«ONEPAGE»

Ein Magazin in Plakatgrösse

Die Liechtensteinerin Doris Büchel macht ein Magazin auf einer Seite. Es soll ein Zeichen sein gegen den Überfluss und für die Wertschätzung von guten Texten.
07.01.2018 | 05:17
Aktualisiert:  07.01.2018, 18:00
Kaspar Enz

Kaspar Enz

kaspar.enz@ostschweiz-am-sonntag.ch

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: www.tagblatt.ch/epaper

Wenn Doris Büchel die frisch gedruckte Ausgabe ihres Magazins «Onepage» geliefert bekommt, setzt sie sich an den Tisch in ihrem Büro. Sie tippt die Adressen der Abonnenten in die alte Schreibmaschine, weiss und hellblau, stempelt das Logo auf die Adresse. Und tippt dann die Gebrauchsanweisung ab, 188-mal.

Dass ein Magazin eine Gebrauchsanweisung braucht, mag überraschen. Vor allem wenn es gerade mal eine Seite hat. Allerdings: «Onepage» ist neun gewöhnliche Seiten gross. Das Plakatformat macht das Lesen nicht einfacher, das weiss die Macherin. Weder im Zug noch auf dem Esstisch kann man «Onepage» gemütlich entfalten. «Man soll sich darauf einlassen, oder es aufhängen», rät Büchel. Dort, wo man es immer wieder lesen kann. «Jemand hat mir mal fast beschämt gesagt, er habe es auf der Toilette aufgehängt. Dabei ist das ein guter Ort»: Hier kann man das Magazin immer wieder neu entdecken. Auch geeignet: Warte- oder Sitzungszimmer, Yogastudios oder Schlafzimmer, rät die Gebrauchsanweisung.

Eine Seite, ein Text, ein Gedicht

Dabei hat das Magazin nur wenig mehr Texte als Seiten: Eine Einleitung, ein Text, ein Gedicht. Für Büchel war klar: «Wenn ich ein Magazin mache, muss es sehr reduziert sein.» Denn der Anstoss für die «Onepage» war der Überfluss. Es gebe so viele gute Texte, sagt die Liechtensteinerin. «Ich liebe Magazine. Ich blättere sie durch, und markiere Artikel, die ich ein andermal lesen will. Sie stapeln sich, bis sie eines Tages dann doch im Altpapier landen – ungelesen.»

Das Menu eines Restaurants in Kanada gab ihr die Idee, und während ihrer Ferien begann Büchel, das Konzept für das einseitige Magazin zu skizzieren. Dabei war sie nicht immer davon überzeugt. «Ich hatte mich als Schreiberin gerade selbstständig gemacht. Ich war voll motiviert für diesen Neuanfang.» Das Projekt stand da quer in der Landschaft. Aber die Idee liess sie nicht los. Ein Zeichen gegen den Überfluss zu setzen, schien ihr wichtig. «Texte sind nichts mehr wert, alles muss schnell gehen und gratis sein.» Ihr Magazin hingegen sollte ein hochwertiges Produkt sein, zeitlos. Deshalb auch die Stempel und die Schreibmaschine. «Es geht um Wertschätzung.» Mit dem Grafiker Adrian Scherrer, der heute noch mitwirkt, entwickelte sie schliesslich das Konzept. Im Frühling 2016 war die erste Ausgabe da. Eben ist die zehnte Ausgabe erschienen: Manfred Papst, Kulturredaktor der «NZZ am Sonntag», schreibt darin über Musikkassetten.

Keine Ausgabe ist gleich: Jedes Magazin wird von einem anderen Grafiker gestaltet, die auch das Papier auswählen. Die Autoren sind mal bekannt, wie Patent-Ochsner-Sänger Büne Huber, der in Nr. 6 vom Leder zieht, oder Newcomer, die hier zum ersten Mal veröffentlichen, wie die Liechtensteinerin Eva Wena­we­ser ihr Gedicht in Nr. 4. Mal sind die Autoren und Grafiker aus der Nähe, aus Buchs, Grabs oder Liechtenstein, mal kommen sie von weit her wie das niederländische Grafikbüro Me­tahaven, das die Nr. 2 gestaltete. Abgesagt habe ihr noch nie jemand, sagt Doris Büchel. «Und ich habe eine Warteliste mit Leuten, die gern mal mitmachen wollen.»

Stetig mehr Leser

Auch die Zahl der Leser wachse stetig, aber mit 188 Abonnenten ist sie noch nicht zufrieden. «Bis jetzt funktioniert es nur, weil das Projekt von Stiftungen unterstützt wird», sagt Büchel. Der Vertrieb, das Marketing, habe sie anfangs unterschätzt. Bald will sie eine Zwischenbilanz ziehen. Wenn «Onepage» einmal 500 Abonnenten habe, sei ein wichtiges Ziel erreicht, sagt sie. «In nützlicher Frist. Dann muss ich dann wohl Studenten einstellen, um beim Stempeln und Tippen zu helfen.»

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