INTERVIEW

"Dass mich Leute anonym angreifen, hat mich schockiert": Brigitta Mettler spricht über ihre Zeit beim FC St.Gallen

Die Wahlgossauerin Brigitta Mettler ist die einzige Frau, die je im Verwaltungsrat des FC St.Gallen sass. Im Gespräch erzählt sie über Frauen im Fussball, Frauenfussball und Erfahrungen, auf die sie hätte verzichten können.
13.04.2018 | 17:12
Interview: Adrian Lemmenmeier
Zwei Jahre präsidierte Brigitta Mettler die Frauenabteilung des FC St.Gallen und sass beim "Ostschweizer Kulturgut" im Verwaltungsrat. Als die neuen Aktionäre im Dezember das Gremium austauschten, trat sie auch von ihren übrigen Positionen zurück. Auf der Tribüne des Espenmoos, wo die Frauen des FC St.Gallen ihre Spiele austragen, blickt die 45-Jährige zurück. 

Brigitta Mettler, was ist es für ein Gefühl, hier zu sitzen?
Ein spezielles Gefühl. Ich war seit Herbst nicht mehr im Espenmoos. Es überwiegen aber positive Erinnerungen, an die Spiele und an die Siege der Frauen. 

Sie wurden 2015 Präsidentin der Frauenabteilung und Verwaltungsrätin beim FC St.Gallen, obwohl Sie mit Fussball nichts zu tun hatten. Wie kam es dazu?
Ich hatte vom Fussball tatsächlich keine Ahnung. Zum Verein kam ich, weil mich Dölf Früh angefragt hatte. Er hat eine Frau gesucht, die sich um den Frauenfussball kümmert. Zuerst habe ich gezögert, dann aber zugesagt, weil mir die Idee gefiel, den Frauenfussball zu stärken.

Sie haben Geschichte geschrieben: Die einzige Frau, die je beim FC St.Gallen im Verwaltungsrat sass.
Ich hoffe schwer, dass ich nicht die letzte bin. Ich finde es wichtig, dass in jedem Gremium Frauen dabei sind. Aber ja: So gesehen habe ich tatsächlich Geschichte geschrieben.

Der Fussball ist eine Männerdomäne. Wie haben Sie diese als Frau erlebt?
Ehrlich gesagt war das für mich nicht so speziell. Ich bin beruflich seit 17 Jahren immer wieder in Männergremien tätig. Ich arbeite als Unternehmensberaterin oft bei Firmen, in denen fast nur Männer in den wichtigen Ausschüssen sitzen. Für mich war diese Welt also nicht neu. Umgekehrt glaube ich, dass es für einige Männer speziell war.

Inwiefern?
Viele Kollegen waren es weniger gewohnt, dass da jetzt noch eine Frau mitredet. Für mich aber war der Fussball das neue, nicht das Arbeiten in der Männerdomäne. Letztlich geht es aber stets darum, gemeinsam gute Leistungen zu erbringen – ob das nun Sportlerinnen und Mitarbeitern sind, ist nicht entscheidend. 

Trotzdem: Als Sie neu beim FC St.Gallen waren, sagten Sie in einem Interview, als Frau würden Sie manches anders sehen als die Eingefleischten. Was haben Sie denn nun anders gesehen?
Es ist schwierig, ein Beispiel zu nennen. Ich habe sicher einiges anders gewertet als meine Kollegen. Mir ging es vor allem um den Frauenfussball. Der stand für die meine männlichen Kollegen nicht im Vordergrund. 

Als Sie 2015 die Abteilung übernommen haben, spielte die erste Mannschaft in der Nationalliga A, jetzt in der Nationalliga B. Haben Sie überhaupt etwas erreicht in diesen zwei Jahren?
So gesehen, haben Sie recht: Ich habe für den Abstieg gesorgt (lacht). Spass beiseite. Auch wenn wir abgestiegen sind, der Frauenfussball ist in der Ostschweiz stärker geworden. Wichtig war dabei vor allem die Fusion mit dem FC Staad. Dadurch haben wir jetzt mehr Teams und breitere Kader. Ich bin optimistisch, dass die Frauen den Aufstieg bald wieder schaffen. Derzeit liegen sie in der Nationalliga B auf dem ersten Platz. Ich hätte wohl länger dabei bleiben müssen, um Erfolge zu feiern. Aber ich freue mich sowieso, wenn der Wiederaufstieg gelingt. 

Was sind die Herausforderungen für den Ostschweizer Frauenfussball?
Die grösste Schwierigkeit wird es immer sein, genügend Geld aufzutreiben. Bei den Frauen ist es viel schwieriger, Sponsoren zu finden, weil die mediale Präsenz fehlt. Hier werde ich versuchen, auch in Zukunft meinen Teil beizutragen und auch in der Wirtschaft auf den Frauenfussball aufmerksam zumachen. Das Ziel muss aber nicht sein, dass im Frauenfussball ähnlich viel Geld kursiert wie bei den Männern. Das ist weder realistisch noch erstrebenswert.

Letzten Dezember sind Sie von allen Ämtern beim FC St.Gallen zurückgetreten, nachdem die neuen Aktionäre klar gemacht hatten, dass sie den gesamten Verwaltungsrat austauschen wollen.
Es war ein bisschen komplizierter. Tatsächlich wollten die Aktionäre den Verwaltungsrat der Event AG erneuern. Das hat mir einer von ihnen in einem Gespräch mitgeteilt. Gleichzeitig hatte man mich aber gebeten, als Präsidentin der Frauenabteilung und als Verwaltungsrätin bei der FC St.Gallen AG zu bleiben. Für  mich war allerdings schon vorher klar, dass ich über kurz oder lang  von allen Funktionen zurücktreten werde. So gesehen war der Zeitpunkt meines Abgangs fremdbestimmt, die Idee aber lange zuvor vorhanden. 

Sie wären also auch zurückgetreten, wenn es keinen Wechsel bei den Aktionären gegeben hätte?
Ja.

Weshalb?
Ich habe gemerkt, dass ich sehr viel Zeit in den FC St.Gallen investierte – und das ehrenamtlich. Ich bin aber selbstständige Unternehmensberaterin und muss irgendwie mein Geld verdienen. Mit der Zeit wurde diese Kombination zu viel. Ich musste mich entscheiden und wollte mehr Zeit für den Beruf aufwenden.

Mehrfach wurde kritisiert, dass beim FC St.Gallen unter Präsident Hernandez Kontrollmechanismen fehlten. Dass etwa kaum mehr aussenstehende Verwaltungsräte dabei waren. Was sagt die Unternehmensberaterin dazu?
Es war sicher nicht gut – da gebe ich allen Kritikern recht – dass ich zuletzt das einzige Mitglied des Verwaltungsrats war, das nicht auch auf der Lohnliste des Vereins stand. Man war sich aber auch intern stets einig, dass man das ändern musste. Man kann aber kritisieren, dass wir es nicht schafften, das rechtzeitig zu ändern. 

Werfen Sie sich aus Ihrer Zeit als Verwaltungsrätin selber Fehler vor?
Nein, ich werfe mir nichts vor. Sicher hätte man das eine oder andere besser machen können. Aber ich bin nicht der Ansicht, dass ich Fehler begangen habe. Ich hatte eine interessante Zeit beim FC St.Gallen, in der ich viele spannende Menschen getroffen habe. 

Welche schlechten Erfahrungen haben Sie gemacht?
Ich habe zum Beispiel anonyme Briefe erhalten, in denen stand, dass ich besser von der Bildfläche verschwinden solle. Das war eine Erfahrung, auf die ich gut hätte verzichten können. Man kann jederzeit auf mich zukommen und meine Arbeit kritisieren. Aber dass mich Leute anonym angreifen, das hat mich schockiert. 

Sie wohnen seit einigen Jahren in Gossau. Werden Sie sich dort in Zukunft auch in Sportvereinen engagieren?
Ich wurde tatsächlich bereits angefragt, ob ich im Vorstand eines Sportvereins mitmachen will. Ich engagiere mich seit 25 Jahren ehrenamtlich in verschiedenen Vereinen. Im Moment bin ich einerseits beruflich ausgelastet und andererseits geniesse ich es, auch einmal nicht ehrenamtlich tätig zu sein. Aber es werden sicher wieder andere Zeiten kommen.
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