Gossauer Kesb-Präsident: "Ich bin am richtigen Platz"

  • Andreas Hildebrand will der Kesb zu einem besseren Ruf verhelfen.
    Andreas Hildebrand will der Kesb zu einem besseren Ruf verhelfen. (Bild: Jil Lohse)
13.09.2017 | 07:00

GOSSAU ⋅ Andreas Hildebrand ist seit 100 Tagen im Amt des Kesb-Präsidenten der Region Gossau. Vom nationalen Wirbel um die Kesb lässt er sich nicht beirren.

Nina Rudnicki

Nina Rudnicki

redaktiongo

@tagblatt.ch

Seine ersten hundert Tage als Präsident der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) der Region Gossau beschreibt Andreas Hildebrand als «wunderbar». Sein Team sei harmonisch, die Behörde funktioniere gut. Eine Überraschung ist das allerdings nicht. Als er sich für die Stelle bewarb, galt die Kesb Gossau als eine der bestorganisierten Behörde der Region. «Darum habe ich mich auch für diese Stelle beworben», sagt der 57-jährige gebürtige Eggersrieter. «Ich wollte etwas bereits Aufgebautes weiterführen, statt mich noch einmal in ein neues Abenteuer stürzen müssen.»

Negativschlagzeilen dominieren

Als Abenteuer empfand er die Zeit vor vier Jahren, als in der Schweiz die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden gegründet wurden. Hildebrand baute damals die Kesb des Bezirks Arbon auf. «Hätte mir jemand aufgezählt, was ganz konkret auf mich zukommen würde, hätte ich wahrscheinlich nicht vom Gericht zur Kesb gewechselt», sagt Hildebrand, der davor als Präsident des Kreisgerichtes Rorschach tätig war. Die Kesb entwickelte sich schnell zur unbeliebtesten Behörde der Schweiz; negative Schlagzeilen dominieren bis heute die Berichterstattung in den Medien. «Oft wird die Kesb als Monster dargestellt. Es besteht das Vorurteil, dass alles nur noch schlechter wird, sobald die Kesb ins Spiel kommt», sagt er. Dabei würden in 90 Prozent aller Fälle gute Lösungen gefunden, bei denen alle Involvierten zufrieden seien.

In jüngster Zeit habe der Wirbel nun etwas nachgelassen. Daher ist Hildebrand überzeugt: In zwei bis drei Jahren wird die Kesb als neutrale Behörde wahrgenommen. Anti-Kesb-Bestrebungen auf nationaler Ebene wie etwa die geplante Initiative rund um SVP-Nationalrat und Kesb-Gegner Pirmin Schwander sieht Hildebrand gelassen entgegen. «Die Initiative fordert unter anderem, dass wir zunächst die Situation in der Familie prüfen, bevor wir ein Kind fremdplatzieren. Da kann ich nur antworten, dass wir dies bereits jetzt machen», sagt er, fügt aber an: «Nur ist eine Platzierung innerhalb der Familie nicht immer die beste Lösung.»

Eine weitere Reaktion auf die Kesb ist die neue Fachstelle Kescha. Dort können sich seit Anfang Jahr all jene beraten lassen, die von einer Massnahme des Kindes- oder des Erwachsenenschutzes betroffen sind. «Es gibt explizit keinen Kontakt oder Austausch zwischen der Kesb und der Kescha. Aber ich finde es gut, dass es diese Beratungsstelle gibt. So können sich Betroffene an eine unabhängige Stelle wenden und eine Aussenmeinung einholen», sagt Hildebrand.

Im Einzugsgebiet von Gossau leben rund 50000 Personen. Hildebrands Team ist für rund 800 Fälle zuständig. Er hat elf Mitarbeitende, darunter Pädagogen, Psychologen, Sozialarbeiter und Juristen. Zudem befindet sich im selben Haus wie die Kesb auch das Sozialberatungszentrum der Region Gossau, was einen regelmässigen Austausch ermöglicht. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit bezeichnet Hildebrand als grosse Stärke der Kesb. Die Psychologin könne beispielsweise das Verhalten von psychisch schwer Erkrankten nachvollziehen, während der Sozialarbeiter sich in belasteten Familienstrukturen auskenne und der Jurist über die Rechte und Pflichten der Beteiligten Bescheid wisse. Er selbst habe in seiner Zeit bei der Kesb gelernt, sich als Jurist auch mal zurückzunehmen.

Erhalten, was erreicht wurde

Gerade wegen der interdisziplinären Zusammenarbeit hat Hildebrand den Entscheid nicht ­bereut, zur Kesb gewechselt zu haben. «Ich habe mich schon immer gern mit anderen Berufsleuten ausgetauscht», sagt er. «Ich bin hier am richtigen Platz.» Nebst seinem Job ist er Präsident des St. Galler Juristenvereins. Als Familienrechtler seien für ihn vor allem die Gespräche mit Berufskollegen vom Straf- und Verwaltungsrecht interessant. Für den Beruf des Familienrichters hatte er sich nach seinem Jus-Studium und einigen Semestern Germanistik entschieden, weil er sich schon immer für Menschen mit einem herausfordernden Schicksal interessiert habe. Daher engagiert er auch als Präsident des Hilfswerks Winterhilfe, das Menschen mit einem schwachen Einkommen unterstützt. Für die Kesb Gossau hat er ein Ziel: Erhalten, was erreicht wurde und die Kesb gemeinsam vorwärts-, oder genauer, aus den schwierigen Zeiten herausbringen.

 

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