INTERVIEW

Rostige Kanülen am St.Galler Kantonsspital - Patientenschützerin kritisiert: "Am falschen Ort aufs Geld geschaut"

Das St.Galler Kantonsspital ist in die Negativschlagzeilen geraten: Es hatte rostige und verbogene Medizinprodukte gekauft und die Vorfälle nicht gemeldet. Susanne Hochuli, oberste Patientenschützerin des Landes, im Interview.
15.01.2018 | 16:10
Daniel Walt
Frau Hochuli, das St.Galler Kantonsspital sowie weitere öffentliche Schweizer Kliniken haben rostige Kanülen und verbogene Nasensauger aus Pakistan gekauft. Was geht Ihnen als oberster Patientenschützerin durch den Kopf, wenn Sie solche Dinge lesen?
Susanne Hochuli: Dass es im Gesundheitsbereich offenbar an gesundem Menschenverstand und Qualitätsbewusstsein fehlt. Um das festzustellen, muss man übrigens nicht einmal oberste Patientenschützerin sein.
 
Was beschäftigt Sie besonders?
Hochuli: Erhält ein Handwerker mehrmals schadhaftes Material, wird er relativ rasch den Lieferanten wechseln. Ich vermute, dass bei Schweizer Handwerkern das Qualitätsbewusstsein oft höher ist als bei gewissen Leuten, die im Gesundheitswesen tätig sind. Ich frage mich nach diesem Bericht: Wie wird an unseren Spitälern eingekauft? Was passiert, wenn man schadhafte Produkte feststellt? Kauft man im Wiederholungsfall weiterhin beim entsprechenden Lieferanten ein? Falls ja, wäre das eventualvorsätzlich, denn im Gesundheitswesen geht es oftmals um Leben und Tod.
 
Das St.Galler Kantonsspital macht geltend, man habe bei der Lieferfirma reklamiert und die betroffenen Produkte aus dem Lager entfernt. Zudem sei die Mitarbeiterschulung intensiviert und die Überprüfung der Lieferanten verschärft worden.
Hochuli: Trotzdem: Das Spital hat die Vorfälle nicht an die Heilmittelbehörde Swissmedic gemeldet. Und das hat für mich ebenfalls mit fehlendem Qualitätsbewusstsein zu tun. Schlägt man nicht Alarm, verhindert man, dass die Behörde überhaupt Kenntnis von solchen Vorfällen erhält und die nötigen Massnahmen ergreifen kann. Dabei müssten die Spitäler doch ein Interesse daran haben, dass nur Produkte im Umlauf sind, die nicht fehlerhaft und gefährlich sind.
 
Susanne Hochuli, Präsidentin Schweizerische Stiftung SPO Patientenschutz.
Susanne Hochuli, Präsidentin Schweizerische Stiftung SPO Patientenschutz. (WALTER BIERI (KEYSTONE))
In Schweizer Spitälern kommen Medizinprodukte aus Pakistan zum Einsatz – was sagen Sie dazu?
Hochuli: Man muss aufpassen, dass man nun kein Bashing gegen Länder wie Pakistan veranstaltet. Auch von dorther können gute Medizinprodukte kommen. Vergessen wir nicht: Auch Schweizer Unternehmungen liefern Negativschlagzeilen. Und der Einkäufer steht in der Verantwortung, qualitativ einwandfreie Ware zu beziehen.
 
Trotzdem: Dass solche Produkte aus Ländern wie Pakistan bezogen werden, zeigt doch den Kostendruck, der im Gesundheitswesen herrscht.
Hochuli: Natürlich. Und hier wurde meiner Meinung nach am falschen Ort aufs Geld geschaut. Viel mehr zu sparen gäbe es beispielsweise bei der Überversorgung beziehungsweise zahlreichen unnützen Untersuchen.
 
Welche Folgen haben solche Negativschlagzeilen für das Image eines betroffenen Spitals?
Hochuli: Für das Vertrauen von kritischen Patienten sind solche Vorkommnisse sicherlich nicht förderlich. Und auch die Steuerzahler fragen sich hoffentlich, was mit ihrem Geld in den Spitälern gemacht wird.
 
Am selben Wochenende wurde bekannt, dass eine Walliser Firma systematisch das Ablaufdatum von Krebsmedikamenten gefälscht hat. Zudem hätte das Unternehmen die Medikamente nicht einmal in der Schweiz verkaufen dürfen. Was sagen Sie dazu?
Hochuli: Das ist ein Skandal. Natürlich, es gibt viele Medikamente, die über das aufgedruckte Verfalldatum hinaus haltbar sind. Aber wenn man weiss, dass ein Medikament nach dem Ablaufdatum verdorben ist und den Aufdruck extra abändert, ist das Lug und Betrug.
 
Zeugen die beiden Enthüllungen von systematischen Missständen im Schweizer Spital- und Gesundheitswesen?
Hochuli: Sie zeugen vor allem von fehlendem Qualitätsbewusstsein und mangelhafter Transparenz. Im Gesundheitsbereich kann man enorm viel Geld verdienen, ohne sich über die Folgen für die Patienten Gedanken machen zu müssen. Ich bin froh, dass diese beiden Fälle nun publik geworden sind.
 
Was kann die Patientin, der Patient sowie Ihre Organisation dazu beitragen, dass sich solche Missstände möglichst nicht wiederholen?
Hochuli: Bei den beiden Vorfällen hätten sie wenig bis nichts verändern können. Generell gilt aber: Auch die Patienten haben eine Verantwortung: Sie müssen nicht misstrauisch, aber kritisch sein. Wenn Sie ein Auto kaufen oder einen Handwerker engagieren, holen Sie Offerten ein, vergleichen, stellen Fragen – diese kritische Haltung braucht es auch im Gesundheitsbereich. Ganz generell ist es wichtig, dass bei Swissmedic und an anderen wichtigen Stellen auch Patientenvertreter Einsitz erhalten. Überall müssen wir kämpfen, dass wir auch noch angehört werden – dabei gäbe es ohne die Patienten den Gesundheitsbereich gar nicht.
 
 
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