Illegale Tabletten im Tiefkühler

  • «Eine einzige Packung eines eigentlich harmlosen Präparates»: Thomas Rau, Chefarzt und Verwaltungsrat der Paracelsus-Klinik Lustmühle.
    «Eine einzige Packung eines eigentlich harmlosen Präparates»: Thomas Rau, Chefarzt und Verwaltungsrat der Paracelsus-Klinik Lustmühle. (Bild: Urs Jaudas (8. April 2009))
16.03.2017 | 06:31

MEDIKAMENTEN-STREIT ⋅ Der Chefarzt der Paracelsus-Klinik Lustmühle hat einen Strafbefehl und eine Busse wegen nicht zugelassener Therapien erhalten. Der Ausserrhoder Kantonsapotheker findet dagegen, es sei alles legal gelaufen.

Sina Bühler

Sina Bühler

ostschweiz@tagblatt.ch

 

«Die Sache ist ihm unangenehm», schrieb das «St. Galler Tagblatt» vor zwei Jahren über Thomas Rau. Rau ist Chefarzt und Verwaltungsrat der Paracelsus-Klinik Lustmühle und «die Sache» war ein Bericht der «Rundschau» über umstrittene Therapien. Es ging um den Einsatz sogenannter Frischzellen, wegen derer die Paracelsus-Klinik ins Visier der Gesundheitsbehörden geraten war. Zu Unrecht, wie Rau damals sagte. Und heute noch behauptet.

1931 wurde die Frischzellentherapie vom Genfer Arzt Paul Niehans erfunden. Angewendet wird sie heute als Anti-Aging-Therapie und um das Immunsystem zu stärken, aber auch gegen chronische Krankheiten und Krebs. Das Prinzip: Die lebenden Zellen von Jungtieren oder Embryos werden beim Menschen injiziert und sollen so die eigenen Zellen zur Regeneration anregen. Laut Bundesamt für Gesundheit (BAG) und Heilmittelbehörde Swissmedic eine wissenschaftlich nie erwiesene Heilmethode, die ausserdem gesundheitsgefährdende Folgen haben könne – von allergischen Reaktionen über Autoimmunerkrankungen bis hin zu Todesfällen. Seit 2010 wären derartige Präparate in der Schweiz zulassungspflichtig. Bewilligungen oder Zulassungen wurden aber nie erteilt.

Solche Frischzellentherapien sind vor allem bei reichen Asiaten beliebt, die zur Behandlung in die Schweiz reisen. Als deren medizinischen Visagesuche markant zunahmen, wurden die Behörden auf die Frischzellen-Touristen aufmerksam. Ende 2014 gingen das BAG und Swissmedic gezielt gegen Unternehmen und Kliniken vor, bei welchen sie die Herstellung, den Vertrieb oder die Anwendung dieser Heilmittel vermuteten. Dabei wurden 37 Institutionen überprüft. In vier Fällen erliess Swissmedic eine Verfügung, um die Herstellung und Anwendung der Präparate zu stoppen. Drei dieser Fälle sind beim Bundesverwaltungsgericht hängig. In einer weiteren Klinik wurde das Präparat nicht als Heilmittel, sondern als Nahrungsergänzung angepriesen und untersteht deswegen dem Lebensmittelgesetz. Zwei Kliniken gaben an, verbotene Frischzellen-Medikamente vom Ausland eingeführt zu haben, was Swissmedic daraufhin untersagte. In vierzehn Fällen wurde eine irreführende Werbung gerügt.

Bei Hausdurchsuchung Präparate beschlagnahmt

Nach eigenen Angaben hatte die Paracelsus-Klinik nie etwas mit Frischzellentherapie zu tun und war zu Unrecht durchsucht worden. Dass sie ins Fadenkreuz der Swissmedic-Aktion kam, hatte sie vermutlich dem damaligen Mehrheitsaktionär und Verwaltungspräsident Mike Chan zu verdanken. Der Malaysier war damals auch Verwaltungsratspräsident der Genfer Heilmittelfirma Lab Dom Suisse Inc. in Genf, die verschiedene Frischzellenpräparate herstellte und heute noch vertreibt. Bei der dortigen Hausdurchsuchung wurden mehrere solcher Präparate mit dem Markennamen MF3 beschlagnahmt. Weil die Polizei auch auf Verbindungen zur Paracelsus-Klinik stiess, ordnete Swissmedic auch dort eine Durchsuchung an. In Thomas Raus Büro wurde tatsächlich ein Medikament von MF3 gefunden. Es handelte sich um erektions- und libidofördernde Tabletten mit dem Namen Enhancepep. Diese enthalten keine Frischzellen, sind aber in der Schweiz verboten. Er habe die MF3-Produkte nie in seiner Klinik angewendet, sagte Rau zu den Strafverfolgungsbehörden. Er gab aber von sich aus zu, dass Mike Chan und dessen Frau vorher zweimal MF3-Medikamente bei ihm zwischengelagert hätten, um sie anderswo zu verwenden. Weil Rau dafür den Begriff «anderswo injiziert» benutzt, ist es unwahrscheinlich, dass es bei der Zwischenlagerung ebenfalls um die Libido-Tabletten handelte.

Raus Aussagen und die Ergebnisse der Hausdurchsuchung sind im Strafbefehl ersichtlich, den die Ausserrhoder Staatsanwaltschaft im August 2015 gegen Thomas Rau erlassen hat. Swissmedic hatte den Fall dem Kanton übergeben. Im Unterschied zu Verhandlungen vor Gericht werden Strafbefehle direkt von der Staatsanwaltschaft erlassen. Laut der Verfügung musste Rau wegen einer Übertretung des Heilmittelgesetzes 1000 Franken Busse und 500 Franken Gebühren bezahlen. Es stehe aufgrund der Sicherstellungen und der eigenen Angaben des Beschuldigten fest, dass dieser vorübergehend die Lagerung von nichtbewilligten Produkten in einem Tiefkühler neben seinem Büro zuliess, heisst es. Zudem habe Rau von der Verteilung von Flyer gewusst, die von Mike Chan oder seiner Frau eingeladenen Gruppen aus Asien verteilt habe. Diesen habe der Beschuldigte in Teufen auch eigene Kurzpräsentationen über die Klinik vorgetragen. Indirekt habe Rau also daran mitgewirkt, dass die Produkte in Verkehr gebracht worden seien. Weil es aber keinen Nachweis gebe, dass eine konkrete Gesundheitsgefahr bestanden habe, und Rau damit keine Menschen gefährdet habe, sei sein Verhalten lediglich als Übertretung gewertet worden, sagt Staatsanwalt Thomas Bürgi. Er habe eine sehr geringe Busse von ein paar hundert Franken erhalten, wiegelt Thomas Rau ab: «Man fand bei mir eine einzige geöffnete Packung eines eigentlich harmlosen Präparates, das im Ausland als Nahrungsergänzungsmittel, hergestellt aus Kolostrum, verwendet wird.» Kolostrum ist die sogenannte Erst- oder Vormilch bei Säugetieren, laut MF3 von Kühen. Er habe dieses Präparat nicht angewendet und nur die Tabletten nach Inhaltsstoffen untersucht, sagt Rau. Die Untersuchung der Swissmedic habe die Frischzellentherapie im Visier gehabt, was eine völlig andere Ebene gewesen wäre. «Damit hatten wir noch nie etwas zu tun. Wir haben uns immer schon davon distanziert, was wir auch klar nachweisen konnten», sagt Rau.

Das stimmt allerdings nicht ganz. In einem Blogbeitrag zum Thema Borreliose, der wenige Monate vor der Razzia publiziert worden war, schreibt der Arzt: «Ich habe viele Patienten ohne Antibiotika behandelt, mit Entgiftungstherapien wie (...) mit der Integration von Frischzellentherapien, welche ausschliesslich in der Paracelsus Klinik Lustmühle, Schweiz, verwendet werden.» Und auf Youtube findet man einen Vortrag von Rau, gehalten an einem New Yorker Ärztekongress zur Integration von «Live-Cells Therapies», also lebenden Zellen – bei der Behandlung von Krebs.

Rau erklärt das mit einer Begriffsverwechslung: «Uns war damals klar, dass das was wir tun, keine Frischzellentherapie war. Die Begriffe wurden nicht korrekt angewendet. Es handelt sich vielmehr um Organzell-Extrakte, für welche die tierischen Zellen im Labor abgetötet, mikrofiltriert und zentrifugiert werden. So bleiben nur Peptide, kleinste Eiweiss- und Wachstumsfaktoren.» Die «Frischzellentherapie» sei ein sehr breit angewendeter Begriff, und die Unterscheidung sei ihm und der Klinik so nicht bekannt gewesen.

Zellextrakte gegen Burn-out und Potenzprobleme

Im Beitrag der «Rundschau» präsentierte Rau sein eigenes Produkt, das aus tierischen Zellen hergestellt wird – mit toten Zellen allerdings. Sein Organzell-Extrakt, der «auf den Patienten hin produziert wird», stammt aus den Organen junger Bioferkel und soll gegen Burn-out und Potenzprobleme genauso helfen, wie gegen chronische Krankheiten wie Multiple Sklerose, versprach er vor laufender Kamera. Diese Organzell-Extrakte, die Rau weiterhin selber herstellt, seien sogenannte Magistral-Rezepturen, die nach der Anweisung von Medizinern individuell für eine bestimmte Patientin oder einen Patienten hergestellt würden. «Diese mussten bisher nicht von den Behörden bewilligt werden und unterliegen nicht der Swissmedic, sondern kantonalen Gesetzen», sagt Rau. Im «Rundschau»-Beitrag sind die befragten Gesundheitsbehörden aber anderer Meinung: Seit der Änderung des Heilmittelgesetzes 2010 stünden Magistral-Rezepturen nicht mehr unter der Aufsicht der Kantone, sondern müssten von der eidgenössischen Behörde zugelassen werden.

Der Ausserrhoder Kantonsapotheker Peter Guerra war und ist immer noch der Ansicht, dass Rau mit seinen Organ- Extrakten – die eben keine Frischzellpräparate seien – legal handelt. Es stimme aber, dass es dazu «eine leicht unterschiedliche Auslegung» von Swissmedic und der kantonalen Behörde gebe, ob die eingesetzten Wirkstoffe der Verordnung über die Arzneimittel entsprächen: «Wir sind der Ansicht, dass in Raus Fall die Wirkstoffe in einer Liste der Swissmedic aufgeführt sind und daher eingesetzt werden dürfen.» Swissmedic hingegen meint, dass Zellextrakte oder -fragmente nicht den zulässigen Wirkstoffen zugeordnet werden könnten. «Die Diskussionen sind noch im Gang», sagt Guerra. Wie viele andere Institutionen, die derartige Präparate herstellen, hat Rau gegen die Interpretation von Swissmedic Einsprache erhoben. Ein Entscheid sei noch nicht gefallen, aber falls er seine Organzell-Extrakte künftig nicht mehr herstellen dürfe, würde er sich diesem Entscheid fügen, sagt Rau.

Bis Ende 2017 gilt noch eine Übergangsfrist für die kantonalen Bewilligungen. Das heisst, bereits zugelassene Heilmittel können weiterhin verwendet werden, neue Bewilligungen dürften aber nicht erteilt werden. «Mit der Verabschiedung des Revisionspaketes zum Heilmittelgesetz wurde dies geregelt. Die kantonalen Registrierungen behalten weiterhin ihre Gültigkeit und unsere AR-Registrierungen werden aufrechterhalten. Momentan haben wir etwas über 700 Präparate AR-registriert», sagt Peter Guerra dazu. Dass es so viele sind, hat mit der Medizingeschichte des Kantons zu tun: Ausserrhoden gilt als historisches Zentrum der Naturheiler, was sogar in der Kantonsverfassung festgehalten wurde: «Die freie Heiltätigkeit ist gewährleistet.»

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