Den letzten Kampf verloren: Das Tschudiwies ist geschlossen

  • Skelett, Spinnrad. Alles ist für dem Umzug ins renovierte St.-Leonhard-Schulhaus bereit.
    Skelett, Spinnrad. Alles ist für dem Umzug ins renovierte St.-Leonhard-Schulhaus bereit.
08.07.2017 | 13:32

ST.GALLEN ⋅ Zum letzten Mal sind gestern Schüler in den Gängen den Schulhauses Tschudiwies gerannt, zum letzten Mal hat die Glocke zur Pause geklingelt. Dass dies während 64 Jahren möglich war, grenzt an ein Wunder. Das Schulhaus war von Anfang an ein Zankapfel.

Elisabeth Reisp

Bevor überhaupt ein Stein auf den anderen gesetzt werden konnte, war das Schulhaus Tschudiwies bereits Anlass für Streitereien. Vor der Volksabstimmung über den Schulhaus-Bau im Februar 1952 teilte sich die Stimmbevölkerung in zwei Lager. Für die einen war ein weiteres Schulhaus für St.Gallen Centrum unabdingbar, für die anderen war es eine «Geldverlochete». Ein Blick in die Archive zeigt, dass um das Schulhaus viele Kämpfe ausgetragen wurden. Immer waren es die Quartierbewohner, die «ihr» Schulhaus gegen alle Schliessungs- und Umwandlungspläne hartnäckig verteidigten. Die ersten 64 Jahre mit Erfolg.

Das Schulhaus am Bernegghang hat seinen Namen von Friedrich von Tschudi. Ein Glarner, der 1847 nach St.Gallen zog, um den Gutsbetrieb Melonenhof zu führen. Das Schicksal hatte andere Pläne für ihn: Von Tschudi wurde Regierungsrat und später auch Ständerat. Schule und Bildung waren ihm als Erziehungsdirektor ein Anliegen. Als Gelehrter und Schriftsteller brachte er das Buch «Tierleben der Alpenwelt» heraus, das grosse Beachtung fand. Das Mosaik mit den heimischen Tieren an der Wand des Schulhauses ist dem Schaffen Friedrich von Tschudis gewidmet.

Der Melonenhof war bis 1935, als die jüngste Tochter von Tschudis starb, in Familienbesitz. Danach wurde ein Stück Land der Stadt verkauft, die Tschudi-Wiese. Bis darauf das Schulhaus zu stehen kam, sollte es noch einige Jahre dauern. Fast wäre das Projekt «Schulhaus Tschudiwies» an der Urne gescheitert. Mit nur 200 Stimmen Differenz wurde das damals teure Projekt angenommen, rund zwei Millionen hatte das komplette Schulhaus inklusive Turnhalle und Spielplatz schliesslich gekostet. Das Schulhaus bot Platz für die erste bis sechste Klasse sowie für drei Abschlussklassen. 1953 bezogen 320 Schüler das neue Schulhaus. Bis zu 40 Schüler wurden in einer Klasse zusammengefasst.

Weshalb der Quartierverein gegründet wurde

25 Jahre später musste sich das Quartier erneut für sein Schulhaus einsetzen. Die Schulkommission entschied 1978, die Mittelstufe ins Riethüsli zu verlegen und dafür mehr Oberstufenklassen im Tschudiwies zu unterrichten. Allerdings wurden weder Lehrer noch Eltern über diesen Schritt unterrichtet. Wie Gewitterwolken formierten sich die aufgebrachten Quartierbewohner und entluden ihren ganzen Unmut einem Sommergewitter gleich über den Köpfen der Behördemitglieder. Dem Quartier werde das Schulhaus «gestohlen», heisst es in einem Zeitungsbericht von damals. Nach etlichen Zeitungsberichten, Leserbriefen (ein gewisser Alfred Mallepell taucht bereits 1978 in den Leserkommentarspalten auf) und Versammlungen ruderte die Schulbehörde zurück: Die Primarschüler durften alle auch weiterhin in ihrem Quartier zur Schule gehen. Die wehrhaften Quartierbewohner, beflügelt von ihrem Erfolg, entschlossen sich daraufhin, den Quartierverein Tschudiwies zu gründen. Um sich auch weiterhin für ihr Quartier und ihr Schulhaus einzusetzen.

Das Schulhaus sei immer ein ganz besonderes gewesen, erinnert sich Alfred Mallepell, Präsident des Quartiervereins, heute. Seine Buben seien gerne dort zur Schule gegangen. Zwischen Lehrern, Schülern und Eltern habe stets ein besonders gutes Einvernehmen geherrscht. «Meine Buben gingen, als sie bereits in der Oberstufe waren, ihren ehemaligen Klassenlehrern einen Besuch abstatten».

Die Versprechungen von damals

Kein Wunder also, war die Aufregung gross, als es 2010 keine erste Klasse mehr im Tschudiwies gab. Der Grund dafür seien zu wenige Schüler im entsprechenden Jahrgang gewesen, hiess es damals seitens Schulamt. Im Jahr darauf durften die «Erstgixe» aus dem Quartier wieder am Bernegghang zur Schule. Eine Schliessung sei nie zur Diskussion gestanden, äusserte sich das Schulamt 2011 gegenüber dieser Zeitung. Das Schulamt halte an diesem Schulhaus fest. «Zumindest auf absehbare Zeit . . .»

Sechs Jahre später haben die Quartierbewohner aber den letzten Kampf um ihr Schulhaus verloren. Gestern gingen die Kinder zum letzten Mal im «Tschudiwies» zur Schule.

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