Chucki pinkelt durch die Nase

  • Jsabella Feldmann füttert ihren Chuckwalla, einen Vegetarier, mit einer Blume. «Er liebt alles, was knallrot und gelb ist», sagt die Engelburgerin, die die Echse vor fünf Jahren übernahm, nachdem diese nichts mehr gefressen hatte.
    Jsabella Feldmann füttert ihren Chuckwalla, einen Vegetarier, mit einer Blume. «Er liebt alles, was knallrot und gelb ist», sagt die Engelburgerin, die die Echse vor fünf Jahren übernahm, nachdem diese nichts mehr gefressen hatte. (Bilder: Benjamin Manser)
11.07.2017 | 05:16

ENGELBURG ⋅ Wenn Jsabella Feldmann von ihren Haustieren erzählt, verstehen die meisten Leute nur Bahnhof. Nicht, weil die 45-Jährige es so kompliziert erklärt, sondern weil ihre Tiere exotischer nicht sein könnten.

Corinne Allenspach

Corinne Allenspach

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@tagblatt.ch

Jsabella Feldmann zögert. «Also, ich weiss nicht, ob ich die richtige Person bin für Ihre Serie», sagt sie am Telefon. Schliesslich habe sie den Tierbestand in letzter Zeit stark reduziert. Aber schon nach wenigen Sätzen ist klar: Die Engelburgerin ist absolut die richtige Person. Denn ihre Geschichten sind so exotisch und einmalig wie die Tierarten, die sie schon gehalten hat: Schmuckhornfrosch, Harlekinkrabbe, Martinique-Anolis, Stachelmaus, Axolotl, Samtgecko, Halsband- leguan, Turkmenischer Maushamster, Chuckwalla. Die Liste liesse sich schier endlos weiterführen. Zu Spitzenzeiten habe sie mehr als 300 Tiere versorgt. Heute sind es – auch der Liebe zu ihrem Mann wegen – «nur» noch etwa 30. Darunter nebst Echsen und Mäusen auch Katzen, Meerschweinchen und Schildkröten.

Reptilien übertragen die Ruhe auf ihren Betrachter

Bei ihr daheim zeigt sich rasch: Das Herz der 45-Jährigen schlägt für Nager und Reptilien und sie liebt Herausforderungen. Vorsichtig holt Jsabella Feldmann eines ihrer zwei Buschkrokodile aus dem Terrarium. Das fingerlange Reptil schaut noch etwas verschlafen, und die Engelburgerin lässt keinen Zweifel daran, dass sie verliebt ist in das schwarze Tier mit seinen orange umrandeten Augen. «Reptilien sind einfach grandios», sagt sie. «Sie faszinieren allein mit ihrem Dasein. Sie strahlen eine Ruhe aus, die sich auf den Betrachter überträgt.» Ihr absolutes Lieblingstier beäugt den Besuch äusserst kritisch: Ein Chuckwalla, eine der letzten Urechsen auf der Welt. Von einem «Chucki» hatte die Engelburgerin schon immer geträumt. Vor fünf Jahren erfüllte sich der Traum. «Ich liebe ihn, weil er so hässlich ist», sagt sie und lacht. Dass Chucki eine etwas ungewöhnliche Eigenart hat, erfuhr Jsabella Feldmann erst daheim. Zuerst habe sie gedacht, Chucki sei erkältet, weil er immer schneuzte. Dann stellte sich heraus: Chuckwallas pinkeln durch die Nase. Die Engelburgerin nimmt’s gelassen. Jetzt müsse sie die nächsten 20 Jahre halt jeden Tag die Terrarienfenster putzen.

20 verrückte, aber auch lässige Jahre

Für Jsabella Feldmann sind Echsen nicht Hobby – das ist die Zucht von Chili-Pflanzen, aktuell in 26 verschiedenen Sorten –, sondern Leidenschaft. Angefangen hat diese, als sie als 20-Jährige in einem Tierheim aushalf und dort zwei kranke und verwahrloste Bartagamen abgegeben wurden. Niemand habe gewusst, wie man sie richtig hält. Daraufhin hat die junge Tierfreundin angefangen, Bücher zu wälzen und sich Wissen anzueignen. Was folgten, waren «20 verrückte, aber auch lässige Jahre». Sie wurde immer mehr zur Echsen- und Nagerexpertin, hat europaweit Berichte geschrieben zusammen mit Universitäten. Sie hat verschiedene Tiere gezüchtet, unter anderem gelang ihr die Nachzucht von Winkelkopfagamen und Pyramidenagamen. «Das war europaweit einzigartig.» Sie übernahm unzählige Tiere aus schlechter Haltung, päppelte sie auf und vergesellschaftete sie wieder. Sie stand Tierärzten bei Bedarf beratend zur Seite und arbeitete bei der Gründung der zwei Stiftungen SOS Tiere in Not und Schweizer Tierhilfe mit. Und sie war Vizepräsidentin des inzwischen aufgelösten Terrarienvereins Bodensee. «Wenn Tiere geplagt werden, werde ich zum Löwen», sagt Jsabella Feldmann, und ihr Tonfall lässt keinen Zweifel daran. Bei aller Tierliebe bleibt sie aber realistisch: «Ich kann die Welt nicht retten», sagt sie. Aber sie habe ganz viele Tropfen auf den heissen Stein gemacht. Beruflich mit Tieren arbeiten wollte sie, die beim Amt für Feuerschutz tätig ist, aber nie. «Das ginge mir viel zu nahe. Das wäre mir zu emotional.»

Wenn jemand Rat braucht zur richtigen Haltung von Reptilien, gibt sie diesen jederzeit gerne. Zentral sei, die Lebensumstände der Tiere in ihrem Heimatland genau zu kennen. «Danach muss man die Umgebung möglichst naturnah nachbauen.» Mit allem, was dazu gehöre: Temperatur, Licht, Ernährung, Einrichtung. Was eine falsche Haltung bei Reptilien bewirken kann, weiss Jsabella Feldmann nur zu gut. Einmal wurde sie zu einem Notfall bei einer Bartagame gerufen, die sich nicht mehr bewegte. Als die Engelburgerin ankam, war das Tier bewusstlos und das Herz hörte gerade auf zu schlagen. «Ich habe mit der Echse mitten auf einem Parkplatz Mund-zu-Mund-Beatmung und Herzdruckmassage gemacht. Hoffentlich hat mich niemand gesehen», sagt sie und lacht. Später päppelte sie das Tier daheim wieder auf.

In die Terrarien schauen und sich in Neuguinea wähnen

Und was macht sie mit den Tieren in den Ferien? Diese Frage stellt sich kaum, denn Jsabella Feldmann geht praktisch nie in die Ferien. Viel lieber setzt sie sich in ihren bequemen Liegestuhl im Echsenzimmer und schaut einfach in die naturnah eingerichteten Terrarien. «Dann bin ich in Utah, Madagaskar, Neuguinea oder sonst wo. Ich werde nur nicht braun.»

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