Die Angst vor der Radikalisierung

  • Im Zusammenhang mit extremistischen Gruppierungen sind vor allem religiöse Minderheiten wie die Juden verletzlich.
    Im Zusammenhang mit extremistischen Gruppierungen sind vor allem religiöse Minderheiten wie die Juden verletzlich. (Bild: Urs Bucher (St. Gallen, 26. August 2012))
13.09.2017 | 05:19

KANTON ST.GALLEN ⋅ Wie schützt der Staat religiöse Minderheiten wie die Juden? Was können Muslime für den Kanton tun? Erstmals haben St.Galler Religions- und Regierungsvertreter solche Fragen an einer Konferenz diskutiert.

Nina Rudnicki

Nina Rudnicki

ostschweiz@tagblatt.ch

 

Die Verunsicherung war bei allen Religionsgemeinschaften zu spüren: Vorurteile, Gewalt und Hass nehmen zu. Sie hätten die Sicher-heitsvorkehrungen während des Gottesdienstes erhöht, sagte etwa Batja Guggenheim, Co-Präsidentin der Jüdischen Gemeinde St.Gallen, gestern an der ersten «St.Galler Konferenz zu Fragen von Religion und Staat». Leila Medii, Vizepräsidentin des Dachverbandes islamischer Gemeinden der Ostschweiz und des Fürstentums Liechtenstein (Digo) sagte, Muslime stünden zunehmend unter Generalverdacht. Und Claudius Luterbacher, Leiter der bischöflichen Kanzlei, mochte es sich erst gar nicht ausmalen, was wäre, wenn es einen religiös motivierten Anschlag auf den Dom geben würde. Was also können Staat und Religionsgemeinschaften zum Schutz der Gesellschaft beitragen, gerade in Zeiten von religiös-fundamentalistisch motivierten Anschlägen? Diese Frage stand gestern im Mittelpunkt. Zum öffentlichen Anlass hatte das Gremium «St.Galler Konferenz zu Fragen von Religion und Staat» eingeladen. Die Konferenz besteht aus Vertreterinnen und Vertretern der öffentlich-rechtlich anerkannten Religionsgemeinschaften des Kantons St.Gallen. Dazu gehören die jüdische Gemeinde, die evan­gelisch-reformierte Kirche, die christkatholische Kirchgemeinde, der katholische Konfessionsteil und das Bistum St.Gallen. Mitglied sind ausserdem der Dachverband islamischer Gemeinden der Ostschweiz und des Fürstentums Liechtenstein (Digo) und das Departement des Innern.

Muslime sollen Stellung beziehen

Ziel der Konferenz ist es, früh die verschiedenen Positionen zu kennen und Missverständnissen vorzubeugen und langfristig den religiösen Frieden zu sichern. Letzteres betonte auch Leila Medii von Digo: «Der Radikalisierung kann vor allem aus der Mitte von uns Muslimen entgegengewirkt werden.» Andreas Tunger-Zanetti vom Zentrum für Religionsforschung der Universität Luzern schlug konkrete Massnahmen vor: «Die Priester und Imame der verschiedenen Religionsgemeinschaften müssen eine der Landessprachen sprechen, Weiterbildungen besuchen und ihr Wissen über die Schweizer Gesellschaft und Struktur stets auf dem neusten Stand halten.» Ausserdem sei es wichtig, dass Priester und Imame vermehrt jüngeren und in der Schweiz aufgewachsenen Personen Verantwortung in den Religionsgemeinschaften übertragen würden. Auch sei es wichtig, dass sich muslimische Verbände öfters zu öffentlichen Themen äusserten und in Vernehmlassungen Stellung beziehen würden. Regierungsrat Martin Klöti, Vorsteher des Departements des Innern, betonte die sozialen und kulturellen Funktionen der Kirchen. Er forderte die jüngeren Religionsgemeinschaften auf, sich ebenfalls für das Zusammenleben zu engagieren. Regierungspräsident Fredy Fässler zeigte präventive und repressive Massnahmen auf, mit denen der Staat Diskriminierung und Radikalisierung entgegenwirken kann.

Auch wenn alle Gemeinschaften eingeladen waren, so bildete der Islam und die muslimischen Gemeinschaften den Schwerpunkt des Abends. Martin Schmidt, Kirchenratspräsident der evangelisch-reformierten Kirche, mahnte, die Verantwortung nicht einer einzelnen Religionsgemeinschaft zuzuschieben: «Die Gesellschaft ist insgesamt radikaler geworden», sagte er. «Die Religionsgemeinschaften müssen daher gemeinsam einen Weg finden, sich zu schützen.»

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