«Offene Türen sind bei Bränden das Fatalste»

  • Der 32-jährige Christoph Reich ist Leiter Dienstbetrieb der Berufsfeuerwehr St.Gallen.
    Der 32-jährige Christoph Reich ist Leiter Dienstbetrieb der Berufsfeuerwehr St.Gallen. (pd)
14.06.2017 | 16:37

BRANDBEKÄMPFUNG IN HOCHHÄUSERN ⋅ Nach dem Hochhausbrand in London stellt sich die Frage, wie die Feuerwehr in unserer Region Bränden dieser Art Herr wird. Christoph Reich, Leiter Dienstbetrieb der Berufsfeuerwehr St.Gallen, erklärt im Interview das Vorgehen.

Interview: Richard Clavadetscher
Christoph Reich, in der Stadt St.Gallen gibt es ja keine Hochhäuser von der Höhe wie in London. Aber es gibt gleichwohl hohe Häuser. Sind diese bei Ihnen in irgendeiner Art erfasst – vielleicht gar in einer Datenbank?
Ja, wir haben für die Einsatzplanung Gebäude besonderer Art mit ihren spezifischen Eigenheiten erfasst. Und dazu gehören auch die Hochhäuser.
 
Also kennt die Berufsfeuerwehr St.Gallen heute schon die Probleme, die bei diesen Häusern in St.Gallen in einem Brandfall auftreten können?
Im Grundsatz schon. Die wichtigsten und heikelsten Objekte sind bei uns erfasst. Allerdings ist zu beachten, dass jeder Brand seine spezifischen Eigenheiten hat: Wo genau bricht er aus, in welchem Stockwerk, in welchem Bereich? Diese Informationen können Sie natürlich nicht schon im Vorfeld haben.
 
Kann man vielleicht sogar etwas über die Zahl der problematischen Gebäude dieser Art in der Stadt St.Gallen sagen?
«Problematisch» ist da nicht das richtige Wort. Es handelt sich um Gebäude, auf die wir ein besonderes Augenmerk haben – etwa weil die Brandbekämpfung dort anspruchsvoller ist. Davon gibt es eine gewisse Anzahl, allerdings kenne ich die genaue Zahl nicht. Was wir einfach wissen: Eines unserer höchsten Häuser ist um die 85 Meter hoch.
 
Gibt es aus Sicht des Fachmanns der Feuerwehr Unterschiede zwischen älteren und jüngeren Hochhäusern?
Die gibt es sehr wohl. Bei den älteren Hochhäusern ist der vorbeugende Brandschutz noch nicht auf dem Niveau, das heute Standard ist. Selbstverständlich fliessen Erkenntnisse aus Schadenfällen stets in Bauvorschriften ein. Nicht nur das, auch aus der Forschung ergeben sich neue Erkenntnisse, die dann in Vorschriften umgesetzt werden.
 
Gibt es bestimmte Vorgehensweisen bei der Brandbekämpfung, die spezifisch für Hochhäuser gelten?
In Hochhäusern hat es im Vergleich zu Mehrfamilienhäusern eine grosse Personenbelegung, dies vorneweg. Bei Bränden in Hochhäusern gehen wir so vor, dass wir ein, zwei Stockwerke unter dem Brandereignis ein Materialdepot errichten. Wir müssen also das ganze Material dort hinauf schaffen. Bei neueren Hochhäusern sind spezifische Feuerwehrlifte Vorschrift, die besonders gesichert sind. Diese verfügen über eine sichere Stromversorgung, einen eigenen Brandabschnitt sowie eine Überdruckbelüftung, welche das Eindringen von Rauch verhindert. Mit ihnen schaffen wir das Material nach oben. Bei Hochhäusern ohne Feuerwehrlift bleibt da nur das Treppenhaus, was die Feuerwehrleute natürlich körperlich sehr beansprucht. Für ein mit Material bepackten Feuerwehrmann wird mit zirka 30 bis 60 Sekunden gerechnet, um ein Stockwerk zu überwinden.
 
Worauf müssen Sie besonders gefasst sein?
Das ist schon die hohe körperliche Belastung eines solchen Einsatzes. Aber auch die hohe Anzahl der zu rettenden Personen ist hier zu erwähnen. Auch hier helfen uns die heutigen Vorschriften: In den Treppenhäuser moderner Hochhäusern sind sogenannte Rauch- und Wärmeabzugsöffnungen verbaut, was sowohl die Rettung als auch den Angriff auf den Brandherd erleichtert. Solche Einsätze sind immer sehr personalintensiv und verlangen frühzeitige Grossaufgebote.
 
Man könnte sich vorstellen, dass ein solches Hochhaus älterer Bauart wie ein Kamin wirkt und das Feuer durch den Luftzug zusätzlich entfacht.
Ja, das ist so. Dieses Problem haben wir jedoch unabhängig vom Alter des Gebäudes, wenn Leute aus ihren Wohnungen flüchten und dann die Wohnungstüre offen lassen. Das ist so ziemlich das Fatalste, was man machen kann. So entsteht dann der von Ihnen beschriebene Kamineffekt.
 
Gefährlich scheint es, wenn die Feuerwehrleute ins Haus müssen. Wie geht man da vor, um die Risiken zu minimieren?
Das beginnt bereits mit der Ausbildung an der höheren Fachschule für Rettungsberufe in Zürich. Dort werden die Absolventen sensibilisiert für solche Gefahren, aber auch für ihre Leistungsgrenzen. Und sie lernen das taktische Vorgehen sowie den richtigen Einsatz des Materials.
 
Noch vor dem Löschen kommt ja das Retten. Welches sind da die Herausforderungen bei Hochhäusern?
Die hohe Personenbelegung, wie gesagt. Im Anfangsstadium eines Brandes sagt man jenen Leuten, die nicht mehr flüchten können, sie sollen Fenster und Türen schliessen und sich bemerkbar machen. Die Personen in den unteren Stockwerken versucht man, koordiniert zu evakuieren.
 
Reichen da Leitern?
Die Leitern reichen bis 30 Meter hinauf. Dann haben wir noch den Sprungretter, ein grosses Luftkissen, da ist die maximale Sprunghöhe ohne Verletzungen auch etwa 30 Meter. Mit Inkaufnahme von Verletzungen geht es bis 80 Meter.
 
Und jene Leute, die sich weiter oben aufhalten, was geschieht mit denen?
Da gilt dann eben der Grundsatz löschen, um zu retten. Wir versuchen also, mit allen Mitteln, mittels Löschangriff zu den Eingeschlossenen zu kommen.
 
Trainieren Sie Hochhausbrände speziell?
Über die Grundausbildung hinaus setzen wir jährlich jeweils Ausbildungsschwerpunkte fest. Zufälligerweise haben wir bereits beschlossen, im nächsten Jahr eine Ausbildungsserie Hochhausbrand zu machen. Das wird uns mehrere Übungstage beschäftigen.
 
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