DORFLEBEN

Ein Dorf verabschiedet seine Post

Die Poststelle Mörschwil ist Geschichte. Am Mittwoch hatte sie zum letzten Mal geöffnet. Viele Kunden nutzten den Tag, um sich bei den Angestellten zu bedanken.
15.03.2017 | 17:03
Perrine Woodtli
Die letzte Stunde der Poststelle in Mörschwil hat geschlagen. Am Mittwoch öffnete die Filiale zum letzten Mal für ihre Kunden. Diese erschienen teilweise im Minutentakt. Einige hoben nochmals Bargeld ab, andere deckten sich mit Briefmarken ein. Ein älterer Herr wollte nochmals Lotto spielen – die Lottomaschine war jedoch bereits weg. Viele Bewohner waren vor allem gekommen, um sich zu verabschieden.

«Es ist nur schade, dass die Post weg muss. Es wird etwas fehlen», sagt ein Kunde, der an diesem Vormittag noch letzte Erledigungen in der Post tätigen will. In die neue Postagentur im Volg, die ab heute geöffnet ist, werde er nicht gehen. «Ich werde wohl nach Goldach oder St.Gallen fahren. Solange es noch Poststellen gibt, werde ich diese nutzen.» Ein anderer Kunde stimmt ihm zu. Auch er werde nicht in die Postagentur gehen. «Ich finde es eine Sauerei, dass die Post schliessen muss», ergänzt der Mann. Auch ein älteres Ehepaar bedauert den Entscheid. «Jedes Mal, wenn ich in der Post war, traf ich andere Leute. Es war immer etwas los. Jetzt geht eine Ära kaputt», sagt die Frau. Ihr Mann pflichtet ihr bei: «Die Leute, die solche Entscheide fällen, haben kein Gespür dafür, was sie damit auslösen.» Sie beide würden nun erst mal schauen, wie sie sich zurechtfinden. Jedes Mal eine Fahrt nach St. Gallen auf sich zu nehmen, finden sie absurd. «So gibt es nur noch mehr Verkehr, das kann es nicht sein», sagt die Frau.

Es gibt vereinzelt aber auch andere Meinungen. Ein Mann sieht das alles nicht so eng. «Das ist nun mal der Lauf der Entwicklung.» Eine junge Kundin betrifft die Schliessung nicht gross, sagt sie. «Ich nutze die Poststelle nur, um Pakete aufzugeben. Das klappt sicher auch im Volg gut.» Ein anderer Kunde sieht das anders. «Die Poststelle ist sehr persönlich und privat. Nicht jeder will, dass alle rundherum mitbekommen, was für Pakete man aufgibt oder was für Einzahlungen getätigt werden», sagt er. Im Volg existiere dieses sichere Gefühl nicht mehr, da man sich inmitten von Einkaufskunden befinde. «Meine Post geht doch aber niemanden etwas an.»

Emotionaler Abschied von vertrauten Kunden
Ein Hauptgrund für die gestrigen Besuche waren auch die Angestellten. Erika Bodenmann bedient die Mörschwiler seit 2013. Seit 37 Jahren arbeitet sie bei der Post. Sie trifft die Schliessung besonders. «Ich arbeitete vorher in einer Filiale in der Stadt. Das ist etwas ganz anderes als auf dem Land», sagt Bodenmann. Die Mörschwiler Post sei eine Begegnungszone. Man kenne sich, begrüsse sich immer mit dem Namen. Das ältere Ehepaar stimmt zu. «Hinter dem Schalter steht nicht einfach irgendjemand, sondern ein vertrauter Mensch», sagt der Mann. Er und seine Frau bedanken sich wie viele andere an diesem Tag bei Bodenmann für ihren kompetenten und freundlichen Service. «Doch leider zählte das nichts», sagt die ältere Frau enttäuscht.
Auch Bodenmann ist enttäuscht. Die 54-Jährige wird während einer Woche noch den Betrieb der Postagentur im Volg begleiten. Danach wird sie vorläufig in der Poststelle an der Langgass in St.Gallen arbeiten. Dann muss sie weitersuchen. «Ich hätte nie gedacht, dass ich nach 37 Jahren bei der Post nochmals auf Stellensuche gehen muss», sagt Bodenmann. Es sei emotional für sie, wenn Kunden extra vorbeischauen, um sich bei ihr zu bedanken und sich zu verabschieden. «Viele Kunden sehe ich vielleicht nie mehr, das ist schade.»

Der letzte Arbeitstag unter solchen Umständen sei schon speziell, sagt sie. Überall stehen Umzugskisten herum, zahlreiche Schränke wurden bereits ausgeräumt. Das Chaos hinter den Schaltern führt Erika Bodenmann vor Augen, dass wirklich bald Schluss ist. Dennoch begrüsst sie ihre Kunden stehts mit einem Lächeln – auch an einem für viele so traurigen Tag.
 
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