HUHN ERBEUTET

Junger König jagt im Thurgau

Ein Steinadler erbeutete in einem Hühnerstall in Balterswil ein Huhn. Experten vermuten, dass der junge Greifvogel aus dem Revier der Eltern vertrieben wurde.
09.01.2018 | 17:53
Jonas Manser
Das thurgauische Balterswil gehört normalerweise nicht zum Jagdrevier der Steinadler. Zuhause im Gebirge halten sich Steinadler generell von Menschen fern. Landwirt Edi Zuberbühler staunte deshalb nicht schlecht, als er an Stelle seiner Hühner einen grossen Greifvogel in seinem Gehege vorfand. «Er sass da und pickte in den Resten eines Huhns herum», sagte Zuberbühler gegenüber der «Bauernzeitung». 
 
Wie der Steinadler in den mit Draht überzogenen Stall hineinkam, ist ihm schleierhaft: «Er kam zwar rein, aber nicht mehr raus.» Zuberbühler griff nach einem Bambusstock, unsicher, ob ihn das Tier angreife. Erst nach langem Hin und Her sei es ihm gelungen, den nervösen Greifvogel durchs Eingangstor zu scheuchen, sagte der Landwirt gegenüber «20 Minuten». Jetzt müsse er wohl die Sicherheit seines Hühnergeheges überdenken.
 

Aus dem Revier der Eltern vertrieben

«Das nächste Steinadler-Revier liegt rund 20 Kilometer entfernt im Toggenburg», sagt Livio Rey von der Vogelwarte Sempach. An sich keine Distanz, die einem Steinadler Mühe bereite. «Am hohen Weissanteil im Schwanzgefieder erkennt man jedoch, dass es sich hierbei um ein Jungtier handelt», erklärt Rey. Der Biologe vermutet, dass er aus dem Revier seiner Eltern vertrieben wurde. Er müsse dabei nicht zwingend aus dem Toggenburg stammen. Steinadler legen auf der Suche nach einem neuen Revier zum Teil weite Entfernungen zurück.
 
Der junge Steinadler, wohl noch nicht sehr jagderfahren, sah vermutlich leichte Beute in den eingesperrten Hühnern. «Das kommt äusserst selten vor», so Rey. Normalerweise halten sie sich von Menschen fern und ernähren sich von Murmeltieren, jungen Steinböcken, Gämsen und Rehkitzen sowie Birk- und Alpenschneehühnern. «Er hat die vom Landwirt gehaltenen Hühner wohl als solche erkannt.»
 
Die Nutztiere von Landwirten werden aber nur selten Opfer von Steinadlern. Normalerweise genügten einfache Massnahmen wie ein mit rot-weissen Bändern versehenes Drahtgehege, um die Greifvögel fernzuhalten, sagt Rey. Das Jungtier werde wahrscheinlich nicht mehr zu diesem Hühnerstall zurückkehren, da es ziemlich sicher einen «gehörigen Schrecken» davongetragen habe. Von Menschen gehaltene Hühner stellten doch nicht so einfache Beute dar.
 

350 Paare in der Schweiz

In der Schweiz gibt es momentan 350 Steinadler-Brutpaare. Der Bestand sei damit ziemlich gesättigt, erklärt Rey. Die Zahl der Steinadler regelt sich in der Natur von selbst: Hat es zu wenig Nahrung im Revier, müssen frisch ausgeflogene Jungvögel auf eher ungeeignete Gebiete ausweichen, wo das Überleben um einiges schwerer ist. Die Vogelwarte Sempach weiss von vier Paaren, die in tieferen Lagen brüten und von zwei Paaren, die sich im Jura niedergelassen haben.

 

Der König der Lüfte

Steinadler wurden in der Schweiz geschossen, bis sie im Jahr 1926 unter Schutz gestellt wurden. Weil Steinadler langlebige Tiere mit relativ wenig Nachkommen sind, erholte sich die Population in den vergangenen 80 Jahren nur langsam, aber stetig.

Steinadler erreichen eine Spannweite von bis zu 2,2 Metern und ein Gewicht von bis zu 6,7 Kilogramm. Sie sind im Gebirge zu Hause, ihre bevorzugten Brutorte sind Felsnischen und Bäume. Der Steinadler hat als einziger grosser Beutegreifer in der Schweiz die Zeiten rücksichtsloser Verfolgung überstanden.
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