DISKUSSION

Verderben ehrgeizige Eltern Kindern den Sporttag?

In St.Gallen wurde ein Kinderwettrennen abgeschafft, weil Eltern eine immer präzisere Zeitmessung und Rangliste forderten. In den sozialen Medien gibt es für diesen Ehrgeiz wenig Verständnis.
07.09.2017 | 16:59
Martin Oswald

Im St.Galler Quartier Rotmonten, nahe der international bekannten Universität HSG, wird in Zukunft auf das Kinderwettrennen "Dä schnellscht Rotmöntler" verzichtet. Der Gund: Nach dem Wettrennen gab es immer häufiger Diskussionen, welches Kind das schnellste war. Man erzählt sich, manche Eltern hätten die Ranglisten angezweifelt und sich über ungenaue Zeitmessungen beklagt. Die Lehrkräfte sahen sich gezwungen, sehr genaue Messungen zu machen. Die Rede ist von digitaler Zeitmessung, Zielfotos und Zeitlupe. Das sei sehr aufwändig geworden, sagt Schuldirektor Markus Buschor.  Das St.Galler Tagblatt berichtete am Mittwoch darüber.

 

"Bestraft werden die Kinder"

Ist der überbordende Ehrgeiz von Mamis und Papis nur ein lokales Phänomen oder gar ein Zeichen der Zeit? Auf Facebook wird die Frage heftig diskutiert. Für viele ist es völlig unverständlich, dass Eltern hier die Schule unter Druck setzen. "Traurig für die Kinder, beschämend für die Eltern", schreibt Maja Müller in ihrem Kommentar. "Peinlich", wirft Mark Sutter in die Runde und viele tun es ihm in träfen Worten gleich.

Britta Böhni schreibt: "Bestraft werden die Kinder, die auch ohne digitale Zeitmessung Spass gehabt hätten." Zudem könne ein Kind, welches nicht gewinne, auch etwas fürs Leben lernen. "Mit Niederlagen umzugehen und einen gesunden Ehrgeiz entwickeln, besser zu werden." Auch Martina Brassel Niklaus betont den Wert solcher Wettkämpfe für Kinder, sofern es nicht um Sieg und Niederlage gehe. "Viele Wettkampfveranstalter verzichten bei Kinderrennen auf Zeitmessung und Ranglisten. Alle bekommen eine Medaille, alle sind happy."

 

Der Wunsch nach einer fairen Rangliste

Diskussions-Teilnehmer Andreas Krebs hat ein gewisses Verständnis für die elterliche Forderung nach Gerechtigkeit. "Zum sportlichen Gedanken gehören halt schon auch korrekte Ranglisten. Wenn ein Kind deutlich vor dem anderen im Ziel ist, aber die schlechtere Zeit aufgeschrieben bekommt, dann ist der Ärger verständlich. Und das wäre mit einfachen Mitteln zu verhindern. Insofern: schade, dass man einen für viele Kinder tollen Anlass einfach absagt!"

Susanne Witzig findet es falsch, solche Rennen gleich zu streichen. "Die grosse Mehrheit der Eltern benimmt sich nämlich sehr normal. Man muss nicht allen Forderungen übereifriger Eltern nachgeben. Wenn es keine Zielfotos gibt, gibt es keine - dann kommen die Überehrgeizigen auch nicht mehr!" Auch ein sportlicher Vater aus dem Quartier meldet sich zu Wort und relativiert den kritisierten Ehrgeiz: "Bei knappem Ausgang dürfen die Eltern am Rand auch mal einen Spruch machen." 

International zu reden gab 2016 der Kindermarathon in Linz. Ein Fotografen machte ein Bild, wie Eltern ihre Kinder bei diesem 42-Meter-Lauf an der Hand ins Ziel zerren. Die Diskussionen führten dazu, dass dieser Wettkampf aus dem Programm gestrichen wurde.
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