Als der Bundesrat im «Nest» eingriff

  • Scheffelstein (vorne), Nestweiher, einige Häuser, eine Gärtnerei (Mitte): das Riethüsli, wie es Walter Mittelholzer 1924 sah.
    Scheffelstein (vorne), Nestweiher, einige Häuser, eine Gärtnerei (Mitte): das Riethüsli, wie es Walter Mittelholzer 1924 sah. (Bild: ETH-Bildarchiv)
09.03.2017 | 08:44

RIETHÜSLI ⋅ Der Historiker Fredi Hächler hat Fakten und Bilder zur Entwicklung des St.Galler Riethüsli-Quartiers in einem Buch zusammengetragen. Vom Hochhausprojekt auf der Solitüde bis zu düpierten Katholiken.

Beda Hanimann

Beda Hanimann

beda.hanimann

@tagblatt.ch

Sie haben alles probiert, die Katholiken vom Riethüsli. 1958 deponierten sie bei der Kirchenverwaltung ihren Wunsch nach einer eigenen Kirche. Sie gründeten Vereine und Komitees, organisierten kirchliche Feste. Sie feierten in der Aula der Gewerbeschule Gottesdienste. Und sie suchten für ein gemeinsames Vorgehen das Gespräch mit der reformierten Kirchenvorsteherschaft. Alles ohne Ergebnis.

Platz für eine Kirche wäre reichlich vorhanden gewesen, das riesige Areal der Gärtnerei Buchmüller-Wartmann wurde ab den 1930er-Jahren parzellenweise zu Bauland. Doch es waren überraschend die reformierten Riethüsler, die dort 1980 zu einer Kirche kamen. «Noch heute spukt in den Köpfen von älteren Riethüslern der Gedanke herum, dass der reformierte Albert Buchmüller keinen Boden für einen katholischen Kirchenbau verkaufen wollte», schreibt Fredi Hächler in «Riethüsli – Geschichte und Geschichten».

Das Ringen um die Kirche (1987 waren die Katholiken dann doch noch erlöst worden) und der Aufstieg und Fall der einst schweizweit als Musterbetrieb geltenden Gärtnerei sind zwei der Episoden, die der Quartierhistoriker und Mitarbeiter des Stadtarchivs zusammengetragen, mit reichlich aktuellem und vor allem historischem Bildmaterial illustriert und als stattliche Broschüre von 160 A4-Seiten herausgegeben hat.

Bis 1965 ein homogenes Arbeiterquartier

Die Sache mit den Kirchen macht eine Besonderheit des Quartiers deutlich. Das Riethüsli hat nicht, wie etwa das benachbarte St. Georgen, überlieferte dörfliche Strukturen. Es bestand bis ins 19. Jahrhundert aus einigen Bauernhöfen und Häusern entlang der 1806 erbauten Zufahrtsstrasse ins Appenzellerland und war bis 1870 eine ländliche Gegend, verteilt auf die drei politischen Gemeinden Tablat, St. Gallen und Straubenzell.

Nach 1900 wurde im Zuge des Stickereibooms das Gebiet um den Nestweiher bebaut, ab den 1960er Jahren eroberte der Wohnbau die Hänge links und rechts der Teufener Strasse – es gab sogar Pläne für drei Hochhäuser auf der Solitüde. «Wir sind geprägt von der Teufener Strasse, im Guten wie im Schlechten», schreibt Hächler.

Das Gute äusserte sich in einem reichen Geschäfts- und Vereinsleben mit Läden, Gewerbebetrieben und Restaurants, mit Sportveranstaltungen und dem Bau einer Skisprungschanze. Für die negative Seite stehen die Verkehrsbelastung auf der Lebensader Teufener Strasse, aber auch zum Teil erbittert geführte Debatten über die weitere bauliche Entwicklung. Aus dem homogenen Arbeiterquartier wurde ein heterogener Stadtteil. «Die soziale Schere begann sich mit dem Bau von Oberhofstetten zu öffnen», sagt Hächler.

Neben diesen grossen Entwicklungen spürt er in seinem Buch auch kleineren Episoden nach. Er erzählt, wie es 1959 eine bundesrätliche Intervention brauchte, dass aus der Haltestelle «Nest» das heutige «Riethüsli» werden konnte. Er erinnert an die ehemals sechs Weiher und 38 Restaurants, an die erste Telefonkabine und die Schliessung der Post. Sein Buch ist eine ergiebige Schatzkammer – nicht nur für Quartierbewohner.

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