Der überflüssige Fahrkurs

  • Moderator Beat Galliker weist einem Neulenker den Weg.
    Moderator Beat Galliker weist einem Neulenker den Weg. (Bild: Nadia Schärli (Luzern, 5. September 2017))
12.09.2017 | 05:18

VERKEHRSSICHERHEIT ⋅ Der Bundesrat will einen von zwei Weiterbildungskursen für Neulenker aufheben. Was wird den jungen Autofahrern in diesen Kursen überhaupt beigebracht? Ein Augenschein.

Tobias Bär

Tobias Bär

«Ich will Sicherheit gewinnen.» – «Ich erhoffe mir Tipps, wie ich den Benzinverbrauch senken kann.» – «Ich hoffe, dass wir es lustig haben.» Das sagen die Neulenker, als sie von Moderator Beat Galliker nach ihren Erwartungen gefragt werden. Die fünf Frauen und drei Männer, allesamt Anfang 20, sind nicht freiwillig ins TCS-Fahrzentrum in Emmen bei Luzern gekommen. Sie befinden sich in einer dreijährigen Probezeit. Einen Weiterbildungstag haben sie schon hinter sich. Für den definitiven Führerausweis müssen sie noch einen zweiten Kurs absolvieren. So will es die sogenannte Zweiphasenausbildung, die vor mehr als zehn Jahren eingeführt wurde.

Doch einer dieser Kurse wackelt. Die Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) kam 2013 zum Schluss, dass diese nicht den erhofften Sicherheitseffekt gebracht hätten. Der Bundesrat reagierte und gab dieses Jahres bekannt, dass die Weiterausbildung von zwei auf einen Tag verkürzt werden soll. Der Vorschlag ist bis Ende Oktober in der Vernehmlassung. «Der verbleibende Kurs soll auf die praktischen Elemente, also Fahrübungen, fokussieren», sagt Thomas Rohrbach, Sprecher des Bundesamts für Strassen.

Wenn nach der Fahrt der Aussenspiegel fehlt

In Emmen kommt die Praxis nicht zu kurz, schon nach einer Stunde geht es auf die Strasse. Ein Neulenker fährt, zwei andere beobachten auf der Rückbank. Die speziell ausgebildeten Moderatoren wie Galliker können auf dem Beifahrersitz bei Bedarf eingreifen. Die Fahrt soll es den Teilnehmern ermöglichen, «kritische Äusserungen von meist Gleichaltrigen mit dem Selbstbild zu vergleichen» – so hatte es der Bund bei der Einführung formuliert. «Fahrt authentisch», bläut Galliker den Autolenkern auf Probe vor den jeweils halbstündigen Fahrten ein.

Den Anfang macht der 21- jährige Kevin Buri, der das Fahrzeug sicher über Land und einen kurzen Autobahnabschnitt lenkt. Auch bei der 23-jährigen Zürcherin, die sich nach Buri ans Steuer setzt und «sehr oft» mit dem Auto unterwegs ist, fühlen sich die Mitfahrer sicher. So sicher, dass sie sich auf der Rückbank in ein Gespräch vertiefen und nicht mitbekommen, wie Galliker das Bremspedal unter dem Beifahrersitz durchdrückt. Die Neulenkerin war auf einer unübersichtlichen Nebenstrasse zu schnell unterwegs. «Hier musst du auf halbe Sichtweite stoppen können», sagt Galliker, um anzufügen: «99 Prozent aller Lenker fahren hier zu schnell.»

Bei der Nachbesprechung wird klar: An allen Fahrten gibt es etwas auszusetzen. Zögerliches Einfädeln beim Doppelkreisel, fehlender Schulterblick beim Abbiegen, übersetzte Geschwindigkeit, ungenügender Abstand – die Mängelliste ist lang. Insgesamt sei das Fahrniveau an diesem Tag in seiner Gruppe aber auf einem «hohen Niveau», sagt Galliker. «Manchmal müssen wir am Abend froh sein, dass wir noch leben.» Einen schweren Unfall hat Galliker in all den Jahren nicht erlebt. Aber Materialschaden, den gab es schon. Mehr als einmal fehlte nach der «Feedbackfahrt» der Aussenspiegel. Am Morgen hatten die Instruktoren den Teilnehmern denn auch zu verstehen gegeben, dass Schäden bis 1000 Franken zu ihren Lasten gehen.

Die Kurse beinhalten keine Prüfung. Doch bei gravierenden Mängeln und Verstössen gegen die Verkehrsregeln werden die Behörden informiert – so etwa im Fall der Neulenkerin, die bei einem früheren Kurs mit 100 Stundenkilometern durchs Dorf raste. Beim Mittagessen sind sich die Teilnehmer einig: Der erste Weiterbildungskurs, bei dem sie auf einer Teststrecke die Grenzen ausloten konnten, war ungleich ereignisreicher. Die jungen Autofahrer haben zwar Verständnis für die Bestrebungen der Politik, das Unfallrisiko mit der Zweiphasenausbildung zu senken. Gleichzeitig drücken sie ihre Verwunderung aus über den Umgang mit autofahrenden Senioren. Das Parlament in Bern will, dass Autofahrer erst mit 75 Jahren und damit fünf Jahre später als heute zur regelmässigen medizinischen Kontrolle müssen. «Dabei sollten viele von denen gar nicht mehr auf der Strasse unterwegs sein», heisst es am Mittagstisch.

Benzinverbrauch um 20 Prozent gesenkt

Die jungen Erwachsenen beurteilen den Kurs durchaus wohlwollend. «Mir wurden wieder ein paar Dinge in Erinnerung gerufen», sagt eine Teilnehmerin. Die Pläne des Bundesrates stossen aber auf Zustimmung. Der Wegfall eines Kurstages würde die Neulenker finanziell entlasten: 380 Franken kostet sie der Tag in Emmen, sofern sie nicht Mitglied beim TCS sind. Leidtragende wären die Moderatoren, wobei die Streichung des zweiten Tages ­gemäss Galliker «kein Weltuntergang» wäre. Die meisten von ihnen verdienen ihr Geld daneben als Fahrlehrer. Der TCS als wichtiger Anbieter will sich noch nicht zur Vorlage äussern.

In Emmen müssen die Junglenker am Nachmittag auf identischer Strecke die Rückmeldungen vom Vormittag umsetzen. Ausserdem gilt es, die Tipps für umweltbewusstes Fahren anzuwenden, die ihnen in einem Theorieblock eingetrichtert wurden. Sie sollen auf unnötiges Gasgeben verzichten, etwa vor einer Kreuzung oder auf abfallender Strasse. Das Resultat in Gallikers Gruppe: ein um bis 20 Prozent tieferer Benzinverbrauch.

Auf der Fahrt entlang des Sempachersees sagt eine Teilnehmerin mit Blick auf den Verkehr beiläufig: «Die sind alle zu schnell unterwegs.» Die Sensibilisierung scheint zu wirken. Die Frage ist nur, wie lange.

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