SCHULWEG

Streit um Elterntaxis - Mutter kritisiert: "Viele Eltern lassen sich zu schnell um den Finger wickeln"

Immer häufiger fahren Eltern ihre Kinder zur Schule. Dies sei aber nicht förderlich für deren Entwicklung, sagt ein Schulpsychologe. Auf dem Schulweg lerne ein Kind, Verantwortung zu übernehmen.
11.01.2018 | 06:10
Alexandra Pavlovic
Monika und Simon gehen zu Fuss zur Schule, Valérie und Leon hingegen werden von ihren Eltern mit dem Auto gefahren. Täglich spielt sich dieses Szenario vor Ostschweizer Schulen ab. Das Chauffieren stösst einigen Schulleitern sauer auf. Zuletzt vor einer Primarschule in Wil. Dort hat die Polizei den Autoverkehr zwei Wochen lang beobachtet. Fazit: keine grossen Probleme mit Elterntaxis. Bussen wurden keine verteilt, so die Polizei. Doch wieso fahren Eltern ihre Kinder überhaupt zur Schule? "Viele geben an, dass sie ihr Kind vor den Gefahren des Strassenverkehrs oder vor möglichen Streitigkeiten mit anderen Kindern schützen möchten", erklärt Schulpsychologe Ralph Wettach. Eine Nachfrage bei Elternvereinen ergibt dasselbe: "Für einige Eltern ist es aber auch einfach bequem, die Kinder rasch auf dem Weg zur Arbeit abzuladen."

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Zu wenig Vertrauen in die Kinder

Die Absicht der Eltern hinter den Elterntaxis ist zwar gut gemeint, doch förderlich ist sie nicht. Wie Wettach sagt, kann sich regelmässiges Zur-Schule-Fahren auf die Entwicklung eines Kindes auswirken. "Die Entwicklung der Selbstständigkeit kann gebremst werden, weil der Schulweg für viele Kinder die erste Zeitspanne ist, die sie alleine, ohne Aufsicht von Eltern oder Lehrpersonen, bewältigen." Das Kind lerne hier, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. "Wenn Ängste der Eltern der Grund für das Fahren sind, vermitteln sie dem Kind indirekt, wir trauen dir nicht zu, den Schulweg alleine zu meistern."

Annemarie Spierings aus Wittenbach ist selber Mutter und hat das Problem der Elterntaxis in Wittenbach erlebt. Die Sprecherin des Vereins "Fami" kann die Angst der Eltern in Sachen Schulweg nicht ganz nachvollziehen und findet auch, dass Kindern heute kaum etwas zugetraut wird. "Viele Eltern lassen sich zu schnell um den Finger wickeln. Ihnen fehlt eine klare Linie", sagt sie. In Wittenbach hat sich die Situation dank eines temporären Fahrverbots vor dem Schulhaus Steig zwar beruhigt, doch noch immer werden zu viele Kinder mit dem Auto gebracht. Spierings findet deshalb, dass man das Verbot ausweiten müsste. "Statt vor der Schule werden die Kinder nun einfach etwas vorher ausgeladen. Das Problem hat sich so nur verlagert." Der Schulweg sei aber wichtig für ein Kind. Gemäss Wettach kann sich dieses nicht nur mit Mitschülern austauschen, sondern viele Erfahrungen sammeln. "Das würde es auf dem Rücksitz verpassen." Daher solle jedes Kind, wenn keine triftigen Gründe wie körperliche Einschränkungen oder der Entwicklungsstand dagegen sprechen, selbständig zur Schule gehen. Für Eltern gelte, das Kind gut in den Schulweg einzuführen und gegen die Gefahren des Strassenverkehrs zu wappnen.
 

Im Vordergrund steht die Sicherheit

Jann Döbelin von der Elternvereinigung Wiler Schulen (ElWiS) begrüsst die Idee des Experten. "Laufen fördert die Sozialkompetenz eines Kindes. Etwa wenn es darum geht, das korrekte Verhalten auf dem Schulweg zu erlernen." Daher unterstütze ElWiS Massnahmen gegen Elterntaxis im Bereich der Schulhäuser, wenn diese dazu dienen, gefährliche Situationen zu vermeiden. Welche Massnahmen geeignet seien, hänge von der örtlichen Situation ab. "Eltern, die dennoch Bedenken haben, empfehlen wir, ihre Kinder am Anfang zu Fuss zu begleiten, bis sie den Schulweg selbstständig sicher zurücklegen können", sagt Döbelin. Sinnvoll sei es auch, wenn sich die Eltern untereinander organisieren, um die Kinder auf gefährlichen Abschnitten zu begleiten.

In Rorschach hat man Eltern des Schulkreis Pestalozzi mit Plakaten und Broschüren auf das Thema Schulwegsicherheit hingewiesen. Die Schulbehörde versucht auch mit baulichen Massnahmen die Situation zu entspannen. "Ziel ist es, die Pausenplätze und problematischen Zufahrten von Autos zu befreien", sagt Eva-Maria Willaert, Präsidentin des dortigen Elternrats. Auch sie hat mit Eltern viel über Elterntaxis diskutiert, dabei gingen die Meinungen auseinander. "Ein Grossteil ist aber davon überzeugt, dass Laufen für die Entwicklung eines Kindes gesünder ist." Laufen viele Kinder eines Quartiers zusammen zur Schule, kommen Eltern weniger auf die Idee, sie zu fahren. "Egal, welche Methode man aber wählt, im Vordergrund steht stets eins: die Sicherheit der Kinder."
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