FACHHOCHSCHULE

St.Gallen bildet wieder Architekten aus

St.Gallen bietet wieder ein Architekturstudium: Die FHS hat in der Hauptpost ihren neuen Bildungsstandort mit Werkstattcharakter und Praxisnähe bezogen. Nebst Architektur wird dort auch Pflege unterrichtet respektive geübt.
11.01.2018 | 05:20
Marcel Elsener

Marcel Elsener

marcel.elsener@tagblatt.ch

Von aussen wirkt die Trutzburg abweisend, uneinnehmbar, doch im Innern tut sich einiges. Noch ist die St.Galler Hauptpost, nach ihrem Bau Anfang des 20. Jahrhunderts eine der grössten und umsatzkräftigsten der Schweiz, eine Post. Und bekanntlich ist sie seit bald drei Jahren auch eine Bibliothek sowie Sitz der St.Galler Kulturverwaltung. Aber langsam wächst sie auch zur Schule: Im September ist die Werkstatt für den neuen Bachelor-Studiengang in Architektur der Fachhochschule St. Gallen eingezogen, nun folgt der FHS-Fachbereich Gesundheit. Bachelor- und Master-Studierende in Pflege erlernen hier das Clinical Assessment (was soviel bedeutet wie die Befragung und Untersuchung eines Patienten zwecks klinischem Befund) oder üben Reanimation.

Seitens der Pflege ist der Lehrkörper halbwegs eingerichtet, die meisten Räume sind aber noch im vorläufigen Zustand. Derweil stehen die angehenden Architektinnen und Architekten bereits kurz vor der ersten Semesterkritik, wie ein öffentlicher Rundgang eindrücklich belegt. Allein das Thema der ersten Woche – die Beschäftigung mit dem Ort «Post» als neue Heimat – und seine gestalteten Arbeiten von Turmmodellen oder Fassadenstrukturen zeigen «die ­sofort entstandene schöne Dynamik», wie die Geschäftsleiterin des Studiengangs, Simone Kölbener, sagt. Derweil die Besuchergruppe die Fotoausbeute eines Stadtspaziergangs studiert, flitzt im Gang schon ein Student auf dem Kickboard vorbei: «Aufgrund der weiten Wege lassen wir ihnen den Spass, solange es nur zwei sind», lacht Kölbener.
 

Hochbauzeichner, Zimmerleute oder praxiserprobte Maturanden

Ob mit dem Bleistift am Schwarzplan oder mit Styropor für diverse Modelle fiktiver Wohnhäuser: Die Hochbauzeichner, Schreiner, Zimmerleute oder (nach einem Praktikum zugelassenen) Maturanden, die hier erste Schritte in der Architektur beschreiten, haben schon viel geleistet. 25 Männer und 7 Frauen sind es im ersten Jahrgang, der überbuchte Kurs bestätigt die grosse Nachfrage; 90 bis 100 Architekten pro Jahr will St.Gallen künftig wieder ausbilden, erstmals seit 2007 der Lehrgang im Zuge der Bologna-Reform aufgegeben wurde und die Studenten nach Zürich, Winterthur oder Vaduz abwanderten. Pioniergeist für eine umfassende, praxisnahe Architekturausbildung ist gefordert – und versprochen: «Befassen wir uns mit dem Baustoff Holz, nehmen wir Holz in die Hand», wie es die Konzeptleitung im schuleigenen Schwerpunktheft «Bauen» beschrieben hat. Dies gilt für die Holz- und Gipswerkstatt im Erdgeschoss ebenso wie für die Druckwerkstatt, wo bereits unzählige Stadtansichten gedruckt wurden. Geleitet wird sie von der Leipziger Künstlerin Katharina Immekus, deren grossformatige Druckkunst derzeit in der «Galerie Post» ausgestellt ist. Heimlicher Star der Werkstatt ist die kleine Andruckpresse vom Typ Korrex: 1958 in Hannover aufgestellt und zuletzt in Holland im Gebrauch, fand sie über einen Drucker in Leipzig den Weg nach St.Gallen: nur ein Beispiel für die vielfältigen Verbindungen, die in der Architektur-Werkstatt spielen. Nicht die jüngst in einem Radiobeitrag von «Echo der Zeit» kritisierte Elfenbeinturm-Ausbildung an den meisten Fachhochschulen, sondern Architektur als «archaische Disziplin der Ganzheitlichkeit» (Jacques Herzog) will Studiengang-Leiterin Anna Jessen, Architekturprofessorin mit grossem Büro in Basel, vermitteln. Dies «explizit auf die Qualitäten der Ostschweiz» ausgerichtet und im regen Austausch mit ­hiesigen Architekturbüros, was eine ­Exkursion in die USA aber nicht ausschliesse. Die ebenfalls namhaften Lehrbeauftragten Lukas Zurfluh und Claudia Komrei, er Zürcher Architekturhistoriker, sie Vorsitzende des Werkbundes Berlin, versprechen eine ideale Ergänzung von Geschichte, Theorie und Handwerk.
 

Werkstatt, wo Neues wachsen und auch mal schiefgehen darf

Den Werkstattcharakter des neuen Bildungsstandorts betonte an der offiziellen Eröffnung am Dienstag mit Augenzwinkern auch FHS-Rektor Sebastian Wörwag: «Hier darf im Modellbau auch mal etwas schiefgehen und können gar ein paar Blutspritzer im Clinical Assessment sein.» Dank Impulsen aus Wirtschaft und Politik und Persönlichkeiten wie Architekturbeirat Markus Bollhalder und Kantonsbaumeister Werner Binotto sei eine «lange Geschichte» nun in einer «schnellen Aktion» realisiert worden – und erst noch «im heutigen finanzpolitischen Umfeld». Nicht Blutspritzer, wohl aber Blutauffrischung ist in St.Gallen dringend nötig, wie die Vertreter der Regierung klar machten: Die Hauptpost sei ein «Glücksfall, wo Neues wachsen kann, ein Ort der Kreativität und Innovation», sagte Bildungschef Stefan Kölliker. Mit der eigenen Ausbildung könne die Abwanderung an die ETH oder an auswärtige Fachhochschulen sowie – mit Blick auf den aufgegleisten Joint Medical Master – der eklatante Mangel an einheimischen Ärzten bekämpft werden. Bauchef Marc Mächler, der den angehenden Architekten das städtebauliche Spannungsfeld der inneren Entwicklung schmackhaft machte, hat eine besondere Beziehung zum zweiten Stock der Hauptpost: Weil Teile des Baudepartements dort als provisorischer Vormieter gastierten, trat er just in jenen Räumen vor eineinhalb Jahren sein Amt an.

Von der weiteren Zukunft des prominenten Gebäudes am Bahnhofplatz war keine Rede, jedenfalls nicht offiziell. Der erste grosse Dominostein, der neue Bewegungen anstösst, wäre der geplante Umzug der Bibliothek ins «Union» plus Anbau am Blumenmarkt: Man sei auf «gutem Taktkurs», liess sich Mächler entlocken. Kanton, Stadt und Liegenschaftsbesitzerin Helvetia-Versicherung wollen Mitte Februar über das nach ersten Abklärungen offenbar realisierungsfähige Projekt für einen definitiven Standort der Kantons- und Stadtbibliothek informieren. Auf die Gestaltungsvorschläge und die städtebauliche Diskussion darf man gespannt sein. Und auf die Chancen für weitere Bildungseinrichtungen etwa der Schule für Gestaltung oder des KV in der – allerdings noch zu sanierenden – Hauptpost sowieso.
 

Die FHS in der Hauptpost

Der neue Bildungsstandort Post der Fachhochschule St.Gallen bietet 27 Arbeitsplätze für die Architektur-Werkstatt St. Gallen und 23 Arbeitsplätze für den Fachbereich Gesundheit. Neben den beiden sogenannten Kritikräumen sind im zweiten Stock das Atelier für 120 Studierende, ein Treffpunkt mit Ausstellungsmöglichkeit (Galerie-Café), ein Seminarraum sowie zwei Übungsräume für die Gesundheit, insgesamt 23 Büroräume sowie die grosszügige Werkstatt im Erdgeschoss bezogen worden. Gesamthaft beanspruchen die beiden FHS-Abteilungen im Postgebäude eine Fläche von gut 2000 Quadratmetern. (mel)

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