SENIOREN

Bis zur Gewalt ist’s nur ein kleiner Schritt

Jede fünfte ältere Person wurde schon Opfer von häuslicher Gewalt. Das Risiko steigt mit zunehmender Pflegebedürftigkeit. Jetzt schlägt die Unabhängige Beschwerdestelle für das Alter national Alarm.
15.06.2017 | 06:36
Christoph Zweili

Christoph Zweili

christoph.zweili@tagblatt.ch

Eine besorgte Nachbarin meldet, in ihrem Wohnblock lebe eine demente 87-jährige Frau, die sehr bestimmend und fordernd gegenüber ihrer im selben Haus wohnenden Tochter sei. Sie rufe die Tochter Tag und Nacht an und klopfe an ihre Türe. Die Hilfe von Nachbarn oder von der Spitex lehne sie ab, lasse sich aber auch von der Tochter nicht richtig pflegen. Die alte Frau habe Hautausschläge, trage schmutzige Kleider, aus ihrer Wohnung rieche es übel. Die Tochter, seit Kurzem verwitwet, sei extrem belastet und verwahrlose zunehmend. Sie könne sich gegenüber der Mutter nicht abgrenzen. Es sind Fälle wie dieser, die die Unabhängige Beschwerdestelle für das Alter (UBA) behandelt – schweizweit waren es 375 im vergangenen Jahr, davon 27 aus der Ostschweiz.

Max Dössegger, pensionierter Thurgauer Kantonsarzt, kennt solche Beispiele aus seiner Zeit als Hausarzt. Seit April engagiert er sich ehrenamtlich in der UBA-Fachkommission Ostschweiz, der jüngsten Beschwerdestelle, die erst gerade wieder im Aufbau ist. «In institutionellen Organisationen wie Alters- oder Pflegeheimen läuft es in der Regel gut», sagt er. «Da spielen die Kontrollmechanismen.» Viele Kantone hätten Ombudsstellen eingerichtet. «Es fehlt aber eine nationale Strategie, die Leitplanken setzt. Zu unterschiedlich sind heute die Ansätze in den Kantonen.»

Aus Mehrfachbelastung wird Überforderung

Der Nationalrat hat im Mai ein SP-Postulat abgelehnt: Damit muss der Bundesrat nun dem Parlament keine Vorschläge zur Bekämpfung von Gewalt im Alter vorlegen. «Heikler als der institutionelle ist der häusliche Bereich», sagt Dössegger. Gewalt im Alter habe viele Gesichter: Finanzielle Ausbeutung, Vernachlässigung, Bevormundung, Körperverletzung, Freiheitsentzug, Drohungen oder Einschüchterungen. Das alles geschehe oft unbemerkt, im privaten Umfeld – «dort, wo Angehörige oder Dritte die Grenzen der eigenen Belastbarkeit überschreiten, weil sie plötzlich eine andere Rolle haben. Dort, wo Pflegende und ältere Menschen sich alleine überlassen sind.»

Gewalt im Alter ist noch immer ein Tabuthema, stellt Fred Haslimann, Konfliktberater und Vorsitzender der Fachkommission Ostschweiz, fest. «Niemand spricht gerne über Überforderung, schlechte Gefühle und Gedanken oder gar Tätlichkeiten.» Heute gerieten vermehrt berufstätige Frauen mit der Betreuung und Pflege von Angehörigen in eine Mehrfachbelastung, «und damit in eine Überforderung». Hier setzt die UBA mit ihrer gestern gestarteten Präventionskampagne «Bevor aus Liebe Hass wird» an. In der Schweiz ist jede fünfte Person Opfer von psychischer oder physischer Gewalt. Dabei geht die UBA von einer hohen Dunkelziffer aus, Tendenz steigend: Bis 2045 soll sich der Anteil der über 65-Jährigen an der ständigen Wohnbevölkerung verdoppelt haben. 90 Prozent der über 80- bis 84-Jährigen leben heute zu Hause, eine Mehrheit wird von Angehörigen betreut.

Fachleute helfen im Konfliktfall

Im UBA-Fallbeispiel spricht die Fachperson mit drei Nachbarn, die alle die Beobachtungen bestätigen. Sie sind ebenfalls belastet, weil die demente Frau auch bei ihnen klingelt, wenn die Tochter nicht da ist. Helfen lässt sie sich dann aber nicht. Die Nachbarn werden darin bestärkt, sich abzugrenzen und auf das Klingeln nicht zu reagieren. Der Tochter wird geraten, sich an eine Demenzexpertin zu wenden. Diese Beratung verhilft der Tochter zu einem entspannteren Umgang mit der Mutter. Während eines Spitalaufenthalts der Mutter wird die spätere Pflege und Betreuung durch die Spitex organisiert. Die Tochter ist entlastet und froh, dass die Mutter längerfristig zu Hause betreut werden kann. Zudem kann sie sich wieder ihrem eigenen Leben widmen. Die Situation entspannt sich.

Die Unabhängige Beschwerdestelle, heute tätig in der Nordwestschweiz, der Zentralschweiz, der Region Zürich/Schaffhausen sowie neu auch in der Ostschweiz, klärt, vermittelt und schlichtet in Konflikt- und Gewaltsituationen. Die Homepage Aneluege.ch gibt Informationen zu Gewalt im Alter, Fachpersonen beantworten die Fragen im Blog. Die unter der Telefonnummer 058 450 60 60 zentral in Zürich gemeldeten Anliegen werden von Ärzten, Juristinnen, Heimleitenden, Sozialversi­cherungsexperten, Sozialarbeitenden, Mediatoren und Pflegefachpersonen bearbeitet. «Die meisten Fachkommissionsmitglieder sind pensioniert, können also rasch reagieren», sagt Max Dössegger.

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