Ein Sattler mit eigener Philosophie

  • Der Sattler Beat Niederberger fertigt einen Sattel an, stopft Polsterungen und schneidet mit einem Halbmond Leder.
    Der Sattler Beat Niederberger fertigt einen Sattel an, stopft Polsterungen und schneidet mit einem Halbmond Leder. (Bilder: Michel Canonica)
09.09.2017 | 05:19

LÖMMENSCHWIL ⋅ Im Landwirtschaftsmuseum Ruggisberg zeigt der Sattler Beat Niederberger Sonntag sein Handwerk. Bei einem Besuch in seiner Werkstatt wird klar, warum er seine Arbeit gerne erklärt.

Marlen Hämmerli
Es riecht intensiv nach Leder. Durch die Fenster über der Werkbank fällt Licht in die Werkstatt herein. Pferdesättel liegen auf Holzböcken und auf einem Holzregal steht ein kleines Schaukelpferd. Beat Niederberger, der mit seiner Frau Susan die Sattlerei in der Weiermüli bei Gossau führt, steht auf einer hohen Leiter. Vorsichtig zieht er eine Kartonschachtel mit Wollstoff vom Regal. «Damit müsste es gehen», sagt er zu seiner Mitarbeiterin. Diese restauriert gerade den Kutschbock.
 

Kutschen, Oldtimer und Camper reparieren

In seiner Werkstatt fertigt Niederberger auf Mass Sättel und Pferdegeschirr an. Er restauriert und konserviert Kutschen oder Oldtimer. «Also Autos, die wie Kutschen aussehen.» Und er führt allerlei Reparaturen durch. «Ich repariere etwa die Polster von Campern oder Sesseln.»
Das Sattlerhandwerk ist neben dem Reitsport Niederbergers Leidenschaft: «Ich wollte immer eine eigene Sattlerei besitzen, um meine Philosophie leben zu können.» Niederberger sieht sich als Vermittler handwerklicher Traditionen. Für die Restauration und Konservierung alter Stücke sei es notwendig, sich die Techniken von früher anzueignen und die entsprechenden Materialien und Werkzeuge zu benutzen. «Ich möchte diese Techniken mit ihren Feinheiten und ihrer Eleganz bewahren.» Dabei sind Niederbergers Ansprüche hoch. Zumindest an die Handwerkskunst von früher will er anknüpfen. Ist er mit dem Endprodukt nicht zufrieden, wird es nochmals angefertigt.

Ein britischer Adliger vergab eine Arbeit nach Gossau

Immerhin: Den Ansprüchen eines englischen Adligen genügte Niederberger. Für diesen restaurierte der Sattler eine orange Bockdecke mit goldenen Borten. In einem Album hat er alles festgehalten: In welchem Zustand die Decke war und wie er sie wieder herrichtete.

Aber auch Niederberger fing klein an. Wäre es nach seinem Vater gegangen, hätte er Metzger gelernt. Aber: «Ich wusste seit der vierten Klasse: Entweder werde ich Hufschmied oder Sattler.» Dass er selber ritt, habe da sicher mitgespielt. So suchte er eine Lehrstelle und wurde bei Kerzers fündig. Aufgewachsen in Sarnen, kam Niederberger nur etwa dreimal pro Jahr nach Hause. «Das Haus der Familie Zaugg wurde zu meinem zweiten Zuhause.» Es sei toll gewesen, die offene Art der Berner Seeländer zu erleben. Diese Offenheit zeigt sich auch bei Niederberger. Wer seine Werkstatt betritt, fühlt sich willkommen. Bereitwillig zeigt der Sattler sein Handwerk, und ruhig erklärt er der Mitarbeiterin und dem Lehrling die Arbeit.

Nach Lehre, Militärdienst und Auslandaufenthalt arbeitete Niederberger in einer St. Galler Sattlerei und packte sogleich die nächste Herausforderung an. Als bis dahin jüngster Absolvent bestand er die Meisterprüfung. Für ihn selbst nichts Bemerkenswertes: «Ich habe sie gemacht wie jede andere Prüfung auch.»

Dann, 1991, eröffneten Niederberger und seine Frau in Herisau eine Sattlerei. Er selbst lebte in Gossau. «Das war mühsam, weil wir abends häufig nochmals in die Werkstatt fuhren.» Deshalb zog die Sattlerei 1996 in die Weiermüli, in ein Gebäude mit Geschichte: «Hier hatte Gröbli, der Erfinder der Schifflistickmaschine, sein Geschäft», sagt Niederberger, und plötzlich beginnen seine blauen Augen zu leuchten. «Ich hoffe, wir führen seine Tradition weiter und sind ebenso innovativ.»

Das Landwirtschaftsmuseum Ruggisberg zwischen Freidorf und Häggenschwil hat am Sonntag, 10 bis 16 Uhr, offen. Der Sattler Beat Niederberger wird das Sattlerhandwerk in der Landwirtschaft vorstellen und zwei Kinderkutschen zeigen. Dabei handelt es sich um exakte Nachbildungen grosser Kutschen. Doch statt von Pferden, wurden die Kinderkutschen von Kindermädchen gezogen.

Ausserdem wird Gertrud Schnider zeigen, wie eine Flachsbrechete funktioniert und das Bürgerturnerchörli St. Gallen jodelt um 11 und 14 Uhr.

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