«Es musste unbedingt Terror sein»

  • Der Bahnhof Salez-Sennwald, in dessen Nähe sich der Anschlag vor einem Jahr ereignete.
    Der Bahnhof Salez-Sennwald, in dessen Nähe sich der Anschlag vor einem Jahr ereignete. (Bild: Benjamin Manser)
13.08.2017 | 05:17

TRAGÖDIE VON SALEZ ⋅ Vor exakt einem Jahr attackierte ein 27-Jähriger Zugpassagiere mit brennbarer Flüssigkeit und einem Messer. Der Fall erregte internationales Aufsehen und geht auch Hanspeter Krüsi, Kommunikationschef der Kantonspolizei St.Gallen, nicht aus dem Kopf.

Interview: Richard Clavadetscher

Interview: Richard Clavadetscher

Hanspeter Krüsi, ein Jahr nach Salez. Vergessen haben Sie dieses Geschehnis bis heute wohl nicht.

Ich werde dieses Geschehnis wohl mein ganzes Leben lang nicht mehr vergessen. Da ist einmal die Tragik dieses Gewaltaktes, die einen erschüttert. Dann aber ist mir auch noch der riesengrosse Druck präsent, dem wir von der Kommunikation der Kantonspolizei St.Gallen ausgesetzt waren.

Sie sagten mal, am Anfang habe es nach einem regionalen Geschehnis ausgesehen.

Das ist es eigentlich bis heute geblieben. Es ist uns bis heute kein Motiv des Täters bekannt. Es war ein regionales kriminalpolizeiliches Ereignis mit Opfern aus der Region und einem Täter aus der näheren geografischen Umgebung, aus dem Kanton Schwyz.

Hanspeter Krüsi. (Urs Bucher)

Es war eine Zeit lang nicht klar, ob die Tat einen islamistischen Hintergrund hatte. Das hatte grossen Einfluss auf Ihre Arbeit.

Aufgrund verschiedener Hinweise, die wir hatten, wussten wir schnell, dass der Täter nicht polizeilich bekannt war und dass er seine Opfer zufällig auswählte. Wir waren von Anfang an der Ansicht, dass es hier weder einen internationalen noch gar einen islamistischen Bezug gebe.

Trotzdem hatten Sie plötzlich ein weltweites Medieninteresse zu befriedigen.

Das ist so. Die Informationen, die wir in den ersten drei Stunden nach dem Geschehnis abgaben, entsprechen noch heute der absoluten Wahrheit. Das will ich hier nochmals festhalten. Man glaubte uns aber nicht und – ich muss es so sagen – wollte ein internationales Ereignis daraus machen. Daraus ergab sich dann eine Situation, die nicht etwa wir durch vorschnelle Information provozierten, es waren einzelne Medien dafür verantwortlich, die das Ereignis «pushten».

Ein Beispiel dafür?

Der Bahnhof Salez war schnell mit Foto im Netz. Auf einem Bild samt einer dunkelhäutigen Person, die dann sofort als Täter galt. Es gab Fotos einer anderen ausländisch aussehenden Person mit einer Waffe und so weiter. Die Situation eskalierte so sehr, dass vereinzelt gar der Hanspeter Krüsi als Täter genannt wurde.

Es gab dann ja auch Probleme wegen der Handhabung der Information. Ausländische Medien begriffen nicht, weshalb Sie keinen Täternamen nannten.

Genau. Wir haben uns hier an die gesetzlichen Vorgaben zu halten. Was wir taten. Wenn ausländische Medien das nicht begreifen, dann muss ich den Ball zurückspielen und sagen: Auch von einem ausländischen Journalisten ist zu erwarten, dass er gewisse Kenntnisse hat über das Land, aus dem er berichtet.

Wie empfanden Sie denn den Umgang mit den internationalen Medien generell?

Mein Eindruck war, dass diese auf Teufel komm raus einen Link herstellen wollten zum internationalen Terror. So fragten sie mich etwa, ob der Täter nicht einen Bezug nach Frankreich habe oder ob er wirklich nicht «Allahu akbar!» gerufen habe während der Tat. Und bezüglich der Opfer, ob diese nicht Kopftücher trugen.

Im Nachgang sagten Sie, im Grossen und Ganzen habe die Polizei bezüglich Information nichts falsch gemacht. Es seien Kleinigkeiten, die Sie optimieren würden. Sind Sie nach wie vor dieser Meinung?

Kommunikation kann immer optimiert werden. Darüber hinaus ist uns seit damals aber bewusst, dass wir unter allen Umständen die Reaktionsgeschwindigkeit erhöhen müssen. Heute sind die Medien und die sozialen Netze so schnell, dass die Polizei kaum mehr Zeit hat, um eine ihrer wichtigsten Aufgaben wahrzunehmen, nämlich durch sachgerechte, durch klare und wahre Information der Bevölkerung zu sagen, was geschehen ist.

Im Handyzeitalter überholen Private spielend die Polizei…

Ja, und wir müssen danach zeitaufwendig Gerüchte dementieren. Das geht nicht, ohne während eines Ereignisses stets auch noch die Onlineausgaben der Medien und die sozialen Netzwerke im Auge zu haben – und dann sofort zu reagieren.

Bei der Information durch die Polizei ist heute einiges anders als früher. Welches sind die grössten Änderungen?

Geändert hat, dass heute fast bei jedem etwas grösseren Ereignis nach einem möglichen Terrorhintergrund gefragt wird. Dies selbst bei Verkehrsunfällen. Und dann will man von der Polizei unverzüglich Antwort auf diese Terrorfrage.

Wenn wir die Polizei-Information bei den jüngsten Ereignissen anschauen – etwa Hamburg und Konstanz –, scheint uns, dahinter stehe ein eigentlicher Apparat. Kann eine mittelgrosse Kantonspolizei wie Ihre so etwas überhaupt leisten?

Das ist das Problem. In Deutschland etwa sind die Kommunikationsabteilungen der Polizei sehr viel kopfstärker als bei uns. Wir in St.Gallen haben gerade einmal acht Leute. Wir müssen uns bewusst sein, dass heute ein polizeiliches Ereignis daran gemessen wird, wie schnell die Polizei eines Täters habhaft wird und wie sie die Kommunikation bewältigte. In Salez gab das Ereignis schnell einmal nichts mehr her. Da kritisierte man halt dann die Kommunikation – zu Unrecht, sage ich nach wie vor.

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