UMSTRITTENER URNENGANG

Renten-Kontroverse an der HSG

Die Vorlage zur Altersvorsorge erhält prominente Unterstützung von zwei Professoren der Uni St.Gallen. Das passt nicht allen. Die HSG selber sieht die pointierten Stellungnahmen ihrer Exponenten gelassen.
13.09.2017 | 09:45
Jürg Ackermann

Jürg Ackermann

juerg.ackermann@tagblatt.ch

Wenn es um Renten geht, gehört das Institut für Versicherungswirtschaft zu den ersten Adressen. Als die beiden HSG-Professoren Martin Eling und Walter Ackermann 2012 mit einer gross angelegten Studie die Politik in Bern zum Handeln aufforderten, wurde das drohende Milliardenloch in der Altersvorsorge in der ganzen Schweiz zum Thema. Ihr Kernanliegen damals: Während die Älteren zu hohe Renten beziehen, werden immer mehr Lasten – vor allem in der zweiten Säule – auf die Jungen verteilt.

Dass Eling und Ackermann nun an vorderster Front für die Rentenreform kämpfen, mag mit Blick auf die Generationenfrage verwundern, weil die Gegner bei jeder Gelegenheit betonen, die jüngere Generation habe bei dieser Vorlage nur Nachteile. Eine wirkliche Überraschung sei ihr Ja jedoch nicht, sagt Eling. «Die Rentenreform senkt den Umwandlungssatz. Darum trägt sie erheblich dazu bei, dass die Umverteilung in der zweiten Säule reduziert wird.»

Meinung von Professoren wird als HSG-Meinung interpretiert

Beobachter rechnen nach wie vor mit einem knappen Ausgang am 24. September. Angesichts der Komplexität der Vorlage und der Stichhaltigkeit der Argumente beider Seiten sind offenbar viele noch unentschlossen. Am Schluss dürfte es wohl um fast jede Stimme gehen. Prominente Positionsbezüge von Wissenschaftern sind darum auch zehn Tage vor der Abstimmung nicht unbedeutend, zumal Eling und Ackermann in dieser Frage eine hohe Glaubwürdigkeit besitzen. Als Direktoren am Institut für Versicherungswirtschaft gelten sie als Rentenexperten. Und mit der Uni St.Gallen vertreten sie eine Institution, die nicht im Rufe steht, ein Denkinstitut mit Drall zum Mitte-Links-Lager zu sein, von wo die Unterstützung für die Rentenreform politisch hauptsächlich kommt. «Ich finde es wichtig, dass wir uns als Institut auch in den Meinungsprozess einbringen – unabhängig davon, welche politischen Lager die Reform unterstützen», sagt Martin Eling auf Anfrage.

Sie begrüsse es grundsätzlich sehr, dass sich Kollegen politisch äussern, entgegnet Volkswirtschaftsprofessorin Monika Bütler. «Ich finde es jedoch heikel, wenn die Meinungen der Kollegen Eling und Ackermann als HSG-Meinung und nicht als persönliche Stellungnahmen interpretiert werden.» Genau diesen Schritt machte die «NZZ am Sonntag» vor zehn Tagen, als sie titelte: «HSG-Professoren sagen Ja zur Rentenreform. Die Befürworter erhalten nun Unterstützung von der Universität St.Gallen.» Bütler will keine Schätzung über die Stimmung an der HSG abgeben, klar ist jedoch, dass sich die Professoren an der Uni St.Gallen selten in einer politischen Frage so uneins waren wie bei der Rentenreform.

Bütler gehört dabei zu den prominentesten Gegnern auf dem Rosenberg und dies nicht erst seit ihrem Auftritt vor zwei Wochen in der Arena, als sie mit Ex-Bundesrätin Ruth Dreifuss die Klingen kreuzte. Ein Dorn im Auge sind der Wirtschaftsprofessorin vor allem die 70 Franken AHV-Zuschlag und der Heiratsbonus von über 200 Franken, der nur den Neurentnern zukommt. «Dies führt zu einer Ungleichbehandlung zwischen den Generationen und begünstigt mit den 45- bis 64-Jährigen eine Gruppe, die gar nicht von der Senkung des Umwandlungssatzes in der beruflichen Vorsorge betroffen ist.» Dass Eling und Ackermann zu einem gegenteiligen Schluss kommen, ist für Bütler insofern nachvollziehbar, weil sie die Sicht der Versicherungswirtschaft «wohl stärker gewichten als die Generationenfrage». Eling stellt dies allerdings in Abrede. Es gehe hier um ein Abwägen, um eine nüchterne Beurteilung des Ganzen. «Ich bin kein Fan von diesen 70 Franken AHV-Zuschlag, aber ich glaube nicht, dass es am Ende des Tages möglich ist, eine bessere Reform vorzulegen, wenn man sieht, wie diametral die Positionen der einzelnen Interessengruppen auseinander liegen.»

Eine komplizierte Verquickung von zwei Säulen

Unterstützung erhält Bütler jedoch von Volkswirtschaftsprofessor Reto Föllmi. «Je länger ich mich mit der Rentenreform beschäftigt habe, desto schlechter erscheint mir der ‹Kompromiss›», sagt er. Was Föllmi vor allem stört: Die Senkung des Umwandlungssatzes in der zweiten Säule werde mit einem teuren Ausbau der AHV querfinanziert. Er finde es aus politökonomischer Perspektive kurzsichtig, «wenn für den tieferen Umwandlungssatz solche komplizierten Verquickungen der ersten Säule und der Umverteilung zwischen den Pensionskassen akzeptiert würden. Das verheisse für zukünftige Reformen nichts Gutes. Und werde dazu führen, dass das ohnehin schon kompliziert regulierte Pensionskassen-System noch komplexer und teurer werde – zum Nachteil «derjenigen, die jetzt einzahlen».

Die Universität St.Gallen möchte ein kontroverser Denkplatz sein

Irritiert über den prominenten Positionsbezug von Eling und Ackermann reagieren einzelne Politiker. «Etwas zu sanieren und gleichzeitig auszubauen ist ein Widerspruch in sich, das sollten auch die beiden Professoren wissen», meint etwa die Thurgauer SVP-Nationalrätin Verena Herzog. Eine Annahme der Rentenreform schaffe durch den nie mehr wegzubringenden AHV-Ausbau ganz grundsätzlich eine schlechte Ausgangslage.

Die Universität selber sieht die kontroverse Diskussion ihrer Exponenten relativ gelassen. In vielen gesellschaftlichen Fragen gebe es keine konsolidierte Haltung der Universität, sagt Marius Hasenböhler-Backes, Leiter der HSG-Kommunikation. «Die Universität St.Gallen möchte zur Lösung aktueller und zukünftiger Probleme in Wirtschaft und Gesellschaft beitragen. Sie will darum als Denkplatz wahrgenommen werden. Es liegt in der Natur der Sache, dass aus ihr vielfältige und kontroverse Positionen vertreten werden.» Die Wissenschafter würden selbst entscheiden, wann und mit welchen Aussagen sie an die Öffentlichkeit gehen.

Diese Devise hat sich auch Walter Ackermann zu Herzen genommen. Der Direktor am Institut für Versicherungswirtschaft und Kollege von Martin Eling hat sich schon früh als Befürworter der Reform geoutet, unter anderem in Leserbriefen im «Tages-Anzeiger» und in der NZZ. Er wirft den Gegnern der Vorlage vor, dass sie keinen mehrheitsfähigen Plan B vorlegen würden. «Sie bekämpfen die Vorlage mit Aussagen zur finanziellen Situation der AHV in 30 bis 50 Jahren. Dabei wagen sie nicht zu sagen, was dies bedeuten wird: eine zurzeit nicht mehrheitsfähige Erhöhung des Rentenalters auf mindestens 67 Jahre.»

In der direkten Demokratie geht es nur mit Kompromissen

Als störend empfindet Ackermann auch die von den Gegnern angestossene Neid-Debatte. Dabei gehe vergessen, dass die Rentnergeneration mit einer höheren Geburtenrate ihren Teil zur Sicherung der AHV beigetragen habe. Zudem profitiere gerade die jüngere Generation «richtigerweise laufend von höheren staatlichen Ausgaben, beispielsweise in der Bildung», sagt Ackermann. Es sei für ihn klar, dass die Altersvorsorge ständig den veränderten demografischen Bedingungen angepasst werden müsse. In einer direkten Demokratie sei dies jedoch nur in Etappen und mit Kompromissen möglich. Die Erfahrungen der letzten 20 Jahren mit mehreren gescheiterten Vorlagen hätten dies mehr als deutlich gezeigt.

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