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"Wenn ich noch Beine hätte...": Das schwierige Leben des Mannes, dem ein Unbekannter in Gossau 1000 Franken schenkte

Weil er im Rollstuhl sitzt, schenkte ihm ein Fremder 1000 Franken. Es ist eine Randnotiz im Leben von Klaus Eisert. Nach vielen Aufs und Abs will der 63-Jährige auch ohne Unterschenkel bald wieder aufrecht gehen.
14.04.2018 | 08:46
Noemi Heule

Noemi Heule

noemi.heule@tagblatt.ch

«Wenn ich noch Beine hätte...» Viele Sätze von Klaus Eisert beginnen im Konjunktiv. Knapp unter dem Knie enden sie heute, seine Beinstümpfe. Beide Unterschenkel musste er kurz vor Weihnachten amputieren. Hätte er noch Beine, wäre er nicht die Hauptfigur eines kleinen Ostermärchens geworden, dass sich am Gründonnerstag in Gossau ereignete. Ein wildfremder Mann drückte ihm eine 1000er-Note in die Hand. Einfach so.

Der 63-Jährige war mit seinem Rollstuhl unterwegs durch Gossau, als ein schicker BMW (acht Zylinder) neben ihm anhielt, der Beifahrer rauchte eine dicke Zigarre (Davidoff No. 2), wie Eisert mit Liebe zum Detail in einem Brief an die Redaktion schrieb. «Wie geht’s?» wollte der feine Herr wissen. «Gut. Aber mit Motor wäre besser», antwortete Eisert. Einen Augenblick später hielt er einen Schein, violett, in der Hand. «Für den Motor.» Die Bank bestätigte später: Die Note ist echt.

Klaus Eisert sitzt an diesem Nachmittag auf dem Balkon im Vita Tertia, auf seinem T-Shirt prangt ein Totenkopf. Sein Zimmer ist karg eingerichtet, wenig Persönliches hat er von Herisau nach Gossau gezügelt, nachdem sich die Ereignisse überschlugen. Auf einem kleinen Schreibtisch stapeln sich Arztrechnungen und Medikamente. An den Wänden lehnen Krücken, eine Beinprothese, ein Rollator. Er selbst sitzt eingefallen im Rollstuhl, ohne Motor, und blickt zurück auf ein Leben auf zwei Beinen. Die Sätze zwischen zwei Zigarettenzügen sind knapp und diesmal ohne Details oder Schnörkel.
Video: 1000 Franken für einen Rollstuhlfahrer

(TVO/FM1Today)

Student, Fussballtalent, Szenegänger

Eisert erzählt von Zeiten, als er ein bewegtes Leben führte, teils in Luxus schwelgte. Als er sich sein Studium in Zahnmedizin mit Fussball verdiente, auf der Reservebank von Werder Bremen. Als er in Berlin seine erste Praxis eröffnete und dort in Szenekneipen verkehrte zusammen mit Grössen wie Klaus Kinski oder Udo Lindenberg. Wie es ihm irgendwann zu viel wurde, die Partys, die Drogen, der Alkohol. Und er sich Häuschen und Praxis im Grünen kaufte. In Bremen, wo er selbst aufgewachsen war, nachdem seiner Familie die Flucht von Ost- nach Westdeutschland geschafft hatte. Damals habe er die Ruhe und die Weite auf dem Land genossen. «Das war schön», schliesst er, wie so viele seiner Erzählungen aus der Vergangenheit.

Beim Après-Ski in Österreich lernte der Norddeutsche seine Schweizer Frau kennen. Die beiden zogen zusammen, zuerst nach Bremen, dann in die Schweiz. Das Paar kaufte sich ein Häuschen, wieder auf dem Land, diesmal in Dicken bei Degersheim. Eisert eröffnete eine Praxis in Herisau. Zwei Töchter wurden geboren, beide sind inzwischen erwachsen. Vor einem Jahr dann zerbrach die Familienidylle. Nach der Trennung von seiner Frau ­verlor Klaus Eisert 40 Kilogramm. Und mit dem Körpergewicht seine Abwehrkräfte.

Eine Entzündung, zuerst unscheinbar, kostete ihn schliesslich seine Beine. Sie begann am kleinen Zeh und frass sich rasch in Richtung Herz. Der Arzttermin war auf den nächsten Tag ausgemacht, als Eisert den Notruf wählte. Die Ambulanz brachte ihn ins Spital, wo ihm sofort das rechte Bein abgenommen wurde. Mehrere Tage lag Eisert im Koma, während Töchter und Ärzte um sein Leben bangten.

Dann ging es aufwärts, wenn auch nur kurz. Das eine Bein verheilte gut. Bald flammte die Entzündung aber auf der anderen Seite erneut auf. Amputation Nummer zwei. Diesmal verheilte die Wunde schlecht; auch das Knie müsse ab, sagten die Ärzte. Eisert weigerte sich. «Dann hätte ich endgültig die Lebenskraft verloren», sagt er. Keine Unterschenkel, damit könne er sich arrangieren, ohne Knie aber sei er nicht beweglich genug. Mit einer Vakuumpumpe soll die Heilung nun doch noch gelingen. Sie arbeitet rund um die Uhr, um die Wunde zu reinigen. Stetig begleitet ihn das nervöse Ticken der Pumpe, als würde jemand mit den Fingernägeln permanent auf die Tischplatte trommeln.

1000 Franken – und zwei Elektrorollstühle obendrauf

Während er um sein Knie kämpft, trauert er den Unterschenkeln nicht hinterher. «Ab ist ab.» Bald, ist er sich sicher, wird er mit Prothesen laufen können fast wie zuvor. Bereits jetzt trainiert er dafür, zumindest mit dem linken, dem gesünderen Bein. Bis dahin ist er mit dem Rollstuhl unterwegs durch Gossau, wo man ihn mittlerweile, nach Auftritten im Fernsehen und in der Zeitung, kennt. Der Wohltäter hat sich nicht mehr gemeldet, seit er im BMW davonbrauste. Mit den 1000 Franken hat sich Eisert, der momentan vom Ersparten lebt, ein Mobiltelefon gekauft. Für einen Rollstuhl mit Motor hätte der violette Schein ohnehin nicht gereicht. Vielleicht ist er auf seiner Hindernisfahrt durch die Gossauer Innenstadt dennoch bald mit Antrieb unterwegs. Zwei Personen haben ihm nach den Medienberichten einen Elektrorollstuhl angeboten.

Ob mit oder ohne Motor, mit oder ohne Prothese: Klaus Eisert möchte nun einen symbolischen Schritt nach vorn machen, einen Schritt in die Eigenständigkeit. «Wenn ich noch Beine hätte», sagt er, würde er Sack und Pack schultern und nach Bremen ziehen, nach Hause. So aber sucht er sich eine Wohnung, klein und rollstuhlgängig, in der Nähe.

 

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