Stadler Rail rollt auf Indien zu

  • Viele indische Züge sind veraltet und häufig hoffnungslos überfüllt.
    Viele indische Züge sind veraltet und häufig hoffnungslos überfüllt. (Tuul & Bruno Morandi (Photolibrary RM) (Mumbai, 31. Januar 2015))
12.08.2017 | 07:11

MILLIARDENMARKT ⋅ Der Schienenfahrzeughersteller will auf dem Subkontinent und darüber hinaus Fuss fassen. Dazu beteiligt sich Peter Spuhlers Unternehmen an einer gigantischen Ausschreibung für 5000 Züge.

Thomas Griesser Kym
Für Stadler Rail geht es um ein Milliardengeschäft. Und um den Einstieg in einen neuen geografischen Markt. Im Wettbewerb gegen seine schärfsten Rivalen beteiligt sich der Ostschweizer Schienenfahrzeughersteller von Patron Peter Spuhler an einer Ausschreibung des indischen Eisenbahnministeriums. Diese dreht sich um die Lieferung von 5000 elektrischen mehrteiligen Stahlzügen an die staatlichen indischen Eisenbahnen (Indian Railways, IR) über einen Zeitraum von zwölf Jahren. Wer diesen Auftrag im Volumen von rund 500 Milliarden Rupien (7,5 Milliarden Franken) erhält, wird für umgerechnet etwa 300 Millionen Franken in der Stadt Kanchrapara nördlich Kalkuttas eine Fabrik zum Bau dieser Züge errichten, auf einem Grundstück mit dem Ausmass von fast 70 Fussballfeldern, das die indische Regierung zur Verfügung stellt. Zudem wird der Hersteller die Züge für 13 Jahre warten.

Das Projekt besteht seit bald acht Jahren. Anfänglich hatte es rund ein Dutzend Interessenten gegeben, wobei sich dieses Feld laufend reduziert hat. Zuletzt fiel die lokale Bharat Heavy Electricals aus dem Rennen. Nun haben die IR eine Shortlist mit drei qualifizierten Bietern erstellt. Diese sind dazu berechtigt und eingeladen, finale Gebote einzureichen. Am 17. Dezember sollen die Umschläge geöffnet werden, danach wird der Auftrag vergeben.
 

Stadlers Kräftemessen mit Konkurrenten

Das Bietertrio auf der Shortlist umfasst drei Konsortien. Stadler  hat sich mit der indischen Firma Medha Servo Drives zusammengetan. Die beiden anderen Konsortien bestehen aus der deutschen Siemens und der kanadischen Bombardier sowie aus der französischen Alstom und dem chinesischen Staatskoloss CRRC. Medha Servo Drives, gegründet 1984, fokussiert wie Stadler auf Schienentransport. Als «Vision & Mission» haben sich die Inder nicht weniger auf die Fahnen geschrieben, als «Weltführer bei Eisenbahnprodukten» zu werden. Nach Jahren starken Wachstums beschäftigt Medha Servo Drives inzwischen gut 2000 Mitarbeitende, davon ein Viertel in Forschung und Entwicklung. Im Geschäftsjahr 2015/16 setzten sie 122 Millionen Dollar um. Zum Vergleich: Stadler kam vergangenes Jahr mit 7000 Angestellten auf 2,1 Milliarden Franken.

Das siegreiche Konsortium wird für das Projekt ein Joint Venture bilden. An diesem Gemeinschaftsunternehmen werden sich die IR im Rahmen einer öffentlich-privaten Partnerschaft mit 26 Prozent beteiligen. Sollte sich  Stadlers Konsortium in der Ausschreibung durchsetzen, könnte Spuhler zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Erstens gelänge ihm der Einstieg in einen neuen geografischen Markt, und dies wohl über Indien hinaus. Denn laut der Regierung in Delhi wird dem Gewinner explizit erlaubt, in der Fabrik auch Züge für Kunden in anderen Ländern herzustellen. Damit könnte Stadler seine Fühler in weitere Regionen Südostasiens ausstrecken. Zweitens würde Spuhler einen Erfolg über seine potentesten Mitbewerber feiern, die ihm das Leben immer schwerer machen. Die chinesische CRRC, entstanden 2015 aus der Fusion von CNR und CSR, nimmt zunehmend auch Märkte ausserhalb der Heimat ins Visier. Die Chinesen haben Stadler bereits bei ein paar Aufträgen ausgebremst, unter anderem auch in Europa. Diesen Frühling sagte Spuhler denn auch vor Unternehmern eines Business-Clubs: «Wir haben Ideen, wie wir die Chinesen rund um China herum angreifen können. Aber dafür brauchen wir dort eine Basis.» Siemens und Bombardier wiederum verhandeln seit geraumer Zeit über ein Zusammengehen ihrer Bahnsparten. Kommt solch ein Deal zustande und erhält er das Plazet der Wettbewerbsbehörden, könnte das den Druck auf Stadler weiter erhöhen.
 

Eine breite Palette an Zügen

Die Züge, welche die IR bestellen wollen, werden in erster Linie für Indiens Regional- sowie für den Vorortverkehr der Grossstädte des Landes bestimmt sein. Denkbar sind ausserdem Fahrzeuge für die Metro Kalkutta. Laut den IR könnten in der geplanten Fabrik aber auch Hochgeschwindigkeitszüge produziert werden. Die Stadler-Standorte in der Schweiz dürften mit Projekt- und Engineering-Leistungen profitieren. Stadler selbst will sich laut Sprecherin Marina Winder gegenwärtig nicht weiter äussern. Sie bestätigt aber: «Stadler nimmt an der Ausschreibung teil.»
 

Ein Gigant auf Schienen

Als Staatsbahn betreiben die Indian Railways (IR) den grössten Teil des landesweiten Schienenverkehrs und die Metro Kalkutta. Jeden Tag befördern 7000 Passagierzüge 13 Millionen Passagiere. Zudem operieren die IR mit 4000 Güterzügen. Das Rollmaterial der IR gilt als veraltet und langsam. Im Rahmen der «Mission Speed» ist die Regierung in Delhi seit einiger Zeit bestrebt, die Zugflotte zu modernisieren und den Schienenverkehr zu beschleunigen. Ein erster Schritt wurde getan, als Ende 2015 der Entscheid zum Bau zweier neuer Fabriken in Indien fiel, in denen Alstom und die amerikanische GE Transportation Diesel- und elektrische Lokomotiven herstellen und warten. Die Ausschreibung für die 5000 Triebzüge, an der Stadler teilnimmt, ist der nächste Schritt. Total schätzen die IR, dass sie über das kommende Jahrzehnt 10'000 neue Fahrzeuge benötigen, um sukzessive ausrangiertes Rollmaterial zu ersetzen. (T. G.)

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