"Die amerikanische Gelassenheit ist weg"

  • Diese Idylle in Florida ist nicht mehr da: Marion Berg und ihr Mann René müssen mit ihrem neunjährigen Sohn vor dem Hurrikan Irma fliehen. "Wir haben Angst um unser Leben und um unsere Existenz."
    Diese Idylle in Florida ist nicht mehr da: Marion Berg und ihr Mann René müssen mit ihrem neunjährigen Sohn vor dem Hurrikan Irma fliehen. "Wir haben Angst um unser Leben und um unsere Existenz." (pd)
08.09.2017 | 17:12

THURGAUER IN FLORIDA ⋅ Erst seit Kurzem wohnt Marion Berg mit ihrem Mann René und Sohn Emil in Florida. Jetzt erleben sie mit dem nahenden Hurrikan Irma einen Albtraum. "Wir wollten am Mittwoch mit unserem Auto aus Florida weg, aber es war kein Fortkommen mehr möglich, wir mussten umkehren." Jetzt hoffen sie inständig, dass ihr gebuchter Flug heute nach Washington nicht gestrichen wird.

Christa Kamm-Sager
Seit drei Tagen verhalte sich ihre Katze merkwürdig, komplett anders als sonst. "Sie liegt Tag und Nacht auf der Fensterbank und schaut raus. Das macht sie sonst nie, sondern schläft in der Nacht friedlich in ihrem Korb", sagt Marion Berg. Sie und ihr Mann René lebten schon vor ein paar Jahren in Florida und haben sich jetzt definitiv im Südstaat niedergelassen. Jetzt erleben sie bereits das, wovor sich die meisten Menschen dort am meisten fürchten: Einen Monster-Hurrikan. Angst vor dem Sturm und eine grosse Anspannung seien im Moment überall zu spüren und "die normalerweise grosse amerikanische Gelassenheit ist weg", so Marion Berg am Telefon.
 

"Die Natur ist stärker als wir"

In Florida bereiten sich die Menschen voller Sorge auf die Ankunft einer der bis anhin grössten Naturkatastrophen des Staates vor. Hurrikan Irma wird mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 250 km/h Samstagnacht und Sonntag (Ortszeit) in Florida wüten. Sein Zentrum wird voraussichtlich westlich über dem Golf von Mexiko erwartet. Dort, in Estero, nördlich von Naples, haben der Thurgauer mit seiner Frau aus Friedrichshafen und dem neunjährigen Sohn Emil ihre Existenz aufgebaut. Sie wohnen in einem Haus nahe der Küste und vermieten mehrere Häuser an Feriengäste. "Wir nehmen die Warnungen sehr ernst. Die Natur ist stärker als wir", sagt Marion Berg. Der Hurrikan werde das Wasser an die Küste drücken und in ihrem Wohnort rechnen die Menschen mit verheerenden Überschwemmungen.
 

"Wir mussten kapitulieren"

Am Mittwoch um 13 Uhr wollten sie mit ihrem Kleinwagen Florida auf der einzigen Strasse Richtung Norden verlassen. "Wir dachten, wir seien früh dran, kamen dann aber nur etwa 80 Meilen weit. Dann mussten wir kapitulieren." Die Strassen seien derart verstopft gewesen, dass es kein Vorwärtskommen mehr gegeben habe. "Als wir dann hörten, dass es nirgends mehr Benzin zu kaufen gibt, entschieden wir, umzukehren. Sonst wären wir ohne Benzin irgendwo stehen geblieben." Vorsorglich hätten sie aber schon am Montag für heute Freitag einen Flug in Richtung Washington gebucht. Seither haben sie dreimal am Tag versucht, den Flug vorzuverlegen. "Aber seit Dienstag ist alles ausgebucht. Wir hoffen inständig, dass unser Flug am Freitag um 16.30 Uhr (MEZ 22.30 Uhr) noch durchgeführt werden kann."
 

Stimmung ist gespenstisch

36 Stunden, bevor der Hurrikan in Florida eintreffen wird, sei die Stimmung in Estero, dem idyllischen Ferienparadies, gespenstisch. Alle Häuser seien verriegelt, die Läden jetzt schon zum Teil geschlossen, die Schulen zu. "Ich habe noch nie erlebt, dass Starbucks-Restaurants geschlossen sind. Jetzt sind alle Filialen in Florida zu und verriegelt." Zudem seien die noch offenen Läden praktisch leer gekauft - Wasser gibt es sozusagen nirgends mehr. Auch das Benzin werde knapp und Bargeld könne man keines mehr abheben. Die Regierung habe eigens die App "Go Buddy" lanciert. Diese diene einzig dazu, Tankstellen, an denen noch Benzin erhältlich sei, bekannt zu geben. Viele Eltern seien mit ihren Kindern schon abgereist.

Wasser und Notvorräte für die erste Zeit nach dem Sturm. (pd)

Notunterkünfte in Schulen und Hallen

Die Familie hat sich bestmöglichst vorbereitet auf die Naturkatastophe.  "Wir haben 52 Liter Wasser und so viele Notvorräte wie möglich gekauft und werden vor unserer Abreise noch die beiden Badewannen mit Wasser füllen." Falls der Flug nach Washington nicht mehr durchgeführt werde, hätten sie auch einen Koffer gepackt, um den Tropensturm in einem Shelter zu verbringen. Diese sicheren Notunterkünfte seien am Freitag ab 13 Uhr geöffnet. Massiver gebaute Schulen, Eishallen und Universitäten würden für die Bevölkerung hergerichtet.

"Wir sind mit Florida sehr vertraut, aber diese Art von Panik haben wir noch nie erlebt hier", sagt Marion Berg.  Sie hätten zwar eine Gebäudeversicherung, doch Flutschäden könnten in Florida nur mit horrend hohen Prämien versichert werden. Das könne sich praktisch niemand leisten. "Unser Schicksal kann man multiplizieren. Es geht hier allen so wie uns."
 

Menschen teilen alles

Die enorme Hilfsbereitschaft der Amerikaner sei bewundernswert. "Wir haben sicher schon zehn Angebote erhalten von Leuten, die uns bei sich aufnehmen wollen, sollte unser Haus zerstört sein." Die Menschen seien uneigennützig und teilen alles. "Darauf dürfen die Amerikaner wirklich stolz sein." Man sei sich hier nicht gewöhnt, dass der Staat für alles sorge.

Wenn es mit dem Flug klappt, wird die Familie am Dienstag wieder nach Estero zurückkehren. Ihre Katze wird den Super-Hurrikan im Haus der Nachbarn überstehen müssen. "Ihr Haus ist etwas sicherer als unseres." Der Flug und die Unterkunft im Hotel wären für die Katze der pure Stress gewesen. "Wir hoffen und beten, dass wir das überleben und unsere Existenz nicht zerstört wird", sagt Marion Berg voller Sorge.
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