«Tessiner sehen das Glas halbleer»

  • Arzt, Nationalrat und vielleicht bald Bundesrat: Ignazio Cassis .
    Arzt, Nationalrat und vielleicht bald Bundesrat: Ignazio Cassis . (Bild: Peter Schneider/Keystone (Bern, 15. Juni 2017))
15.07.2017 | 05:18

BUNDESRATSWAHLEN ⋅ Die Schweiz gehe ohne Tessiner Bundesrat nicht unter, sagt Ignazio Cassis. Der Kronfavorit auf die Nachfolge von Didier Burkhalter macht sich aber Sorgen um den nationalen Zusammenhalt.

Interview: Kari Kälin, Lugano

Interview: Kari Kälin, Lugano

Ignazio Cassis, wollten Sie als Kind schon Bundesrat werden?

Überhaupt nicht. Ins Gymnasium von Lugano Agno fuhr ich immer mit dem Tram. Dieses Verkehrsmittel faszinierte mich total. Ich stand extra früher auf, um morgens die Rangiermanöver zu beobachten. Also wollte ich Tramführer werden. Wegen eines Unfalls interessierte ich mich damals auch bereits für die Medizin.

Erzählen Sie!

Mit 13 Jahren sprang ich daheim immer wieder über ein Geländer mit Eisenzacken. Das ging Dutzende Mal gut – bis ein Finger hängen blieb. Die Ärzte nähten ihn zwar wieder an, doch die Arterien konnten sie nicht miteinander verbinden. Der Finger wurde schwarz, man musste ihn letztlich amputieren. Ein weiterer Vorfall zu dieser Zeit weckte mein Interesse am Arztberuf.

Nämlich?

Ein Freund erlitt in der Trompetenstunde einen epileptischen Anfall. Ich konnte gut nachvollziehen, dass die Menschen im Mittelalter glaubten, der Teufel falle über einen her. Ich wollte die Funktionsweise des Körpers unbedingt besser verstehen und entschied mich für ein Medizinstudium in Zürich.

Aussenminister Didier Burkhalter tritt zurück, weil sein Privatleben zu kurz komme. Gibt Ihnen das zu denken?

Ja. Privatleben und Freiheit sind mir wichtig. Burkhalters Aussage, man trage als Bundesrat während 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche eine zweite Haut, hat mich beeindruckt. Nach einer Denkpause habe ich mich nach Absprache mit meiner Frau für die Kandidatur entschlossen. Als Bundesrat erhält man die grossartige Möglichkeit, unser Land zu gestalten. Das gab den Ausschlag.

Freut sich Ihre Frau über Ihre Ambitionen?

Sie war schon nicht begeistert, als ich vor zehn Jahren in den Nationalrat gewählt wurde. Sie befürchtete, dass mich die Politik zu stark absorbieren würde. Wir haben uns mit der Tatsache, dass ich den grössten Teil meiner Zeit in der Deutschschweiz verbringe, arrangiert. Sie akzeptiert das heute und unterstützt meine Kandidatur.

Bis zu den Bundesratswahlen im Herbst werden Sie geröntgt werden. Sie bretterten einst mit 170 km/h über die Autobahn in Bellinzona. Haben Sie weitere Leichen im Keller?

Nein. Wenn dem so wäre und ich das so lange hätte verheimlichen können, wäre ich ein Meister des Vertuschens. Das bin ich aber nicht und will es auch nicht sein. Sie können lange wühlen. Sie werden bei mir kein Millionenvermögen in einem Steuerparadies entdecken.

Sind Sie nach dem Führerausweisentzug ein geläuterter Autofahrer?

Die Tempoüberschreitung aus dem Jahr 2009 ist mir peinlich. Nach einer FDP-Delegiertenversammlung lief in meinem BMW gute Musik, ich merkte nicht, wie schnell ich war. Es war jedoch weder Alkohol im Spiel noch wurden Dritte gefährdet. Heute bin ich vor allem mit einem Elektrosmart unterwegs. Ein Tempoexzess ist ausgeschlossen.

Angekreidet wird Ihnen der Lohn von 180 000 Franken für das Präsidium des Krankenkassenverbandes Curafutura. Sie entgegnen, man könnte meinen, Krankenkassen seien Terroristengruppen wie der IS. Ist der Vergleich nicht über­zogen?

Vielleicht. Aber die Anschuldigungen sind es auch. Ich werde dafür kritisiert, dass ich mich für Krankenkassen engagiere, die sich für die Interessen der Versicherten einsetzen.

Angesichts der jährlich steigenden Prämien können viele Versicherte hohe Saläre von Krankenkassen-managern nicht nachvollziehen.

Tatsache ist: Die Krankenkassen sind die Treuhänder der Versicherten. Sie machen sich stark für eine bestmögliche medizinische Versorgung zu fairen Preisen. Wir haben ein Milizsystem und gehen neben der Parlamentsarbeit einem Beruf nach. Dass ich mich als Arzt im Gesundheitswesen engagiere, liegt auf der Hand.

Weshalb braucht es nach 18 Jahren wieder einen Tessiner Bundesrat?

Was Sie hier sehen (Anm. d. Red: Cassis zeigt von einem Restaurant in Lugano auf den Luganer See, den Monte San Salvatore und den Monte Brè), ist ein Teil der Schweiz. Auch dieser Teil gehört in die Landesregierung. Deutschschweizer, Westschweizer und italienischsprachige Schweizer haben verschiedene Mentalitäten. Im Zusammenspiel ergeben sich die besten Lösungen für das Land.

Ist ein eigener Bundesrat für die Tessiner Bevölkerung überlebenswichtig?

Die Schweiz geht ohne Tessiner Bundesrat nicht unter. Der nationale Zusammenhalt ist aber kein Selbstläufer. Zu ihm müssen wir Sorge tragen. Der Bundesrat hat zum Beispiel lange nicht realisiert, wie angespannt die Lage auf den Arbeitsmarkt im Süden ist. Mit einem Vertreter der italienischsprachigen Schweiz wäre das nicht passiert.

Zu viele Grenzgänger, Lohndumping und vernachlässigt von Bern: Manchmal entsteht der Eindruck, das Tessin sei notorisch am Jammern. Woran liegt das?

Im italienischsprachigen Teil der Schweiz leben 350000 Personen. Sie stehen in direkter Konkurrenz zu 15 Millionen Menschen aus der Lombardei und dem Piemont. Der Druck der Grenzgänger ist viel höher als in Genf oder Schaffhausen. In vielen Familien hat ein Mitglied seine Stelle an einen Grenzgänger verloren. Positive Indikatoren, wie zum Beispiel die derzeit tiefe Arbeitslosenquote von drei Prozent, helfen den Betroffenen nicht. Zudem haben die Tessiner die Tendenz, das Glas halbleer anstatt halbvoll zu sehen.

Wie äussert sich das?

Eigentlich gibt es viel Grund zur Zuversicht. Wirtschaftlich geht es uns besser als vor zehn Jahren. Der Finanzplatz rappelt sich wieder auf, die Modebranche boomt, die Industrie ist innovativ, viele Menschen gehen hochmotiviert ihrer Arbeit nach. Wir dürfen stolz sein auf unsere Leistungen. Aber zum Teil – unser Kanton ist kein monolithischer Block – leiden wir an einem krankhaften Minderwertigkeitskomplex. In der öffentlichen Wahrnehmung dominiert die Schwarzmalerei, befeuert durch den populistischen Diskurs der Lega dei Ticinesi.

Falls Sie gewählt werden: Könnten Sie die hohen Erwartungen der Tessiner erfüllen?

Ein Bundesrat ist Ratsmitglied der Eidgenossenschaft und nicht eines Kantons. Die Tessiner wissen, dass ich als einer von sieben unmöglich alle mehrheitsfähigen Positionen des Tessins durchbringen kann. Aber selbstverständlich legen die Bundesräte auch ein spezielles Augenmerk auf ihre Kantone, das liegt in der Natur der Sache.

Was könnten Sie realistischerweise für Ihren Kanton erreichen?

Der Bau des zweiten Gotthardstrassentunnels bietet die Gelegenheit, die Talebene in Airolo aufzuwerten. Dafür würde ich mich einsetzen. Am Herzen liegt mir auch die Mehrsprachigkeit. Ich bin zudem überzeugt, dass ein Tessiner Bundesrat bei den Verhandlungen im Steuerstreit mit Italien Vorteile ausspielen könnte: Er weiss besser, wie unser Nachbarland tickt und könnte die Verhandlungen auf Italienisch führen. Ich finde es nicht optimal, dass die Schweiz und Italien dies auf Englisch tun.

SP-Chef Christian Levrat hat Ihnen wegen Ihrem Nein zur Altersvorsorge ziemlich direkt mit der Nichtwahl in den Bundesrat gedroht. Haben Sie dafür Verständnis?

Ich finde es falsch, jemanden wegen seiner politischen Haltung unter Druck zu setzen – schliesslich soll eine freisinnig-liberale Person gewählt werden. Wir brauchen nicht nur Biodiversität, wie es die Linken wollen, sondern auch politische Diversität. Ein Parlament mit nordkoreanischen Zügen, eine Abstrafung von Politikern mit anderen Meinungen, läuft mir zuwider.

Auf Ihrer Homepage schreiben Sie, dass Sie sich für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie einsetzen. Befürworten Sie die Initiative für einen Vaterschaftsurlaub von 20 Tagen?

Nein. Das wäre ein unnötiger Ausbau der obligatorischen Solidarität.

Das tönt widersprüchlich.

Das ist es nicht. Ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn sich die Sozialpartner auf einen längeren Vaterschaftsurlaub einigen. Eine staatliche Lösung lehne ich aber ab.Es ist kein übertriebenes Opfer, wenn Väter bei der Geburt eines Kindes Ferien nehmen. Wenn sie sich langfristig verstärkt an der Erziehung beteiligen möchten, kommen sie nicht darum herum, ihr Arbeitspensum zu reduzieren. Da helfen vier Wochen Vaterschaftsurlaub auch nicht weiter.

Würden Sie Hand bieten für einen Gegenvorschlag?

Vater und Mutter könnten sich zum Beispiel die 14 Wochen, die heute für den Mutterschaftsurlaub reserviert sind, als Elternzeit untereinander aufteilen.

Hätten Sie und Ihre Ehefrau gerne Kinder gehabt?

Ja. Aber es hat leider nicht geklappt. Mit 40 Jahren war es nicht einfach, das zu akzeptieren. Wir haben uns überlegt, ob wir Kinder adoptieren sollen. Wir waren aber schon damals beruflich beide stark engagiert und verzichteten schliesslich darauf. Wir führen heute ohne Kinder ein glückliches Leben. Ich freue mich über den Nachwuchs meiner Schwestern.

Zurück zur Politik: Welches wäre Ihr Lieblingsdepartement?

Keines. Wenn mich die Bundesversammlung tatsächlich wählt, darf ich als Letzter das Departement aussuchen. Ich muss also sowieso jenes übernehmen, das übrig bleibt.

Sie werden als Kronfavorit gehandelt. Wenn Sie die Wahl nicht schaffen würden, wäre das schlimm für Sie?

Natürlich steige ich mit der Ambition ins Rennen, gewählt zu werden. Ich bin aber nicht mit der Politik verheiratet und habe spannende Aufgaben ausserhalb des Bundeshauses. Es gibt bestimmt ein Leben auch nach einer allfälligen Nichtwahl. Ich würde mich aber freuen, mein ganzes Engagement unserem schönen Land zur Verfügung zu stellen.

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