"Die Nörgler können ja aufs Land ziehen"

  • Schwieriges Nebeneinander: Die Historische Chilbi und der Stiftsbezirk.
    Schwieriges Nebeneinander: Die Historische Chilbi und der Stiftsbezirk. (Elisabeth Reisp)
09.06.2017 | 14:13

KRACH UM ST.GALLER CHILBI ⋅ Der Knatsch um die Historische Chilbi in St.Gallen löst bei Besuchern des Anlasses vorwiegend Kopfschütteln aus. Wenn die geistige Ruhe im Stiftsbezirk für ein paar wenige Tage gestört werde, sei das nicht weiter schlimm.

Daniel Walt
"Nach 22 Uhr darf man in den Restaurants nicht mehr draussen sitzen, Bars müssen um 1 Uhr schliessen. Und jetzt der Ärger um die Historische Chilbi. Kann es das wirklich sein?" Die 30-jährige St.Gallerin Stephanie Röthlisberger hat eine dezidierte Meinung zum Krach um die erstmals durchgeführte Historische Chilbi auf dem Gallusplatz im Klosterbezirk. Ladeninhaber hatten kritisiert, dass ihnen die teils hohen Bahnen direkt vor ihre Geschäfte gestellt worden seien. Kritik gab es auch vom Dompfarrer: Beim Gallusplatz mit dem angrenzenden Stiftsbezirk handle es sich um einen sensiblen Ort, mahnte er und fand es einen "unmöglichen Zustand", dass die Bahnen so nahe an der Kathedrale stünden.

Stephanie Röthlisberger, St.Gallen. (dwa)

"Wer in der Stadt lebt, weiss das"

Für Stephanie Röthlisberger ist klar: Mit Kritik an Anlässen wie der Chilbi vertreibt man die Leute aus St.Gallen. "Wer in der Stadt lebt, weiss, dass es manchmal auch etwas lauter zu- und hergeht. Die Nörgler können ja aufs Land ziehen", sagt die St.Gallerin. Sie ist überzeugt: Wegen der Bahnen vor den Geschäften wird kein Ladenbetreiber weniger Umsatz machen. "Die Leute, die in diese Läden wollen, wissen ohnehin, wo sie zu finden sind", sagt Röthlisberger.

Anna Wössner, St.Gallen. (dwa)

"Bünzlis sind überall"

Auch die 70-jährige Anna Wössner aus St.Gallen versteht die Kritik an der Historischen Chilbi nicht. "In St.Gallen wird immer gejammert, es laufe nichts. Vor allem der Gallusplatz ist oft leer", stellt sie fest. Für Junge und Junggebliebene sei eine solche Chilbi doch ein Ereignis – und wegen der paar Tage gehe es den angrenzenden Geschäften weder besser noch schlechter. Die Kritik am Anlass habe sicher mit einem gewissen Bünzlitum zu tun, sagt Wössner – genauso wie der Streit um das Weihern Open Air, das auf dem Hügel doch viel besser aufgehoben sei als in der Grabenhalle. Dass es in St.Gallen aber mehr Bünzlis als anderswo gibt, findet sie nicht: "Die sind überall."

Walter und Katharina Rihner, Bülach. (dwa)

"Dann ist eine Stadt tot"

Hinter vorgehaltener Hand wird von Passanten auch ein gewisses Verständnis für jene geäussert, welche die Historische Chilbi kritisieren. Ein Mann findet den Gallusplatz nicht den richtigen Ort für einen solchen Anlass. Und eine Frau aus dem Waadtland teilt die Ansicht des Dompfarrers, dass die Bahnen zu nahe an der Kathedrale aufgestellt worden seien. Walter Rihner aus Bülach und seine Frau hingegen befürworten den Anlass klar: Solche Veranstaltungen gebe es ja nicht jedes Wochenende, sagt er. "Und wenn die geistige Ruhe im Kloster für ein paar Tage gestört wird, ist das auch nicht weiter schlimm." Generell findet Walter Rihner, dass in einer Stadt solche Veranstaltungen ihren Platz haben müssen. "Wenn nichts läuft, ist eine Stadt irgendwann tot. Und das kann ja nicht das Ziel sein."

Daniel Sutter, Abtwil. (dwa)

"Eine gewisse Rücksicht braucht es"

"Die Historische Chilbi findet zum ersten Mal statt. Von daher ist klar, dass der Widerstand etwas grösser ist - das braucht wohl einen gewissen Gewöhnungseffekt", sagt der Abtwiler Daniel Sutter. Der 54-Jährige befürwortet den Versuch, etwas mehr Leben ins Klosterviertel zu bringen, das immer wieder als "tötelig" beschrieben werde. "Auf der anderen Seite ist der Anlass für Ladenbesitzer und Anwohner sicher laut", hält Sutter fest. Deshalb könne er Kritik von jener Seite durchaus nachvollziehen, genauso wie jene des Dompfarrers, zumal am Sonntag Welterbetag im Stiftsbezirk sei – "da prallen verschiedene Bedürfnisse aufeinander", sagt Sutter. Er vermutet, dass man es sich in St.Gallen weniger als anderswo gewohnt sei, dass das Leben auch draussen stattfinde. "Ich persönlich finde entsprechende Bestrebungen gut. Aber eine gewisse Rücksicht braucht es."

Berechtigte Kritik oder die übliche Nörgelei? Lesen Sie auch unser Pro und Contra zum Thema



 

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Kommentare
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geschrieben am 09.06.2017 15:43 | von Georg Ritter

Ich äussere mich nicht zur Frage, ob auf dem genannten Platz eine Chilbi sein dürfe oder nicht. Das ist mir nicht von Bedeutung. Es geht um etwas Wichtigeres: Wenn die oben gezeigte Dame daherplappert, die "Nörgler können ja wegziehen", ist ein wichtiger Teil des Schulunterrichts an ihr vorbeigezogen, oder sie hat nicht erfassen wollen, wie die Demokratie funktioniert. Da sagt man eben grad nicht, der, dem es nicht passe, könne ja verschwinden. Beim nächsten Mal könnte es nämlich sie treffen, das "Kannst ja abhauen, wenn es dir nicht passt!".

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geschrieben am 09.06.2017 17:58 | von Christian Züst

Gut geschrieben, Herr Ritter.
Mir geht es auch nicht um die Chilbi aber:
Wir auf dem Land sind keine Nörgler!
Es wird nur dort differenziert wo es einem in den Kragen passt, so werden
Andersgesinnte zu Nörgler,
Bürger zu Bünzlis und
Freiheitskämpfer zu Terroristen etc. -
und wenn sie nicht freiwillig wegziehen,
werden sie umplaziert!

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