SCHULWEG

Stadt Wil lässt Elterntaxis durch die Polizei kontrollieren

Vor einer Primarschule in Wil hat die Polizei Eltern beobachtet, die ihre Kinder mit dem Auto zur Schule fahren. Damit reagiert die Stadt auf ein Problem, das Gemeinden in der ganzen Ostschweiz kennen. Das Ergebnis der Aktion in Wil überrascht.
09.01.2018 | 05:19
Katharina Brenner

Katharina Brenner

katharina.brenner@tagblatt.ch

«15 Minuten sind nicht zu lange für einen Schulweg», sagt Ruedi Blumer, Leiter des Mattschulhauses in Wil. Etwa 230 Kinder besuchen die Schule, vom Kindergarten bis zur sechsten Klasse. Er habe die Autos nie gezählt, sagt Blumer. Aber er gehe von 20 bis 30 aus, die gleichzeitig vor dem Schulhaus hielten, innerhalb einer Viertelstunde. Viermal täglich. Morgens, mittags, nachmittags, jeweils zu Schulanfang und -ende. Jeweils dann, wenn Eltern ihre Kinder abholen. Teils, weil ihnen 15 Minuten zu lange vorkämen für einen Schulweg. Die Eltern hielten mit ihren Autos dort, wo auch der Bus halte und Kinder die Strasse querten. «Es ist unheimlich gefährlich und ein Glück, dass noch kein Kind verletzt wurde.»

In Wil stehen die sogenannten Elterntaxis spätestens seit dem vergangenen Sommer auf der politischen Agenda, als die SP-Stadtparlamentarierin Marianne Mettler die Interpellation «Elterntaxis gefährden die Sicherheit der Kinder» einreichte. Politiker aller Fraktionen hatten den Vorstoss unterzeichnet. Darin wird von «gefährlichen Wendemanövern» der Eltern berichtet.

Als Reaktion auf die Interpellation bat die Stadt die Polizei um eine Bestandesaufnahme vor dem Mattschulhaus. Im Dezember beobachtete die Stadtpolizei Wil zwei Wochen lang den Verkehr vor dem Gebäude. Die Schule hatte in ihrem Mitteilungsblatt darüber informiert, dass seit kurzem Verkehrspolizisten dafür sorgen, «dass keine Mami/Papi-Taxi mehr vor dem Matt anhalten. Das freut uns, denn zu Fuss oder mit dem Velo zur Schule gehen ist viel gesünder, fördert soziale Kontakte und mindert die Unfallgefahr vor dem Schulhaus erheblich.»

Demnächst wird die Polizei ihre Ergebnisse für die Stadt Wil in einem ­Bericht zusammenfassen. «Das Kon­trollergebnis zeigt, dass es kein grosses Problem mit Elterntaxis gibt», sagt Hanspeter Krüsi, Mediensprecher der Kantonspolizei St. Gallen. Bussen seien keine verteilt worden, bei Bedarf sei eingegriffen worden. Vereinzelte Verkehrsteilnehmer müssten im Umfeld der Schule mehr Vorsicht walten lassen.

Stadt stellt Schutz der Kinder an erste Stelle

Ruedi Blumer zeigt sich überrascht von diesen Ergebnissen. Er nehme die Situa­tion vor seiner Schule anders wahr und hoffe, dass die Stadt dementsprechend handle. Diese möchte für Aussagen zum Mattschulhaus den Bericht der Polizei abwarten. Phat Do, Leiter der Fachstelle Sport und Infrastruktur bei der Stadt Wil, lässt jedoch wissen, dass der Schutz aller Schulkinder an erster Stelle stehe. «Elterntaxis sind und bleiben ein Problem, weil sie andere Kinder, Fussgänger und Verkehrsteilnehmende gefährden.» Mit viel Ausdauer sensibilisierten die Stadt und ihre Lehrpersonen Eltern hinsichtlich der Gefährdung.

Marianne Mettler sieht das anders. Sie findet, die Stadt müsste mehr gegen Elterntaxis unternehmen. Nicht nur auf dem Schulweg, auch bei Lagern, Ausflügen und Grossveranstaltungen. Die Schulen würden zu sehr darauf setzen, dass Eltern ihre Kinder mit dem Auto zu diesen Anlässen bringen, dabei könnten sie den öffentlichen Verkehr nutzen. «Das müssten die Schulen nur koordinieren.» Dass die Stadtpolizei den Verkehr vor dem Mattschulhaus beobachtet hat, freue sie. «Es ist wichtig, die Ergebnisse genau auszuwerten.» Je nachdem könnten Verbote helfen. Ruedi Blumer würde ein Halteverbot auf der Strasse vor seinem Schulhaus begrüssen. Es müsste allerdings von der Kantonspolizei St. Gallen bewilligt werden.

Fahrverbot vor Wittenbacher Schule

In Wittenbach hat die Polizei vor dem Schulhaus Steig ein temporäres Fahrverbot verhängt: Unter der Woche von 7 bis 17 Uhr bleibt die untere Steigstrasse gesperrt. Der Grund: Elterntaxis. «Die Situation war nicht mehr tragbar», hatte Schulratspräsidentin Ruth Keller im Frühjahr vergangenen Jahres gesagt. Vor allem an Regentagen sei eine Autokolonne in die Sackgasse vor dem Schulhaus eingebogen. «Wir mussten reagieren, bevor etwas passiert.» Heute sagt Keller: «Es hat sicherlich eine Beruhigung direkt vor dem Schulhaus gegeben, und der Schulbus kann wieder ohne Probleme zirkulieren.» Teilweise haben die Eltern dann an einer anderen Stelle angehalten, und die Polizei habe interveniert.

Wie viele Bussen sie wegen Elterntaxis im vergangenen Jahr gesprochen hat, kann die Kantonspolizei St. Gallen nicht sagen. Dasselbe gilt für die Kantonspolizei Thurgau. Es steht jedoch fest, dass zahlreiche Gemeinden Probleme mit Elterntaxis haben: Frauenfeld, Münchwilen, Eschlikon oder Bischofszell. Dort hängen Plakate mit der Aufschrift «Elterntaxis unerwünscht». «Temporär hat die Plakataktion etwas gebracht», sagt der Bischofszeller Stadtpräsident Thomas Weingart. Elterntaxis seien nach wie vor ein grosses Problem. Er könne die Eltern aber sogar verstehen, die Angst haben, wenn ihr Kind zu Fuss zur Schule geht. «Es ist nicht lustig auf den Strassen.» Als «militanter Velofahrer» kenne er die Gefahren gut.

Verantwortung bei Eltern statt bei Polizei

Im Kanton Schaffhausen haben sich Auto- und Velofahrer zusammengetan, um den Schulweg sicherer zu machen. Die Schaffhauser Sektionen von TCS, ACS, Pro Velo und VCS sowie die Schaffhauser Polizei richten sich mit einem Plakat, mehrsprachigen Flyern und einer Website gegen Elterntaxis – ein schweizweit einzigartiges Projekt. Ist etwas derartiges in St. Gallen geplant? «Nein», sagt Luigi R. Rossi, Präsident der TCS-Sektion St. Gallen-Appenzell Innerrhoden. Es gehöre zur Freiheit eines jeden einzelnen, über den Schulweg zu entscheiden. Mehr Eigenverantwortung, weniger Verbote – das wünscht sich auch die Kantonspolizei. «Statt mit Verboten den Schulweg der Polizei zu überlassen, würden wir ihn gerne in die Verantwortung der Eltern zurückgeben», sagt Hanspeter Krüsi. «Sie sollten den Schulweg als Teil des Lebens betrachten, damit die Kinder Zeit für sich haben, zwischen daheim und der Schule.»

Kommentar: Der Anfang vom Ende der Elterntaxis

Zum Jahresanfang eine erfreuliche Nachricht der St. Galler Polizei: Elterntaxis sind «kein grosses Problem», man habe nicht einmal Bussen verteilen müssen. Zumindest gilt das für jenes Schulhaus in Wil, wo die Polizei im Dezember die Situation kontrollierte. Zwar musste sie da und dort eingreifen, doch waren es nur «vereinzelte Verkehrsteilnehmer, die im Umfeld der Schule mehr Vorsicht walten lassen müssten». Die Entwarnung tut gut, zumal die St.Galler Polizei nicht gefeit davor ist, aus einer Mücke einen Elefanten zu machen; erwähnt seien vorsichtig die Stichworte Hanfplantagen oder Tierrechtsaktivisten. Wenn Elterntaxis in Wil nicht wirklich «die Sicherheit der Kinder gefährden», wie es in einem politischen Vorstoss hiess, weckt das Hoffnungen. Darauf, dass die Entwarnung Schule machen könnte. Und dass die Kampagnen von Schulen, Gemeinden, Elterngruppen und Verbänden etwas bewirkten. Deren Ziel: Die Kinder sollen zu Fuss oder mit dem Velo zur Schule gehen, statt von überfürsorglichen Helikoptereltern tagtäglich bis vor die Schultür gekarrt zu werden.

Noch im Sommer hatte man den Eindruck, dass in jeder zweiten Ortschaft Poller, Halteverbote, Strassensperrungen oder gar Polizeipräsenz nötig würden, um Mütter und Väter davon abzuhalten, ihre Kids eiligst vor die Schulhäuser zu fahren. Von Abtwil bis Wittenbach und von Teufen bis Kreuzlingen diskutierte man Massnahmen; wenn nicht Verbote, so doch markierte Drop-off-, oder noch neudeutscher, Kiss-and-Ride-Zonen. Und es wurden Botschaften plakatiert: in Bischofszell simpel «Elterntaxis unerwünscht», im Luzerner Dorf Büron spitz «Vorsicht Kinder! Hier fahren eure Eltern».

Angst ist ein schlechter Ratgeber, erst recht auf dem Schulweg. Dort lernt man, am besten mit Gspändli, mehr fürs Leben als in der Schule, wie ein Bonmot früherer Generationen lautet. Derweil die «Generation Rücksitz» nur verwöhnt, egoistisch und dick wird. So uncool und verweichlicht, dass sie noch nicht mal weiss, wie sie selber nach Hause kommt, wie das Beispiel einer Hamburger Schule belegt, die aus diesem Grund keine Hitzeferien geben konnte. Hoffen wir, ermuntert von der Polizeimeldung aus Wil, dass bald auch die paar Unverbesserlichen lernen, ihr Kind laufen zu lassen; wenn es sein muss, halt begleitet. Und dann können wir uns wieder grösseren Problemen zuwenden – beispielsweise Fussgängerunfällen aufgrund von Smartphone-Absorbiertheit.

Marcel Elsener
marcel.elsener@tagblatt.ch

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