmünder an der Gerbestrasse seit ihrer Schliessung 1995. (Bild: Sammlung Reto Voneschen)
16.06.2017 | 05:18

ST.GALLER QUARTIERGESCHICHTE ⋅ Morgen Samstag wird das Inventar der Bäckerei Gmünder an der Gerbestrasse 1 verkauft und versteigert. Damit verschwindet 22 Jahre nach der Schliessung ein Quartierladen endgültig. Was Erinnerungen an eine nicht allzu ferne Vergangenheit weckt.

Reto Voneschen

Reto Voneschen

reto.voneschen@tagblatt.ch

Dass diese Geschichte am Beispiel der Bäckerei Gmünder erzählt wird, ist erstens reiner Zufall. Man hätte sie nämlich in den vergangenen fünfzig Jahren beim Verschwinden von Quartierbäckereien dutzendfach erzählen können. Dass die Geschichte gerade am Fall der Bäckerei in der Lachen aufgerollt wird, ist andererseits schon auch richtig: Mit ihrer endgültigen Auflösung dürften letzte Spuren einer Zeit getilgt werden, in der in jedem grösseren St.Galler Stadtquartier ein halbes bis ein Dutzend Bäckereien geschäftete. Ganz abgesehen davon, dass es damals eine grosse Zahl und Vielfalt anderer Quartierläden zur Versorgung mit Lebensmitteln gab – von Metzgereien über Kolonialwaren-, «Tante Emma»- und Milchläden bis hin zu Früchte- und Gemüsehändlern.

Für heutige Konsumentinnen und Konsumenten ist die damalige Ladendichte unvorstellbar. Aus heutiger Sicht, in der fast jedes kleine Geschäft schwer zu kämpfen hat, ist auch schwer vorstellbar, wie damals so viele Bäcker auf eng­stem Raum über die Runden kommen konnten. Und trotzdem klappte das: Die meisten Bäcker (und auch Bäckersfrauen) wurden zwar nicht reich, mit harter Arbeit konnten sie aber durchaus ihre Familie über die Runden bringen und regelmässig in die Modernisierung des Betriebs investieren.

Ab 1929 bäckt Grossvater Gmünder an der Gerbestrasse

Die Geschichte der Bäckerei Gmünder in der Lachen ist typisch für viele solcher Familienbetriebe. Sie beginnt 1898. Damals erstellte Baumeister Osterwalder für Bäcker Anton Klaus einen Neubau an der Gerbestrasse 1. Das Geschäft gedieh offenbar gut, denn auf der Liegenschaft entstanden nach und nach verschiedene Anbauten. 1929 kaufte Johann Gmünder das Geschäft an der Gerbestrasse. Er war der älteste Sohn des Bäckers und Wirtes zu den «Drei Königen» in Appenzell. Da der Vater damals das Pensionsalter noch nicht erreicht hatte, suchte der Sohn sein Glück in St.Gallen.

1933 wurde das Haus Gerbestrasse 1 an die Kanalisation angeschlossen und ein Schaufenster für den Laden eingebaut. 1945 wurde der Backsteinbau verputzt. Im gleichen Jahr wurde die Backstube komplett um- und ein Elektrobackofen eingebaut. 1958 übernahm dann Hans Gmünder vom Vater die Bäckerei. Er führte sie zusammen mit Ehefrau Louise. Die beiden hatten zudem fünf Kinder – vier Töchter und einen Sohn, denen das Haus bis heute gehört. Anfang der 1970er-Jahre erfolgte die nächste Modernisierung des Betriebs: 1973 wurde der Laden umgebaut und der Eingang in die heutige Form gebracht. 1972 bis 1975 wurde der gesamte Maschinenpark ersetzt. 1980 wurde ein älterer Anbau durch ein grösseres Lager ersetzt. 1984 wurde das Haus komplett saniert und erhielt auch den markanten grünen Fassadenanstrich, den es bis heute trägt. 1995 erreichte Hans Gmünder dann das Pensionierungsalter – und am 9. September jenes Jahres schloss die zu jenem Zeitpunkt zweitletzte Bäckerei in der Lachen.

Kein Auskommen mehr mit einer kleinen Quartierbäckerei

Dass es mit der Quartierbäckerei nicht weiterging, hatte klare Gründe: Vater Gmünder selber sah, dass ein Auskommen damit für einen jungen Nachfolger wohl nicht mehr möglich sein würde. Ganz abgesehen davon, dass auch klar gewesen sei, dass niemand aus der Familie den Betrieb übernehmen würde, erzählt Tochter Béatrice Gmünder. Das grosse Sterben der Quartierläden, darunter auch der Bäckereien, hat für sie klare Gründe. Die Hauptursache sieht sie bei den veränderten Einkaufsgewohnheiten. Konsumentinnen und Konsumenten hätten sich daran gewöhnt, alles bequem an einem Ort einzukaufen. Zudem müssten die Produkte heute für eine grosse Mehrheit möglichst günstig sein. Qualität sei weniger wichtig.

Das habe zum Siegeszug der Grossverteiler geführt. Deren Preispolitik übe einen grossen Druck auf Preise und Margen für den ganzen Detailhandel aus. Womit es für Kleine immer schwieriger werde, auf ihre Rechnung zu kommen. Dazu komme das ganze Umfeld etwa mit Behördenauflagen oder der Entwicklung von Miet- und Rohstoffpreisen. Nur wer wachse oder sich in eine Nische entwickeln könne, habe Chancen, trotz der grossen Konkurrenz zu überleben.

Wenn man sich die heutige St.Galler Bäckerei-Szene anschaut, findet man sie immer noch, die Quartierbäckereien. In St.Georgen beispielsweise die Bäckerei Ruppeiner, in Bruggen die Bäckerei Frei oder im Krontal die Bäckerei Dörig. Andere – wie Schwyter, Gschwend oder Vögeli-Beck – sind gewachsen, haben teilweise die Ladenlokale ehemaliger Quartierbäckereien übernommen und führen sie weiter. Paradebeispiel für einen, der sehr erfolgreich Nischen und Qualität fürs ökonomische Überleben nutzt, ist Bäcker Pietro Cappelli aus dem Linsebühl: Seine Gipfeli und seine Panettone haben Fans weit über die Stadt hinaus.

Verkauf Inventar Bäckerei Gmünder, Gerbestrasse 1, St.Gallen Kleininventar Verkauf: Sa, 9–12 Uhr. Versteigerung Maschinen Besichtigung: Sa, 14–14.30 Uhr, Versteigerung: Sa, ab 14.30 Uhr.

Als Protestanten und Katholiken noch eigene Bäcker hatten

In der Lachen gab es früher wie in anderen Stadtquartieren eine erstaunliche Vielzahl von Quartierläden. Allein 13 Bäckereien waren es einst im Gebiet Feldli, Stahl, Lachen, Waldau und Vonwil gemäss den Erinnerungen, die Bäcker Hans Gmünder 1985 aufgeschrieben hat. Gut an die Zustände in seiner Kindheit und Jugend in den 1930er- und 1940er-Jahren erinnert sich Walter Frei. Der spätere reformierte Pfarrer im Heiligkreuz und in Bühler wuchs an der Metallstrasse 8 auf, wo er heute wieder wohnt. Für seine historischen Quartierbummel hat er sich in die Quartiergeschichte vertieft.

In unmittelbarer Nachbarschaft des Elternhauses von Walter Frei gab es zwei Bäckereien. Einmal war das jene der Familie Gmünder an der Gerbestrasse 1, zum anderen jene der Familie Epple an der Zürcher Strasse 17. Allerdings ging man nicht einfach so zum einen oder anderen Bäcker. Es gab ein heute kaum mehr nachvollziehbares Entscheidungskriterium: Welchen Bäcker man bevorzugte, war bei den meisten von der Konfession abhängig. «Protestanten, die etwas auf sich hielten», bevorzugten die Bäckerei Epple, während «gute Katholiken» vor 70, 80 Jahren ausschliesslich in der Bäckerei Gmünder einkauften. Nur in einem heute ebenfalls kaum mehr vorstellbaren Punkt waren sich gemäss Walter Frei Protestanten und Katholiken einig: In die Migros, die damals einen kleinen Laden an der Vonwilstrasse betrieb, ging man nicht. Man bevorzugte die Quartierläden. Dieser «neumödige Billigladen» sei nichts «für anständige Leute», hiess es in weiten Teilen des Bürgertums bis in die 1960er-Jahre hinein. Erst dann fiel diese Barriere; der Grossverteiler wandelte sich auch in der Lachen zum Laden für alle, der er bis heute ist. Walter Frei vermutet, dass in der Zeit um 1968 dank des allgemeinen Mentalitätswandels auch beim Einkaufsverhalten ein Wendepunkt lag. Mit den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren setzte auf jeden Fall auch in der Lachen langsam das Lädelisterben ein.

Walter Frei hat noch andere Erinnerungen an die Bäckereien im Quartier. Ab einem gewissen Zeitpunkt kauften viele das Mehl nicht mehr dort, sondern beim Kolonialwarenladen an der Ecke Stahl- und Metallstrasse. Dort gab es dieses – als grosse Sensation – ohne «Tierchen» drin. Vorher hatte man diese mit Hilfe eines Mehlsiebs entfernt, das in keinem Haushalt fehlen durfte. Ins Mehl gerieten die Würmchen durch dessen ausgiebige Lagerung. Sie war damals ein wichtiger Faktor für die Qualität der daraus hergestellten Backwaren. (vre)

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