Die neue Unbehaglichkeit des Internets

  • Das Internet hat längst seine Unschuld verloren.
    Das Internet hat längst seine Unschuld verloren. (KEYSTONE)
07.10.2017 | 11:11

LEITARTIKEL ZUR DIGITALISIERUNG ⋅ Mindestens 100 Milliarden Euro seien nötig, damit Deutschland den internationalen Anschluss in der Digitalisierung nicht verpasst. Da muten die 75 Millionen Franken, die die St.Galler Regierung ab 2019 für die IT-Bildung freischaufeln will, geradezu bescheiden an. Das schreibt Andri Rostetter, Mitglied der Chefredaktion, in seinem Samstags-Leitartikel.

Am 15. September 1993 fegte eine Schockwelle über die Welt: US-Vizepräsident Al Gore verkündete seine Pläne für eine nationale Informationsinfrastruktur. Gores Vision: Die damals noch von der Wissenschaft genutzten Computer-Netzwerke sollen nicht nur zu einer Multi-Milliarden-Industrie werden, sondern zur globalen Infrastruktur schlechthin: Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung, Kultur, Medien, Politik – alles soll künftig über virtuelle Netzwerke funktionieren. Die amerikanische Erklärung löste Euphorie und Hektik aus: Niemand wollte den Anschluss verpassen, niemand wollte in dieser Schlüsseltechnologie den USA hinterherhinken. Es war die Geburtsstunde des Internets, wie wir es heute kennen.

Seither sind über zwei Jahrzehnte vergangen. Die Euphorie ist längst verschwunden. Geblieben ist nur die Hektik. In den vergangenen Jahren hat sie sogar noch zugenommen. Überall wird an Parteiprogrammen gebastelt, Unternehmensleitbilder werden umgeschrieben, Studiengänge aus dem Boden gestampft, Lehrpläne angepasst, Bildungsinitiativen lanciert. Anfang Jahr verabschiedete der Bundesrat den Bericht über die Rahmenbedingungen für die digitale Wirtschaft, Österreich hat sich eine «Digitale Roadmap» gegeben, die deutsche FDP machte die Digitalisierung zum Kernthema ihres Wahlkampfes.

Woher kommt diese neue Hektik? Was ist passiert? Fest steht: Das Internet hat seine Behaglichkeit verloren. Das freundliche Netz von Al Gore existiert nicht mehr. Das wurde spätestens 2013 bewusst, als Edward Snowden die globale Überwachungsaffäre um den US-Geheimdienst NSA ins Rollen brachte. Das jüngste Kapitel in Sachen internationale Cyberkriminalität schrieben die US-Wahlen 2016. Noch immer sind nicht alle Details über den mutmasslich von russischen Hackern manipulierte Wahlkampf bekannt. Aber nur schon die Ahnung, dass eine Nation in der Lage ist, die Politik einer anderen Nation allein über virtuelle Kanäle zu beeinflussen, hat das Vertrauen in die digitale Welt noch einmal nachhaltig erschüttert.

Schuld an diesem Vertrauensverlust sind nicht allein globale Verwerfungen. Auch die unzähligen kleinen Stürme wecken Zweifel an der Gutartigkeit des Netzes – Shitstorms, ­Cybermobbing, Passwort-Phishing, Kinderporno-Ringe, illegale Streaming-Dienste. Aber auch ganz legale Entwicklungen wie Hochfrequenz­handel, Big Data, Blockchain, Kryptowährungen, selbstfahrende Autos lassen alte Gewissheiten bröckeln. Wir haben längst keine Chance mehr, diese Technologien zu verstehen. Schon ein durchschnittliches Smartphone hat heute 120 Millionen Mal die Rechenleistung des Nasa-Steuercomputers des Apollo-Mondprogramms von 1969. Wer würde sich zutrauen, einen Nasa-Computer zu bedienen?

Vor wenigen Tagen plädierte der deutsche Journalist und Medientheoretiker Sascha Lobo auf «Spiegel Online» für einen «digitalen Marschallplan»: Mindestens 100 Milliarden Euro seien nötig, damit Deutschland den internationalen Anschluss in der Digitalisierung nicht verpasst. Da muten die 75 Millionen Franken, die die St.Galler Regierung ab 2019 für die IT-Bildung freischaufeln will, geradezu bescheiden an. Wir brauchen dringend eine breite Masse an gut ausgebildeten Fachleuten, um die neuen Technologien zu bändigen. Aber man darf die Wirkung staatlicher Interventionen nicht überschätzen. Ob digitale Kompetenzen zum kulturellen Grundwissen werden, hängt nicht nur von Lehrplänen und Bildungsinitiativen ab. Sondern auch von der Eigenverantwortung. Wir dürfen nicht dem Staat die Schuld geben, wenn wir Facebook und Google nicht verstehen. Wir müssen die Sache selber in die Hand nehmen. Und zwar bald. Denn die Digitalisierung kommt jetzt erst richtig in Fahrt. Das Internet könnte noch viel unbehaglicher werden.

Andri Rostetter
andri.rostetter@tagblatt.ch

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