HERKUNFTSFORSCHUNG

«Wir schreiben die Geschichte neu»

Peter Müller entdeckt die wahren Geschichten hinter den Objekten im Historischen und Völkerkundemuseum in St.Gallen. Herkunftsforschung ist eben mehr als schlagzeilenträchtige Raubkunst-Vergangenheit.
11.12.2017 | 07:13
Christoph Zweili

Christoph Zweili

christoph.zweili@tagblatt.ch

Masken, Helme, Teller, Vasen, Textilien, oder die «Götterstatue eines ehemaligen Negersklaven aus Brasilien»: Was hier auf dem eiskalt-zügigen Estrich vor sich hin schlummert, ist aufgeladen mit Geschichte. Und Peter Müller ist der Mann im Historischen und Völkerkundemuseum St.Gallen, der diese Schätze findet und beschreibt. Seit sieben Jahren untersucht der Historiker und Herkunftsforscher die Beziehung zwischen Tausenden von Sammlerstücken und der Stadtgeschichte. Er holt das Vergrabene, das Vergessene wieder hervor ans Tageslicht. Wer ahnte schon, dass es einen Zusammenhang zwischen der Boomtown St.Gallen in der Stickereiblüte von den 1860er-Jahren bis 1914, den Indianern und den Inuit gibt? Der Provenienzfachmann findet solche Bezüge. Er entdeckt Wilhelm (1845 bis 1894), den Bruder des berühmten Kräuterpfarrers Johannes Künzle, der zum Teil als Lehrer, zum Teil als Handelsangestellter in den USA lebte, wichtigster Abnehmer der St.Galler Stickereien. Wilhelm Künzle hatte of­fensichtlich Kontakt mit den Indianern und ihrer Welt. Zurück in der kleinen Weltstadt St.Gallen wurde er zum Botschafter in Sachen Native Americans in Nordamerika, deren Geschichte hier in Presseartikeln erstaunlicherweise breit gewürdigt wurde.

«Unsere Vorfahren würden staunen. Wir schreiben quasi die Geschichte neu, weil wir heute viel mehr über unsere Sammlung wissen als früher», sagt Müller. Für ein mittelgrosses Schweizer Museum ist diese Art der Herkunftsforschung exemplarisch. Nur wenige haben eine eigene Stelle geschaffen, um die Geschichte der Museumsobjekte zu erforschen. Um die Biografie eines Ausstellungsstücks herauszuarbeiten, recherchiert Müller in Archiven, Bibliotheken, Datenbanken, Nachschlagewerken im Internet und tauscht sich über ein Netzwerk mit Fachleuten aus, im Herzen noch immer der wissensdurstige Journalist, der er einst war: «Das ist teure und aufwendige, aber lustvolle Knochenarbeit.» Quasi Sisyphus mit einem Happy End: Am Schluss wartet eine Geschichte – oder gar mehrere.

In der Schweiz noch in den Kinderschuhen

Die Provenienzforschung steckt in der Schweiz noch in den Kinderschuhen, ­einen wissenschaftlichen Lehrstuhl gibt es bis heute nicht. Lange Zeit haben sich weder die Museen noch die Öffentlichkeit dafür interessiert, auf welchen Umwegen die Objekte in die Institutionen gelangten. Heute besteht die Herausforderung darin, auch mit einem schwierigen Erbe den richtigen Umgang zu finden. Peter Müller und Sammlungsleiter Achim Schäfer reden daher von einer Grundwelle, «auf der heute alle mitreiten». Dieser moralische Anspruch ist auf das Washingtoner Abkommen zurückzuführen, das sich 2018 zum 20. Mal jährt. Das auch von der Schweiz ratifizierte Abkommen verpflichtet die Staaten, Nazi-Raubkunst zu identifizieren und aktiv Herkunftsforschung zu betreiben. Ein erster Meilenstein der öffentlichen Aufarbeitung war der 2001 veröffentlichte Bergier-Bericht, der die Rolle der Schweiz als Kunsthandelsplatz und Drehscheibe für Kulturgüter zur Zeit des Nationalsozialismus beleuchtete. «Heute ist allen klar, die Museen müssen die Geschichte ihrer Objekte aufarbeiten», sagt Müller.

Das werde allerdings noch ein paar Jahre dauern, weil es noch vieles aufzuholen gebe. «Wir sind ein gutes Beispiel dafür. Wer hätte gedacht, dass es auch bei uns in St. Gallen Nazi-Raubkunst gibt?» Das St. Galler Museum hatte im November bekanntgegeben, dass es zwei Objekte aus der Sammlung des Tessiner Spediteurs und Sammlers mit baslerisch-appenzellischen Wurzeln, Giovanni Züst (1887 bis 1976), freiwillig an die Erben der jüdischen Kunstsammlerin Emma Budge (1852 bis 1937) zurückgibt. Ein Gesetz, das zur Rückgabe verpflichtet, gibt es – anders als etwa in Österreich – in der Schweiz nicht. Die beiden restituierten Schiffe können noch bis Ende Januar in St. Gallen besichtigt werden, danach werden sie in London versteigert: «Da ist Unrecht passiert. Uns ist es wichtig, diese Geschichte offenzulegen.» Drei weitere Objekte aus der gleichen Sammlung liessen sich zwar ebenfalls jüdischen Kunstsammlungen zuordnen, ihre Herkunft ist laut Müller aber unproblematisch – «das lässt sich inzwischen hieb- und stichfest belegen». Der entsprechende Bericht wird im März 2018 veröffentlicht. Das Kunstmuseum Chur hatte bereits 1999 ein Gemälde aus der Sammlung Silberberg zurückgegeben, das der deutsche Maler Max Liebermann 1934 verkauft hatte, als der Druck der Nazis noch geringer war. «Keine Ahnung, ob es in den Ostschweizer Museen noch weitere Fälle geben wird. In unserem Museum eher nicht», sagt Müller.

Das St.Galler Projekt wurde mit Fördergeldern von 20'000 Franken des Bundesamts für Kultur finanziert. Das BAK unterstützt zehn Schweizer Museen dabei, die Herkunft von Kunstwerken in ihren Beständen zu erforschen. «Wir sind schweizweit das einzige Historische Museum, das vom Bund unterstützt wurde, die andern neun sind Kunstmuseen», sagt Sammlungsleiter Schäfer. «Aber die Frage sei doch gestellt: Sind wir wirklich das einzige derartige Museum, das solche Stücke in der Sammlung hat?»

Rolle der Schweiz zur Zeit des Kolonialismus unbeleuchtet

Unglücklich sind Müller und Schäfer nicht über den St. Galler Raubkunst-Fund. «Der Fall ist konkret und belegbar, kein fiktives Ereignis aus einem Dan-Brown-Krimi», sagt Müller. «In dieser komplexen Thematik muss man sich mit allen politischen, historischen, moralischen und rechtlichen Fragen tiefergehend auseinandersetzen.» Für den Provenienzforscher «ein Lernprozess, den grosse Museen machen müssen, aber auch mittelgrosse». Die ganze Restitutionsgeschichte werde auf Raubkunst aus Nazi-Deutschland reduziert, das sei aber nur ein verschwindend kleiner Teil der gesamten Thematik. «Spannend und wichtig ist zum Beispiel auch die Völ­kerkunde». Hier werde die Rolle der Schweiz zur Zeit des Kolonialismus noch zu wenig beleuchtet. Was habe man nicht alles an Kulturgütern den indigenen Völkern weggenommen – in Asien, Afrika, Nordamerika.

Wer kann hier Anspruch auf ein Museumsobjekt mit umstrittenem Ursprung erheben? Und wer eine Entschädigung verlangen? Hier haben die Völkerkundemuseen mit ihren Sammlungen mit kolonialer Vergangenheit von sich begonnen, diese zu hinterfragen und ihre ­Geschichte aufzuarbeiten. Auch in St. Gallen: «Wir wissen zwar von praktisch allen Objekten, woher sie kommen, und meistens auch, wer sie uns gebracht hat. Aber wir kennen oft die zugehörige Geschichte nicht», sagt Müller. Er liebt es, diese Puzzlesteine zusammenzusetzen. Einmal fündig geworden, spricht der St. Galler von «Geschichten-Paketen», die er so schnüren kann. Die Menschen hinter den Objekten sind für ihn Brückenbauer und Mittler zwischen St.Gallen und der weiten Welt. Nun wechselt der 53-Jährige von den Völkerkunde- zu den Historischen Objekten – da warten viele neue Geschichten auf ihn. Alle ungeschrieben.

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