SICHERHEIT

Korpskommandant in Rapperswil: Mit mehr Frauen wäre die Armee besser

Immer mehr Militärdiensttaugliche wandern in den Zivildienst ab. Korpskommandant Daniel Baumgartner will die Armee mit zusätzlichen Ausbildungs-Boni attraktiver machen, wie er am Mittwoch an der Mitgliederversammlung der Kantonalen Offiziersgesellschaft (KOG) St.Gallen erklärte. Auch den Anteil der Frauen will er deutlich erhöhen.
15.03.2018 | 17:43
Aktualisiert:  15.03.2018, 22:00
Yusuf Barman
Die Schweizer Armee hat ein Rekrutierungsproblem. Die Zahl der Militärdiensttauglichen, die in den Zivildienst übertreten, nimmt stetig zu. "Um die Weiterentwicklung der Armee umzusetzen, braucht die Armee zur Sicherung der Bestände jährlich 18'000 ausgebildete Rekruten. Der zum Überleben notwendige Sollbestand wird durch den viel zu attraktiven Zivildienst torpediert", stellte Kurt Stocker, Präsident der KOG St.Gallen, in seinem Jahresrückblick fest. Der Zivildienst sei mit dem Wegfall der Gewissensprüfung zu attraktiv geworden und sei nicht nur der grösste Konkurrent des Militärdienstes, sondern auch des Zivilschutzes.

Der Wegfall der Gewissensprüfung ist auch dem Präsidenten der Schweizerischen Offiziersgesellschaft (SOG), Stefan Holenstein, ein Dorn im Auge: "Die SOG ist nicht gegen den Zivildienst, sondern gegen die faktische Wahlfreiheit, die mit dem Wegfall der Gewissensprüfung einhergeht", sagte der Milizoffizier und Rechtsanwalt in seiner Ansprache am Mittwochabend im Schloss Rapperswil.
 

Der Zivildienst ist zu attraktiv

Dem Chef Kommando Ausbildung der Armee, Korpskommandant Daniel Baumgartner, bereitet der attraktive Zivildienst ebenfalls sorgen: "Es gibt heute für militärdiensttaugliche Bürger die Gelegenheit, Zivildienst in einer Brockenstube, in einem Spital oder sogar im Rahmen eines ETH-Praktikums zu leisten. Stellen Sie sich einen Assistenzarzt vor, der seinen Zivildienst im gleichen Spital leisten kann, in welchem er angestellt ist. Da ist die Armee schlicht und einfach nicht konkurrenzfähig."

Baumgartner nannte in seinem Gastreferat Ansätze, wie er die Armee konkurrenzfähiger machen will. Den zukünftigen Kadern, die ihre militärische Ausbildung nach dem 1. Juli 2017 begonnen haben, gewährt die Armee bereits Ausbildungsgutschriften für die zivile Ausbildung. Dabei sollen Subalternoffizieren maximal ein Betrag von 10'600 Franken und höheren Unteroffizieren maximal 4300 Franken zugesprochen werden. In seinem Referat äusserte Baumgartner das Anliegen, dass er die Armee unter anderem dadurch attraktiver machen möchte, in dem auch Gruppenführern ein Ausbildungs-Bonus von rund 3000 Franken zugesprochen werden soll.

"Die Ausbildungszulage ist der perfekte Ansatz. Die finanzielle Unterstützung der Aus- und Weiterbildung hat nicht nur einen Mehrwert für den Dienstleistenden, sondern auch für die Armee und nicht zuletzt für die Arbeitgeber." Auch die Soldaten sollen nicht zu kurz kommen: "Es ist zum Beispiel gut vorstellbar, dass man den Armeeangehörigen während der Rekrutenschule jeweils zwischen 11 und 12 Uhr Freizeit zur Verfügung stellt, damit sie ihre Bank anrufen können oder einfach Zeit für Facebook und Emails haben".
 

"Frauenanteil deutlich erhöhen"

"Wir brauchen mehr Frauen in der Armee. Nicht etwa, um den Sollbestand zu sichern, sondern um die Qualität unserer Armee zu erhöhen. Für mich wäre es wünschbar, wenn wir mittelfristig den Frauenanteil deutlich erhöhen könnten. Frauen denken und handeln anders, das würde der Armee sehr guttun."

Deshalb wird zur Zeit auch politisch diskutiert, ob man den Orientierungstag für Frauen obligatorisch machen kann. Selbst wenn sich Baumgartners Vorschlag als politisch mehrheitsfähig herausstellt, stellen sich juristische Fragen. Klar scheint, dass es dafür eine gesetzliche Grundlage braucht. Es wäre das erste Mal, dass sich Frauen in der Schweiz im Zusammenhang mit dem Militär mit einem Obligatorium konfrontiert sähen. Laut Baumgartner sind Frauen in der Armee aber bestens aufgehoben: "In der Armee haben wir die Gleichberechtigung der Frau schon längst umgesetzt. Sowohl für weibliche als auch für männliche Angehörige der Armee gelten die gleichen Rechte und Pflichten."
 

Stetige Leistungssteigerung als Ziel

Als Stichwort für den Umgang des Kaders mit neuen Rekruten nannte Baumgartner "Progression". Es sei nicht das Ziel, dass man die neu uniformierten Bürger vom ersten Tag an so stark beanspruche, dass sie aufgrund der Überbelastung aus gesundheitlichen Gründen den Dienst abbrechen müssten oder eben in den Zivildienst abwanderten. Zuerst müsse die Muskulatur der Jungen gestärkt werden, bevor diese hohen körperlichen Belastungen ausgesetzt würden. Hier seien die Kader gefordert. Unter dem Mottto "30:30" verlangt der Korpskommandant von den Zugführern, dass sie von 30 neuen Rekruten, die in die einzelnen Züge eingeteilt werden, nach 18 Wochen auch 30 ausgebildete, weiterhin dienstpflichtige Soldaten ins Zivilleben entlassen.
 
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