Im Multertor lagerten Gewehre

  • Mauerreste des Multertors im Graben der Leitungsarbeiten.
    Mauerreste des Multertors im Graben der Leitungsarbeiten. (Bild: PD)
08.03.2017 | 07:17

ZEITZEUGEN ⋅ Bei Leitungsarbeiten vor dem «Globus» sind Reste des spätmittelalterlichen Multertors zum Vorschein gekommen. Diese sind bis Ende nächster Woche zu bestaunen. Dann wird der Graben wieder zugeschüttet.

Christoph Renn

Christoph Renn

christoph.renn@tagblatt.ch

Bauarbeiter in orangen Westen stehen mit Schaufeln im Graben. Einer sitzt im Bagger und hievt Erde aus dem rund fünf Meter langen Loch vor dem Globus in die bereitstehende Mulde. Passanten schlendern mit Einkaufstaschen am Graben vorbei, ohne den Arbeiten Beachtung zu schenken. Dabei fördern diese Überraschendes zu Tage: Rund 60 Zentimeter unter den Pflastersteinen ragen geschliffene Steine hervor. Steine, die säuberlich von der Erde befreit und von der Baggerschaufel verschont bleiben. Aus gutem Grund: «Das sind Reste der Ostmauer des spätmittelalterlichen Multertors», sagt Thomas Stehrenberger, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Kantonsarchäologie.

Die rund zwei Meter breiten Grundmauern des Multertors sind jedoch nur kurz zu bestaunen. Denn die Steine sind nur deshalb zum Vorschein gekommen, weil vor dem «Globus» Leitungen für die Fernwärme verlegt werden. «Bis Ende nächster Woche sind diese Arbeiten voraussichtlich abgeschlossen und das Zeitzeugnis verschwindet wieder unter der Erde», sagt Stehrenberger. «Wir haben alles vermessen und dokumentiert.»

Häuser niedergebrannt und Bäume gefällt

Historische Befunde, wie jener an der Ecke Multergasse und Oberer Graben, hat es in den vergangenen Jahren in der Altstadt häufiger gegeben. Denn seit 2009 werden die Werkleitungsarbeiten und Neupflästerungen in der Altstadt systematisch von Archäologen begleitet. «Wir machen jedoch keine Forschungsgrabungen. Wir dokumentieren die Befunde und retten sie teilweise vor der Zerstörung.» Für Stehrenberger zählt die Offenlegung des Mauerwerkes des Multertors zu einem der Highlights. Es sei ein weiterer Puzzlestein, der die Geschichte der Stadt St.Gallen erkläre. Nicht genau erklären könne er hingegen, woher das Tor den Namen habe. Einen Versuch unternimmt Ernst Ziegler in seinem Buch «Die Tore der Stadt St.Gallen». «Für ‹Mult› als Geschlechtername fand sich bis heute bloss ein Beispiel», schreibt er. Nämlich im ältesten Totenbuch der Stadt. Dort stehe, dass 1578 «die alt Multin im Spital» gestorben sei. Der Gassenname stehe jedoch eher mit dem Bäckerhandwerk in Beziehung, denn Multer bedeute so viel wie «der mit dem Backtrog Arbeitende». Ebenfalls unklar ist, wann das Multertor genau gebaut wurde, wie Ziegler weiter in seinem Buch festhält. Historisch belegt sei, dass das Tor am westlichen Ende der Multergasse bereits im 15. Jahrhundert stand. Denn als die Eidgenossen während des St.Gallerkrieges 1490 die Stadt belagerten, wurden als Vorbereitung Häuser vor dem Multertor niedergebrannt und Bäume gefällt. Dies geht aus einem Bericht von Vadian hervor.

Das Tor diente als Waffenarsenal

Die Geschichte des Tors ist durch Kriegsvorbereitungen geprägt: So erfährt man aus einem Verzeichnis der Kriegsausrüstung 1532, dass an bestimmten Stellen über 110 Gewehre und Geschütze deponiert waren, dazu Armbrüste und Spiesse, Pulver, Kugeln und Blei, schreibt Ziegler. Am Anfang des Dreissigjährigen Krieges (1620) sei das Multertor mit Fallbrücke und Fallgatter verstärkt worden. Doch wie die anderen grossen Tore der Stadt wurde auch das Multertor im 19. Jahrhundert abgebrochen. «1839 fiel es dem Zeitgeist zum Opfer», schreibt Ziegler. Zeitgleich wurde der Stadtgraben aufgefüllt.

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