MULTIPLE SKLEROSE

Die Rüstige im Rollstuhl

Vreni Kuster lässt sich nicht von ihrer Krankheit unterkriegen. Sie hat eine Gruppe für Betroffene ins Leben gerufen, die auch im Rheintal aktiv ist. Monatlich trifft sich die Gruppe in St. Margrethen.
11.04.2018 | 07:04
Martin Rechsteiner

Martin Rechsteiner

«Es fühlt sich kalt an», sagt Vreni Kuster. «Es ist, als hätte ich dauernd eisige Füsse. Berühre ich sie aber mit den Händen, sind sie schön warm.»

Die Rorschacherin Vreni Kuster leidet unter Multipler Sklerose (MS). «Ich erkläre die Krankheit immer so», sagt sie, «stellen Sie sich vor, die Nervenbahnen, die Ihren Körper durchziehen, seien Kabel. Nun ist deren Ummantelung durch die Krankheit beschädigt; die Drähte darunter verursachen Kurzschlüsse und leiten nicht mehr richtig.»

Vreni Kuster erhielt die Diagnose mit 53 Jahren

«Die Krankheit kommt schleichend. Selbst nach der Diagnose machen sich über Jahre keine Anzeichen bemerkbar, und auf einmal schlägt die Krankheit zu», sagt die 68-jährige Vreni Kuster. Bei ihr verlief es so ähnlich. «Mit 20 hatte ich eine Entzündung des Sehnervs. Damals war ich aber nicht interessiert an den Ursachen der Entzündung, sondern wollte einfach, dass sie weggeht. Deshalb habe ich mich geweigert, ins Spital zu gehen.» Tatsächlich verheilte der Sehnerv auch ohne Spitalbesuch, ausser kleineren Störungen hatte Kuster keine Probleme mehr.

Die junge Frau, die damals noch in Weinfelden lebte, arbeitete als Textilverkäuferin, später als Büroangestellte, heiratete zweimal und brachte drei gesunde Kinder zur Welt. Doch auf einmal, im Alter von 53 Jahren, konnte sie ihren Fuss nicht mehr richtig abrollen beim Gehen. Für die Ärzte und Neurologen war schnell klar: Multiple Sklerose. Und die Sehnerventzündung damals war ein Vorbote davon gewesen.

Für Kuster brach eine Welt zusammen. Auf einmal wurde ihr bewusst, dass sie auf vieles, das sie liebt, wird verzichten müssen. Das Wandern in den Bergen, das Ski- und das Velofahren – das wird alles nicht mehr möglich sein. «Ich war aber froh, dass ich nicht schon in jungen Jahren wusste, dass ich MS habe», sagt Kuster. «Da hätte ich weniger unbeschwert gelebt.»

Inzwischen sitzt die 68-Jährige im Rollstuhl. Gehen kann sie kaum mehr, nur aufstehen geht noch. «Zudem hat meine Sehschärfe stark nachgelassen und ich höre auch nicht mehr so gut», sagt sie. «Ich komme aber gut zurecht, dank meinem Mann und meinen Kindern, die mich unterstützen.» Von der Krankheit unterkriegen lassen hat sich Kuster allerdings nie. Im Gegenteil: Sie hat sich nicht nur mit der MS in ihrem Leben arrangiert, sondern sie gleich zu einem Schwerpunkt gemacht.

Betroffene aus der Region treffen sich

So hat die Rorschacherin die MS-Gruppe Rorschach-Rheintal ins Leben gerufen. Monatlich treffen sich Betroffene aus der Region in St. Margrethen. Im Migros-Restaurant wird dann über Gott und die Welt diskutiert. «Die Krankheit soll bei dem Treffen nicht im Vordergrund stehen. Sie ist ja sonst schon genug präsent im Alltag. Falls aber ein Gruppenmitglied Fragen hat oder Tipps möchte, kann die MS schon einmal Thema sein.» Zurzeit ist die Gruppe auf der Suche nach neuen Mitgliedern und Sponsoren. Dafür hat Kuster nicht nur einen Flyer gestaltet, sondern auch eine Webseite. «Mein Sohn hat mir dabei geholfen.»

Die Rentnerin ist in der digitalen Welt rüstig unterwegs: Sie verbringt viel Zeit im Internet, ist auf Facebook, in Foren und Blogs aktiv, die sich mit MS befassen. «Ich tausche mich mit Betroffenen auf der ganzen Welt aus und versuche, ihnen Tipps zu geben.» Gerade jüngeren Menschen mit dem Leiden könne sie so manchmal helfen. «Ihnen mache ich Mut. Das Leben geht weiter, auch mit der Krankheit», sagt Kuster. «Das ist sowieso das Allerwichtigste», sagt sie. «Wenn man sich verrückt macht wegen der MS, fördert das nur ihr Fortschreiten. Stress ist unglaublich schlecht.» Deshalb sollte man das Beste draus machen und seinen Humor nicht verlieren, betont die Seniorin immer wieder.

So lässt sich Kuster auch ihre geliebten Berge nicht nehmen durch die Krankheit. Kaum ein Gipfel, auf den eine Bergbahn führt, sei vor ihr sicher. «Kürzlich war ich auf dem Titlis. Die Aussicht war fantastisch», sagt sie und schaut verträumt aus dem Stubenfenster, auf ihren Lippen ein Lächeln.

Hinweis

www.msgruppe-rr.ch

 

Multiple Sklerose ist eine Erkrankung des Zentralnervensystems. Weltweit leiden 2,5 Millionen Menschen an ihr. Sie kann verschiedene Ausmasse annehmen. Häufig führt sie zu Sehstörungen. Oft geht sie mit Gleichgewichtsstörungen, Lähmungen an Beinen, Armen und Händen und allgemeinen Schmerzen einher. Die Ursache der Krankheit ist unbekannt, Frauen sind etwa doppelt so oft betroffen. Ein Heilmittel gegen MS gibt es nicht. Sie kann durch Medikamente gemildert und verzögert werden. (mre)

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