• Kantonsapotheker Urs Künzle hat sein Büro am Oberen Graben mit Blick über die Dächer der Stadt St. Gallen.
    Kantonsapotheker Urs Künzle hat sein Büro am Oberen Graben mit Blick über die Dächer der Stadt St. Gallen. (Bild: Michel Canonica)
20.04.2017 | 08:16

«Die Grippe ist eine Bedrohung»


ST.GALLER KANTONSAPOTHEKER ⋅ Im Krisenfall koordiniert Urs Künzle die Verteilung von Medikamenten. Der 46-Jährige ist seit Februar der oberste Apotheker im Kanton St. Gallen. Ein Gespräch über Erwartungen, Impfungen und Gammelfleisch.

Katharina Brenner

Katharina Brenner

katharina.brenner@tagblatt.ch

Urs Künzle, die Wände Ihres Büros sind kahl. Ist das gewollt oder sind Sie noch nicht dazu gekommen, Bilder aufzuhängen?

Ich mag weisse Wände. Das passt ganz gut zu mir: eher nüchtern und sachlich.

Ihr Vorgänger, Dieter Schilling, war 32 Jahre lang Kantonsapotheker. Wie ist es, in seine Fussstapfen zu treten?

Es ist eine Riesenherausforderung, sein Nachfolger zu sein. Wenn alles so weiterlaufen würde wie bei ihm, wäre das ein grosser Erfolg. Persönlich ist mir wichtig, gut mit Ärzten, Apothekern und Drogisten zusammenzuarbeiten und nicht nur als Kontrollinstanz wahrgenommen zu werden.

Was war Ihre spektakulärste ­Inspektion bisher?

Wir hatten eine Verdachtsinspektion in einer Apotheke. Von meiner Mitarbeiterin weiss ich, dass das sehr selten vorkommt. Jemand hatte gemeldet, dass in einer Apotheke einiges nicht stimmt.

Und hat sich der Verdacht bestätigt?

Den grössten Teil fand ich nicht so vor wie beschrieben. Bei der Hygiene stimmte alles. Aber wir haben Nahrungsergänzungsmittel gefunden, die in der Schweiz nicht zugelassen sind. Die Apotheke darf diese jetzt nicht mehr abgeben.

Gibt es Heilmittelgesetze im Kanton, die sich deutlich von denen in anderen Kantonen unterscheiden?

Nein. Wir Kantonsapotheker sind bestrebt, das einheitlich zu regeln. Denn es wäre sonst ungünstig, wenn etwa ein Apotheker den Kanton wechselt. Appenzell Ausserrhoden hat ein paar Ausnahmen – mit speziellen Zulassungen im Bereich der Alternativmedizin.

Apropos: Was halten Sie von Alternativmedizin?

Sie hat ihre Berechtigung und ist dementsprechend im Gesetz verankert. Ich komme aber aus der naturwissenschaftlichen Richtung und kann mit Homöopathie zum Beispiel wenig anfangen.

Neben dem Vollzug von eidgenössischen und kantonalen Gesetzen im Heilmittelbereich sind Sie für die Verteilung von Arzneimitteln in Notlagen zuständig.

Würde eine Pandemie wie die Vogelgrippe ausbrechen, wäre ich als Kantonsapotheker eingespannt in die Logistik der Verteilung von Impfstoffen an Ärzte und Apotheker. Im Sommer nehme ich erstmals an einem Workshop zu Gefährdungs- und Risikoanalyse einer Pandemie im Kanton teil.

Wie wichtig ist es, den Ernstfall durchzuspielen?

Das ist sehr wichtig. Man muss einen Notfallplan in der Schublade haben.

Von welchen Krankheiten könnte hier im Kanton eine besondere Gefahr ausgehen?

Die Grippe ist eine Bedrohung, die mir Sorgen macht. Ich denke dabei an die Spanische Grippe um das Jahr 1918 herum. Sie hat damals mehr Todesopfer gefordert als der Erste Weltkrieg. Speziell an dem Virus war, dass er vor allem Jüngere betroffen hat. Ihr Immunsystem ist stärker darauf angesprungen.

Sind Sie gegen die Grippe geimpft?

Ja.

Was entgegnen Sie Impfkritikern, die vor Nebenwirkungen warnen und der Pharmaindustrie Geld­macherei vorwerfen?

Es ist wichtig, dass jeder seine eigene Entscheidung fällt. Wie gefährlich eine Grippe ist, wird von Impfgegnern ein bisschen auf die leichte Schulter genommen. Da gilt das Argument, das Immunsystem sei danach stärker, nicht. Bei den Risiken ist es wichtig, dass wir Befürworter sagen: Ja, die gibt es.

Und die wären?

Dass jemand eine allergische Reaktion hat, nicht unbedingt auf den Impfstoff, sondern auf einen Hilfsstoff. Aber dieses Risiko liegt weit unter dem, was passieren könnte, wenn man der Grippe oder einer Kinderlähmung ausgesetzt ist.

Hat der Kanton St. Gallen Medikamentenlager für Krisenfälle?

Nein. Das läuft über den Bund, was auch vernünftig ist. Lagerhaltungen sind extrem teuer. Es geht hier um lebenswichtige Impfstoffe und Antibiotika. Denn man kann natürlich nicht für jedes Medikament Vorräte anschaffen.

Gibt es Entwicklungen im Pharmabereich, die Ihnen Sorgen bereiten?

Es gibt nicht mehr viele kleine Hersteller, sondern nur noch wenige Grosskonzerne. Deren Rohstoffe kommen meistens nur noch aus Asien, was ziemlich schnell zu einem Versorgungsrisiko führen kann. Diese Entwicklung bereitet mir Sorgen. Das andere sind Antibiotika: Es wird immer schwieriger, wirksame Antibiotika zu entwickeln, weil die Resistenzen auf dem Vormarsch sind.

Auch Antibiotikarückstände im Fleisch sind ein Problem. Bevor Sie Kantonsapotheker wurden, waren Sie fast zehn Jahre lang Abteilungsleiter Chemie im Amt für Verbraucherschutz und Veterinärwesen des Kantons St. Gallen. Was kommt bei den Lebensmitteln auf uns zu?

Bei den Tierarzneimittelrückständen wird gut kontrolliert. Ein grosses Thema ist das Lebensmittelgesetz, das im Mai in Kraft tritt – mit Änderungen wie dem Wegfall des Positivprinzips. Bisher durften nur gesetzlich umschriebene Lebensmittel vermarktet werden. Neu darf ein Hersteller jedes Lebensmittel vertreiben, wenn er sicher ist, dass die gesetzlichen Vorgaben erfüllt sind. Der Verzehr von Insekten ist ein weiteres Thema. Bei den Lebensmitteln geht es vor allem um eine Angleichung an EU-Richtlinien.

Ist diese Anpassung sinnvoll?

Ja, ich denke, das geht gar nicht anders, wenn man einen gemeinsamen Wirtschaftsraum möchte. Und solange die EU ein hohes Niveau für die Konsumentensicherheit anstrebt, sehe ich das unproblematisch. Eines sollte immer Priorität haben: die Konsumentensicherheit.

Müsste man in bestimmten Bereichen, beim Gammelfleisch etwa, noch vorsichtiger sein?

Das ist brandaktuell, aber hochkomplex. Wir haben im Labor versucht, Methoden zu erstellen, um Gammelfleisch zu erkennen. Allein schon der Begriff Gammelfleisch ist nicht definiert: Ist es gut gereiftes Fleisch? Oder verschimmeltes? Inzwischen werden sogar Fleischstücke als besonders fein angeboten, die seit Wochen mit einem Pilz überzogen sind. Kontrollen auf dem Inspektionsweg sind sehr wichtig.

Müssten diese noch weiter gehen?

Wir sind auf einem hohen Niveau in Europa und in der Schweiz. Gefahren sehe ich bei den Verteilerwegen. Ein Beispiel ist der Onlinehandel bei Medikamenten. Es gibt Firmen, da läuft das tipptopp, aber auch solche, die Kunden täuschen. Da ist unsere Handlungsmacht im Kanton beschränkt. Wird die Homepage nicht hier betrieben, können wir nichts machen. Wird die Seite aus Fernost betrieben, ist es auch auf Bundesebene schwierig. Man muss deshalb an die Verbraucher appellieren: Sie sollten kritisch und vorsichtig sein.

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