99 Fenster für die 99 Namen Gottes

  • Noch sind die Bauarbeiten in vollem Gange, doch am 13. Mai soll die Moschee eröffnet werden.
    Noch sind die Bauarbeiten in vollem Gange, doch am 13. Mai soll die Moschee eröffnet werden. (Michel Canonica)
26.03.2017 | 18:21

STREITOBJEKT ⋅ Der Neubau der Wiler Moschee war lange umstritten. Nun steht der Bau kurz vor seiner Vollendung. Der Wiler Imam Bekim Alimi wirbt für Toleranz und sagt, die Moschee stehe allen offen. Die Nachbarn fühlen sich immer noch in Bedrängnis.

Text: Julia Nehmiz

Text: Julia Nehmiz

Bilder: Michel Canonica

Noch sind Parkplätze rar. Imam Bekim Alimi winkt das Auto hinter die Moschee. «Parken Sie bitte hier und nicht einfach auf der Strasse.» Alimi sorgt sich um die Anwohner. «Die Tiefgarage wäre schon fertig, aber wegen des Baugerüsts kann man nicht hineinfahren.»

Das Gerüst umschliesst die Moschee komplett. Die Kuppel ist zu erahnen, ein Stab markiert den Halbmond, der noch montiert werden soll. Fassade und 99 Fenster («Für die 99 Namen Gottes») verschwinden hinter Planen. In zwei Wochen soll die Moschee aussen fertig sein.

Innen dauert es noch etwas länger. Treppauf, treppab dröhnen Maschinen, Bauarbeiter flexen Metallschienen durch, schleifen Mauerkanten ab. Staub flimmert im Sonnenlicht, man schmeckt ihn in Nase, Mund und Lunge; Kabelenden staken aus Wänden und Decken hervor, im Gebetsraum liegen stapelweise dicke Packen Dämmmaterial.

Imam Bekim Alimi freut sich auf die Eröffnung des Gebetsraums. (Michel Canonica)

Am 13. Mai wird die Moschee eröffnet.Imam Bekim Alimi zieht die Nase kraus: «Der Terminplan ist sportlich.» Aber die Eröffnung verschieben? Unmöglich. Zu viele Institutionen und Personen hat man vor Monaten gebeten, sich das Datum frei zu halten. «Das müssen wir nun einhalten.» Der Imam denkt positiv, vielleicht ist es Zweckoptimismus, vielleicht ist es Gottvertrauen oder der Glaube an die Arbeitskraft der zupackenden Gemeindemitglieder und Schweizer Baufachleute. «Irgendwie schaffen wir das.» Alimi sieht das Begegnungszentrum im Erdgeschoss schon vor sich: Hier die Küche, da das Raucherzimmer – Nichtraucher Alimi war eigentlich dagegen, doch er liess sich umstimmen, man könne die alten Leute ja nicht zum Rauchen vor die Tür schicken –, dort eine Art Laden, der Bücher und Allerlei feilbieten wird für die Gemeindemitglieder. «Die Verkäufe im Laden sollen helfen, die Moschee zu finanzieren.»

Bekim Alimi führt die noch geländerlose Treppe hinauf in den ersten Stock. «Hier ist die eigentliche Moschee», sagt er. Der Gebetsraum für Männer, ausgerichtet nach Mekka, ein hoher, heller Saal, gekrönt von einer Kuppel, die noch farbig wird. Der Gebetsraum der Frauen ist ein Stockwerk höher auf einer Empore, nebenan ein Aufenthaltsraum für Frauen samt Küche und Kinderzimmer. Ganz oben die Empore für Besucher. Ein Grossvater lugt mit seiner Enkelin in den Gebetsraum. Der Imam nickt ihm zu, der ältere Mann schaue regelmässig auf der Baustelle vorbei. Alimi erklärt geduldig sein Gotteshaus. Nein, sagt er, stolz sei nicht das richtige Wort: «Ich verspüre Freude.» Es sei eine «grosse Würdigkeit», dass seine Gemeinde nicht in einem Keller, sondern in einer modernen Moschee den Glauben leben dürfe. «Hier können wir Schweizer Qualität geniessen.» Alimi ist es wichtig, dass nicht nur freiwillige Helfer auf der Baustelle arbeiten, sondern etliche Schweizer Firmen, viele aus der Region, Auftragsarbeiten erledigen.

In der Nachbarschaft ist die Stimmung schlecht

«Eine Moschee zu bauen, ist ein Leben», sagt er. Für einen einfachen Imam sei das ein Lebenswerk. Sie kämpften immer noch mit der Finanzierung, sammelten Spenden, freuten sich über jede Unterstützung. «Ein Lastwagenfahrer hat mich gefragt, wie viele Suren der Koran hat. Ich antwortete, es sind 114. Daraufhin spendete er uns 114 Franken.» Immer wieder wird Bekim Alimi gefragt, wer hinter der Finanzierung der Moschee stecke. «Nein, wir bekommen kein Geld aus Saudi-Arabien, Ägypten oder der Türkei», sagt er, fast ein wenig genervt. «Wir wollen selber unsere Moschee finanzieren und selber sagen, wann und wie wir unsere Feste feiern», sagt der Imam, der sich seit Jahren für einen offenen Islam einsetzt.

Zu kämpfen hatte die Gemeinde auch mit der Kommunikation. Der Widerstand gegen die Moschee war in Wil anfangs enorm. 300 Einsprachen wurden gegen den Neubau eingereicht. «Wir mussten erst lernen, wie wir informieren», sagt Alimi. Man habe in der Kommunikation teils Fehler gemacht. Das grosse Unverständnis der Nachbarn hat ihn und seine Gemeindemitglieder überrascht. Doch die Situation habe sich beruhigt, es seien keine Einsprachen gegen die letzten Baugesuche eingegangen.

Die Nachbarn der Moschee sehen das anders. «Die Stimmung ist schlecht im Quartier», sagt Stadtparlamentarier Urs Etter, der in der Kerngruppe der IG Wiler Süden aktiv ist. Sogar samstags und sonntags werde gebaut. Und: «Sie parkieren uns das Quartier voll.» Die Polizei unternehme nichts. «Unsere ursprünglichen Anliegen wurden nicht ernst genommen», sagt Etter, «aber unsere Befürchtungen bewahrheiten sich jetzt.» Wenn es schon in der Bauphase chaotisch zugehe, wie sei die Verkehrssituation erst, wenn in der Moschee Betrieb ist?

Zur Eröffnung erwartet Imam Alimi viele Gäste. Und er betont: «Unsere Moschee steht allen offen. Besucher sind jederzeit herzlich willkommen. Nicht nur am Tag der offenen Tür.»

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