• Ratten bekommen mehrmals pro Jahr Junge - im Durchschnitt sind es 7 bis 9 pro Wurf.
    Ratten bekommen mehrmals pro Jahr Junge - im Durchschnitt sind es 7 bis 9 pro Wurf. (Keystone)
19.03.2017 | 17:48

In St.Gallen gibt es mehr Ratten als man denkt


IM UNTERGRUND ⋅ Die ungeliebten Nagetiere leben im Kanalisationsnetz, am Seeufer oder in Kompostbehältern und ernähren sich bestens von den Abfällen der Menschen. Obwohl es in unseren Dörfern und Städten viele Ratten gibt, sieht man sie nur selten.

Christa Kamm-Sager
«Ratten? Davon gibt es jede Menge.» Das sagt einer, der es wissen muss. Daniel Kreienbühl ist Schädlingsbekämpfer und wird immer dann gerufen, wenn Menschen sich von Schädlingen gestört fühlen. Und das ist gar nicht so selten; Kreienbühl hat seit 20 Jahren viel Arbeit. Zu seiner Kernkompetenz zählt auch die Bekämpfung von Ratten. Diese scheuen Nagetiere gehören zum Menschen, seit diese in Städten leben und Abfälle produzieren. Gerade diese Woche hat Anne Hidalgo, die Bürgermeisterin von Paris, beschlossen, 1,5 Millionen Euro in die «Entrattifizierung» ihrer Stadt zu investieren. Die flinken Nager sind in den vergangenen Jahren zur Plage in der Stadt an der Seine geworden: Es gibt mit geschätzten drei Millionen Exemplaren mehr Ratten in Paris als Einwohner.

In einer Toilette im ersten Stock

Die ungeliebten Tiere leben in der Kanalisation, in Komposthaufen, unter Büschen oder Laubhaufen. Von Herbst bis Frühling suchen sie eher Unterschlupf in Gebäuden oder in Rohrleitungen, da sie es gerne warm haben. Gruselige Rattengeschichten hat der Kammerjäger aus St. Gallen schnell auf Lager: Er erzählt von einer Ratte, die sich in der Stadt St. Gallen bis zu einer Toilette im ersten Stock die Kanalisation hochgefressen hat und von einer, die ihn angreifen wollte. «Ratten können eineinhalb Meter weit springen. Wenn sie sich bedroht fühlen, wehren sie sich», sagt Kreienbühl. Obwohl er in St. Gallen meist nur in privaten Haushalten im Einsatz ist, weiss Kreienbühl: «In St. Gallen gibt es mehr Ratten, als wir denken.».

Der «Herr über die Ratten» in St. Gallen ist Hanspeter Bauer, Leiter Abwasserbetriebe. Er bestätigt das Vorkommen von Ratten in den Weiten des Kanalsystems: «Vor allem dort, wo Menschen Nahrungsmittel die Toilette hinunterspülen, gibt es Ratten.» Deshalb hielten sich die Nager vor allem in den Hauptsammelkanälen des Abwassersystems auf. Ratten vermehren sich nur, wenn ein Futterangebot da ist. «Zu Gesicht bekommen wir sie praktisch nie. Ab und zu sieht man bei einer Kontrolle eine weghuschen oder wir sehen eine auf den Bildern der Überwachungskamera», sagt Bauer. Wenn Anzeichen da seien, dass sich die Ratten zu sehr vermehrten, setze man schon mal Giftköder ein. «Zurzeit haben wir das Rattenproblem aber im Griff. Ich hoffe, das bleibt so.»

Wer im Sommer dem Seeufer entlang spaziert, kann schon mal einer Ratte begegnen, rund um gut gefüllte Abfallkübel. Wie in Kreuzlingen im Oktober 2012: Dort sorgte eine Rattenpopulation bei einer WC-Anlage im Dreispitzpark kurzzeitig für Aufregung bei den Passanten. Doch die Tiere verschwanden von alleine wieder in irgend einem Versteck. «Wir leeren vor allem wegen der Ratten täglich die Abfalleimer, auch am Wochenende», sagt denn auch Jürg Manser, Werkhofleiter in Arbon. Füchse oder Krähen seien in Arbon aber dennoch eher schuld daran, wenn Kehrichtsäcke mal aufgerissen würden. «Seit den bald sechs Jahren, die ich in Arbon bin, sind Ratten kein nennenswertes Thema», so der Werkhofleiter.

Auch in der Stadt Wil kennt der Tierschutzbeauftragte das Thema Ratten, aber aus einer ganz anderen Perspektive: «Letztes Jahr hat jemand mitten in Wil drei weisse Ratten gesehen und mir dies gemeldet», sagt Marcel Jung. «Eines der Tiere konnten wir einfangen, es war sehr zutraulich.» Für ihn ist deshalb klar, dass diese Tiere ausgesetzt worden sind, zumal Ratten beliebte Haustiere sind. Das eingefangene Tier kam in den Gnadenhof – ob sich die beiden anderen vermehrt haben, weiss Marcel Jung nicht. Ansonsten sei ziemlich sicher, dass auch in Wil Ratten im Untergrund lebten, aber es sei bis jetzt noch nie zum Problem geworden.

Die starken Nagezähne wachsen nach

Etwa viermal pro Monat rückt Kammerjäger Daniel Kreienbühl aus wegen Rattenalarm auf Privatgrundstücken, irgendwo in der Ostschweiz. Meist sind es Hausbesitzer oder Liegenschaftsverwaltungen, die Kot der Tiere oder eine Ratte selber erspäht haben und dann Hilfe suchen. Nageschäden sind weitere ungeliebte Entdeckungen: «Ratten haben sehr starke Nagezähne, die immer wieder nachwachsen und die deshalb auch gebraucht werden müssen, damit sie nicht zu lang werden», sagt Kreienbühl. «Eine Ratte ist fähig, eine Kunststoff- Abwasserleitung durchzubeissen.» Meist gebe es nichts anderes, als die Ratten, die im Keller unerwünscht sind, zu töten, da sie sich ansonsten sehr schnell vermehrten. «Eine Ratte hat etwa alle zwei Monate sieben bis neun Junge. Macht man nichts, wächst die Population rasant.» Doch so einfach, wie der Rattenfänger von Hameln in der bekannten Geschichte Ratten fängt, geht es nicht.

Laut dieser Sage der Gebrüder Grimm litt Hameln im Jahr 1284 an einer Rattenplage. Ein wunderlicher Mann gab sich als Rattenfänger aus. Er zog eine Pfeife heraus und spielte eine Melodie, worauf die Ratten und Mäuse aus allen Häusern hervorkrochen, sich um ihn sammelten und ihm aus der Stadt hinaus an die Weser folgten, wo schliesslich alle ertranken. Die vor allem in den USA und Japan populäre Sage prägt bis heute das Bild einer klassischen Rattenplage.

Giftköder, die langsam zum Tod führen

Heute werden Ratten nicht mit einer Pfeife, sondern mit Giftködern, die nach Vanille oder Schokolade riechen, angelockt. Wurde irgendwo ein Rattenbestand festgestellt, versucht der Kammerjäger auszumachen, wo genau sich die Ratten aufhalten. Dann stellt er Schlag- oder Giftfallen auf. Ratten sind enorm schlau, leben in Gruppen und haben ein komplexes Verhalten bei der Nahrungsaufnahme. Bisher unbekannte Nahrung wird meist zuerst von unerfahrenen Jungtieren aufgenommen. Weil Ratten sich gegenseitig wahrnehmen, müsse in der Rattenbekämpfung mit Rodentizid ein Gift eingesetzt werden, das erst ein paar Tage später zum Tod führt, sagt Kammerjäger Daniel Kreienbühl. Laut einer Verordnung des Eidgenössischen Departements des Innern (EDI) dürfen nur Personen, die eine Fachbewilligung für die allgemeine Schädlingsbekämpfung besitzen, solche Mittel anwenden. Es sei denn, sie werden vor Ort von einer Inhaberin oder einem Inhaber dieser Fachbewilligung angeleitet.

Kommentare
Kommentar zu: In St.Gallen gibt es mehr Ratten als man denkt
lädt ... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet ()

geschrieben am 19.03.2017 21:18 | von diethelm

Normalerweise haben Tiere natürliche Feinde. Schade, dass nicht erwähnt wird, welche Raubtiere Ratten fressen (Katzen? Füchse?). Genügend Fressfeinde sind die einfachste Möglichkeit, Bestände unter Kontrolle zu halten.

antworten
Kommentar zu: In St.Gallen gibt es mehr Ratten als man denkt
lädt ... nicht eingeloggt noch nicht bewertet schon bewertet ()

geschrieben am 20.03.2017 15:12 | von frieda

Katzen, die sich selbst ernähren müssen, fangen auch Ratten. Das ist aber für die Katzen nicht ganz ungefährlich und da Katzen nicht so dumm sind, sich um lebensgefährliches Futter zu kümmern, wenn dieses einfacher zu bekommen ist, dürften Katzen in Städten selten Ratten fangen. Füchse fangen Ratten - aber auch Stadtfüchse kommen einfacher an Nahrung, als durchs Ratten fangen. Zudem wurden früher bestimmte Hunderassen aufs Rattenfangen gezüchtet. Bestimmte Terrierrassen nannte man deshalb auch "Rattler". Aber auch die sind in Städten keine Rattenfeinde, sondern Freunde der Menschen. Alle Tiere, die Ratten jagen würden, leben nicht in Städten, weshalb es eben Ratten in Städten blendend geht: Der Tisch ist immer reich gedeckt, weil genug Abfall/Kehricht bereit steht, liegt und die Feinde sind keine mehr.

antworten
Ein neues Posting hinzufügen

Sie dürfen noch Zeichen schreiben.
Bei jedem neuen Beitrag in dieser Diskussion erhalten Sie eine entsprechende Benachrichtigung
Füllen Sie bitte die notwendigen Felder für die Registrierung aus.

Geben Sie bitte folgende Daten ein, um sich zu registrieren und Ihren Kommentar zu speichern.

Ich habe die AGB gelesen und akzeptiert.:
Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

Welches der Begriffe ist ein Vorname: Laus, Klaus, Haus?
 

Meistgelesen

Ermittler untersuchen die Spuren des Terroranschlags in der Nähe des britischen Parlaments. 5 Menschen starben bei dem Anschlag, mindestens 40 wurden teilweise schwer verletzt.
International: 22.03.2017, 16:10

Doppelanschlag erschüttert London

Bei dem Doppelanschlag am britischen Parlament in London sind nach jüngsten Angaben der Polizei ...
Die zwei Buchen und die Eiche waren für viele Anwohner des Quartiers mehr als nur eine hübsche Bepflanzung. Jetzt sind sie Geschichte.
Rorschach: 21.03.2017, 21:39

«Ich habe null Verständnis»

Weil sie Schatten auf sein Haus warfen, liess ein Steinacher drei Bäume im «Böllentretter» ...
Julia Samoilowa 2014 bei der Eröffnungszeremonie der Paralympics in Sotchi. Dieses Jahr hätte sie Russland am ESC in Kiew vertreten sollen. Aber weil sie - aus Sicht der Ukraine - illegal auf der Krim aufgetreten ist, wird ihr die Einreise in die Ukraine verweigert.
Kultur: 22.03.2017, 17:17

Russische Sängerin von ESC ausgeschlossen

Der Eurovision Song Contest (ESC) hat einen politischen Skandal: Wegen eines früheren Auftritts ...
Unfälle & Verbrechen: 22.03.2017, 11:53

Enkeltrickbetrügen knöpfen zwei Frauen grosse Beträge ab

Am Dienstag haben Enkeltrickbetrüger in Kreuzlingen und Bürglen grosse Geldbeträge erbeutet.
Christian Lohr wäre es lieber, Prozesse wie jener gegen das Heilbad Unterrechstein wären gar nicht erst nötig.
Ostschweiz: 22.03.2017, 13:34

"Nicht ungeschickt, schlicht daneben"

Das Ausserrhoder Kantonsgericht hat festgestellt, dass das Heilbad Unterrechstein Menschen mit ...
Ein umgekippter Wagen eines entgleisten Eurocity-Neigezugs. Sieben Menschen wurden bei dem Unfall leicht verletzt. Die Ursache war zunächst noch unbekannt.
Panorama: 22.03.2017, 18:41

Zugsentgleisung fordert sieben Verletzte

Zwei Wagen eines Eurocity sind am Mittwoch bei der Ausfahrt aus dem Bahnhof Luzern entgleist.
Der Wiler Imam Bekim Alimi vor der vor der Vollendung stehenden Moschee bei der Autobahn.
Stadt Wil: 22.03.2017, 20:47

Ein Halbmond für die Wiler Moschee

Auf der Kuppel des islamischen Begegnungszentrums im Wiler Südquartier wird ein Emblem installiert.
Die Post will Briefsendungen, deren Adresse nicht vollständig von den Sortiersystemen gelesen werden können, in Zukunft doch nicht in Vietnam verarbeiten lassen.
Wirtschaft: 22.03.2017, 17:22

Post stoppt Adressbearbeitung in Vietnam

Nach heftiger Kritik verzichtet die Schweizerische Post darauf, unstimmig adressierte Briefe in ...
Unfälle & Verbrechen: 22.03.2017, 15:24

Nach Ladendiebstahl zwei Georgier festgenommen

Am Dienstag, kurz vor 17 Uhr, hat die Kantonspolizei St.Gallen an der St.Gallerstrasse in Gossau ...
Seit 1. Januar haben bereits 24'000 Besucher ein Ticino Ticket ausgehändigt bekommen - es bietet freie Fahrt mit dem Öffentlichen Verkehr im gesamten Kanton.
Wirtschaft: 22.03.2017, 17:29

Erste Gäste profitieren vom "Ticino Ticket"

Seit dem 1. Januar dürfen Gäste von Hotels, Campingplätzen und Jugendherbergen den ÖV im Tessin ...
Zur klassischen Ansicht wechseln