HUMOR

Der «Balkaner» weiss alles

Zwei junge Ostschweizer mit Wurzeln in Serbien und Mazedonien nehmen auf ihrer Facebook-Seite die Kulturen ihrer Heimat und der Schweiz auf die Schippe. Dazu erfanden sie eine Figur, die 50'000 Fans zum Lachen bringt.
07.08.2017 | 06:33
Désirée Wenger

Désirée Wenger

desiree.wenger@thurgauerzeitung.ch

«Ich wusste nicht, dass es so viele Leute in der Schweiz gibt, die denselben Humor wie wir haben», sagt Aleksandar Djuric. 2009 lernte er seinen Kollegen Faton Idrizi in der Schule kennen. «Wir hatten schon immer diesen übertriebenen Balkan-Klischee-Humor. Aleksandar hatte plötzlich die Idee, eine Facebook-Seite zu erstellen», sagt Idrizi. Dies taten die beiden 21-Jährigen auch und posten seit Mai 2016 täglich Memes auf ihrer Seite «Secondomeme». Fast 50'000 Likes und Abonnenten hat die Seite bereits.

Per Definition ist ein «Meme» ein Bild im Internet, das die Inhalte eines oder mehrerer Fotos oder Zeichnungen mit einem humoristischen Kommentar verbindet. Üblicherweise wird dazu eine weisse, gut sichtbare Schrift verwendet.

«Sabahudin» liebt Zahnstocher

Die Hauptfigur der «Secondomemes» ist Sabahudin. Die beiden Freunde fanden die Figur auf einer serbischen Internetseite, die auch Memes postet, und übernahmen sie nach Anfrage. Der Mann, der Sabahudin darstellt, existiere wahrscheinlich gar nicht. «Sabahudin ist ein typischer Balkan-Name und wir fanden ihn so lustig, dass wir unseren Protagonisten so nennen wollten», sagt Idrizi. Die Figur Sabahudins ist ein Mann mittleren Alters, hat einen dicken Bauch und zieht einen «Lätsch». Seine Lieblingsworte sind «Tummisiech» und «Koffertami», auf gut Schwizerdütsch «Dumme Siech» und «Gopferdammi». Und er hat einen Zahnstocher im Mund. Zahnstocher seien Teil der Kultur. Selbst wenn man nur einen Kaffee bestellen würde, lägen sie auf dem Tisch. «Das liegt wohl daran, dass wir Balkaner ständig mit etwas im Mund rumspielen müssen. Das Lieblingsgetränk der beiden Freizeitkomiker ist Cola Zero. Die Vorliebe für das Süssgetränk geht so weit, dass sie dessen Konsum als ihr Hobby bezeichnen. Weitere Freizeitaktivitäten sind das Verzehren von ­Burek und Cevapi. Aber nur in Kombination mit Cola Zero, «kof­fer­tami»!

Das würde Sabahudin gefallen, schliesslich isst auch er gerne. Seinem Bauch nach zu urteilen etwas zu viel. «Er hält sich für den Schlausten, ohne jemals die Schule abgeschlossen zu haben», sagt Idrizi. Ständig gebe er seinem Sohn Weisheiten mit auf den Weg. Er fährt einen teuren Sportwagen, wohnt aber in einer 31/2-Zimmer-Wohnung, wo er sich über die Politiker seiner Heimat aufregt. Er ist sehr selbstbewusst, müsste aber zehn Kilo abnehmen. Natürlich sei die Figur eine Karikatur. Wahrheiten hätten die Klischees, welche Inhalt der Memes sind, dennoch in sich. «Die Inspiration findet man ständig im Alltag, egal ob bei den Eltern oder Verwandten. Die beste Inspiration ist aber ein Aufenthalt in einem Balkanstaat», sagt Djuric. Die witzigen Alltagssituationen werden dann für die Memes übernommen.

«Wir sind lockerer und lachen über andere Dinge», sagt der Maturand Idrizi über die Unterschiede zwischen Schweizern und «Balkanern». Allerdings lachen nicht nur Ausländer, sondern auch Schweizer über die Memes. Idrizi und Djuric seien stolz auf ihre Herkunft, auch wenn sie ihre Kultur auf die Schippe nehmen. Aber: «Die Schweiz ist unser Zuhause. Wir sind beide hier geboren und aufgewachsen, haben die Schulen besucht und uns in die Kultur eingelebt», sagt Djuric, der als Kon­strukteur arbeitet. «Wir hätten uns ja sonst auch nie kennen gelernt und ‹Secondomeme› wäre nie zustande gekommen», fügt Idrizi an. So sehr sie ihre Heimat auch liebten, ein Leben dort könnte sich keiner der beiden vorstellen. «Es wäre eine riesige Herausforderung, uns in Serbien respektive Mazedonien einzuleben. Das käme höchstens nach der Pension in Frage», sagen Idrizi und Djuric.

Humor verbindet Menschen

Ziel der «Secondomemes» sei es, die Leute zu unterhalten. Sie wollen die «Balkaner» nicht als faul, arbeitsscheu oder kriminell darstellen. «Vielmehr geht es darum, dass wir ‹Balkaner› viele Ähnlichkeiten untereinander haben, obwohl wir uns gegenseitig teilweise nicht ausstehen können», sagt Djuric. Deshalb arbeiten die zwei Freunde die gemeinsamen Klischees der Landsleute, die in der Schweiz leben, heraus. Das sorgt für Originalität und Lacher.

Auch Schweizer und Ausländer sollen sich durch die Memes näher kennen lernen. «Humor verbindet Menschen. Und wir wollen Menschen verbinden und nicht aufeinander loshetzen», sagt Idrizi. «Mit Hass, Missgunst und Neid kommt man nicht weit, wie man es in den Balkanländern beobachten kann», sagt Djuric.

Nebst der Facebook-Seite ist auch ein Instagram- und Youtube-Account geplant, um «Secondomeme» weiter zu verbreiten. «Wir hätten niemals mit so vielen positiven Reaktionen gerechnet», sagt Idrizi. «Es ist wirklich schön zu sehen, wie alle darüber lachen können, ohne sich die Köpfe einzuschlagen.»

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