URTEIL GEGEN FCSG-CHAOT

"Gutachten unter den Teppich gekehrt"

Die Anwältin des wegen Pyro-Würfen verurteilten Fussballfans übt Kritik am Umgang des Bundesstrafgerichts mit zwei Gutachten. Diese zeigen: Das Opfer eines Knallkörper-Wurfs hatte schon zuvor Hörschäden gehabt.
10.08.2017 | 16:13
Daniel Walt
"Bireweich" und "Seich": Diese beiden Wörter stehen im Plädoyer, das Anwältin Manuela Schiller am Dienstag am Bundesstrafgericht in Bellinzona zugunsten eines heute 24-jährigen Fans des FC St.Gallen gehalten hat. Sie hält gar nichts davon, dass ihr Mandant im Februar 2016 in der Luzerner Swisspor Arena kurz nach Spielbeginn Rauch- und Sprengkörper auf den Rasen geworfen hat. Durch einen der Knallkörper erlitt ein gegen 50-jähriger, unbeteiligter Zuschauer damals bleibende Gehörschädigungen. Schiller stört sich aber am Umgang der Bundesanwaltschaft sowie des Gerichts mit zwei Gutachten, welche die Schallwirkung eines der geworfenen Knallkörper sowie die Hörfähigkeit des betroffenen Opfers zum Thema haben.
 

Unter dem Grenzwert

Ein akustisches Gutachten, das laut Manuela Schiller vom Bundesanwalt selbst angeordnet worden war, liegt "Tagblatt online" vor. Es sollte die Frage beantworten, ob der Knall des Sprengkörpers die Gehörschädigung des Zuschauers tatsächlich hatte auslösen können.

Aufgrund von Videoaufnahmen aus dem Stadion und Distanzmessungen der Luzerner Polizei geht der beauftragte Suva-Gutachter von der Annahme aus, dass zwischen dem Betroffenen und der Schallquelle eine Distanz von gut 20 Metern lag. Am Ohr der betroffenen Person betrug der Schallpegel des Knalls laut dem Gutachten 112,2 Dezibel mit einer Toleranzmarge von plus/minus 4 Prozent. "Diese Gehörbelastung liegt um 8 Dezibel unter dem Präventionsgrenzwert der Suva. (…) Nach den Suva-Regeln ist die Belastung durch ein einzelnes solches Ereignis noch ohne Gehörschutz zulässig", heisst es.
 

"Erhöhte Anfälligkeit"

In der Folge schreibt der Gutachter, die Wahrscheinlichkeit einer bleibenden Schädigung nach einer Gehörbelastung mit einem Pegel von 112 Dezibel sei mit weit unter einem Prozent anzunehmen. Er verweist auch darauf, dass keine Personen, auch solche mit kürzerer Distanz zur Schallquelle, nach dem Knall eine bleibende Hörschädigung geltend gemacht hätten. Trotzdem könne nicht ausgeschlossen werden, dass die Hörschädigung des Betroffenen durch den Knallkörper ausgelöst worden sei: "Dann nämlich, wenn eine individuelle temporäre oder dauernde Schwächung oder Schädigung des Innenohres zu erhöhter Anfälligkeit gegenüber solchen Belastungen geführt hat."
 
Als Folge dieser gutachterlichen Aussagen wurde im Lauf des Prozesses auch noch ein medizinisches Gutachten eingeholt. Es zeigt laut Manuela Schiller, dass beim Geschädigten in der Tat schon vorab eine leichte, auf sein Alter zurückzuführende Schwerhörigkeit von 18 Prozent bestanden habe. "67 weitere Prozent der aktuell 85 Prozent Hörschädigung am linken Ohr sind laut diesem Gutachten auf die Explosion des Knallkörpers zurückzuführen", sagt Schiller.
 

"Brachte nicht das gewünschte Ergebnis"

Der Bundesanwalt habe das von ihm selbst in Auftrag gegebene akustische Gutachten in seinem zweistündigen Plädoyer mit keinem Wort erwähnt, erklärt Manuela Schiller. Sie hat auch eine Vermutung, weshalb er darauf verzichtet hat: "Weil es nicht das von ihm erwünschte Ergebnis gebracht hat, dass die Hörbeeinträchtigung des Mannes vollständig auf die Explosion des Knallkörpers zurückzuführen wäre." Auch das Gericht habe entschieden, ohne das akustische Gutachten zu würdigen. "Dieses zeigt aber auf, dass es total unwahrscheinlich war, dass der Mann in dieser Situation durch einen solchen Knallkörper eine bleibende Gehörschädigung erleiden würde." Trotzdem behaupte man nun einfach, ihr Mandant habe genau diese konkrete Gefährdung in Kauf genommen.

Wären die beiden Gutachten ins Urteil eingeflossen, hätte laut Manuela Schiller eine tiefere Strafe als die ausgefällte - 36 Monate Gefängnis, die Hälfte davon unbedingt - resultieren müssen. "Dies, weil mein Mandant niemanden konkret gefährdete – und falls doch, höchstens fahrlässig und sicher nicht vorsätzlich oder eventualvorsätzlich", so Schiller.

 
"Weiss, dass er bestraft werden muss"

Manuela Schiller betont es noch einmal: "Mein Mandant hat einen Blödsinn gemacht. Er weiss auch, dass er dafür bestraft werden muss." Nicht akzeptieren können er und seine Anwältin aber, dass die beiden Gutachten quasi unter den Teppich gekehrt worden seien. Vor allem aus diesem Grund erwägen Schiller und ihr Mandant den Weiterzug des Urteils ans Bundesgericht – entschieden werden soll über diesen Schritt, wenn die schriftliche Urteilsbegründung vorliegt.
 
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