Der Bund baut den Himmel um

  • Laut Skyguide ist der Schweizer Luftraum der komplexeste auf dem ganzen Kontinent.
    Laut Skyguide ist der Schweizer Luftraum der komplexeste auf dem ganzen Kontinent. (Bild: Urs Jaudas (Kloten, 2. Juli 2013))
11.10.2017 | 07:37

FLUGVERKEHR ⋅ Immer öfter kommt es am Schweizer Himmel zu heiklen Situationen. Der Bund will den Luftraum nun neu gestalten. Dieser soll einfacher und dadurch sicherer werden.

Michel Burtscher

Michel Burtscher

Verkehrsministerin Doris Leuthard nennt es ein «Jahrhundertprojekt», viel darüber gehört hat man ausserhalb von Fachkreisen bisher aber noch nicht: Das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) arbeitet im Moment daran, den Schweizer Luftraum von Grund auf neu zu gestalten. Er soll einfacher werden und dadurch sicherer. Denn heute ist der Luftraum komplex, laut der Flugsicherungsgesellschaft Skyguide ist er gar der komplexeste auf dem ganzen Kontinent.

Das liegt einerseits daran, dass der Verkehr am Schweizer Himmel sehr dicht ist. Viele verschiedene Luftraumnutzer tummeln sich auf engem Raum: Linienflugzeuge, Militärjets, Sportflugzeuge, Heissluftballons, Helikopter und Motorsegler – um nur einige zu nennen. Andererseits ist der Luftraum teilweise stark fragmentiert und in viele Sektoren aufgeteilt. Das ist eine Folge davon, dass man den Interessen möglichst vieler Akteure gerecht werden will.

Vor allem im Grossraum um den Flughafen Zürich sind die verschiedenen Luftraumzonen stark aufgesplittert und verschachtelt (siehe Karte). Aber auch in anderen Regionen der Schweiz stellt sich dieses Problem. Vladi Barrosa, Mediensprecher der Flugsicherungsgesellschaft Skyguide, sagt: «Gerade bei Hobbypiloten oder ortsunkundigen Piloten kann das zu Verwirrung führen.»

Immer mehr Drohnen fliegen mit

Und diese Verwirrung kann gefährlich sein: In den vergangenen Jahren hat die Zahl der Luftraumverletzungen stark zugenommen. Wurden im Jahr 2014 noch 239 Fälle registriert, waren es 2015 schon 359. Im vergangenen Jahr gab es zwar einen leichten Rückgang auf 353, diese Zahl ist aber noch immer «auf einem hohen Niveau», wie es im Sicherheitsbericht 2016 des Bazl heisst. Solche Luftraumverletzungen können kritisch werden, wenn sich dadurch zwei Flugzeuge zu nah kommen. Zugenommen haben denn auch die Fastzusammenstösse: von 4 auf 16 zwischen 2015 und 2016. Die Situation am Himmel wird sich in Zukunft noch zuspitzen: Der kommerzielle Flugverkehr nimmt tendenziell weiter zu. Zudem müssen neue Fluggeräte wie Drohnen in den Luftraum integriert werden – und deren Zahl steigt auch. Gemäss Schätzungen des Bazl wurden hierzulande in den vergangenen Jahren insgesamt mindestens 100000 Stück verkauft.

Viele Bedürfnisse unter einen Hut bringen

Deshalb fühlt sich der Bund nun gezwungen zu handeln: «Luftraum- und Aviatikinfrastruktur-Strategie» heisst das Projekt zur Neugestaltung des Luftraums. Es geht dabei nicht darum, die heutige Situation zu optimieren, sondern «auf der grünen Wiese» etwas ganz Neues zu erschaffen, wie Bazl-Sprecher Urs Holder­egger sagt. Noch steht man dabei ganz am Anfang. Gemäss Holder­egger wurden bisher gewisse Vorarbeiten geleistet, Personal beim Bazl für das Projekt freigestellt. Bis Ende dieses Jahres will das Bundesamt nun in einem ersten Schritt mit allen Luftverkehrsteilnehmern Kontakt aufnehmen und abklären, wie ihre Bedürfnisse aussehen. Involviert sind laut Holderegger unter anderem Skyguide, die Airline Swiss, die Schweizer Flughafenbetreiber und Verbände wie der Aero-Club der Schweiz oder der Hänge­gleiterclub. «Wir wollen herausfinden, wie wir gemeinsam die Luftraumstruktur vereinfachen und damit auch sicherer und effizienter machen können», sagt Holderegger.

Die Bedürfnisse aller Nutzer unter einen Hut zu bringen, dürfte eine Herausforderung werden. Bisherige Versuche, den Luftraum einfacher zu gestalten, sind denn auch gescheitert, weil diese zu Einschränkungen für gewisse Nutzergruppen geführt hätten. Im luftpolitischen Bericht des Bundesrates aus dem Jahr 2016 heisst es zwar, dass der Schweizer Luftraum «grundsätzlich allen Benutzern offenstehen» soll. Da der Platz jedoch beschränkt sei, müssten Prioritäten festgelegt werden. Und wo diese für den Bundesrat liegen, macht er auch gleich klar: Der Linienverkehr geniesse oberste Priorität, insbesondere in den Nahkontrollbezirken der Landesflughäfen, heisst es im Bericht weiter.

Bis die Neugestaltung des Schweizer Luftraums abgeschlossen ist, wird noch einige Zeit vergehen. Gemäss einer provisorischen Grobplanung des Bazl dauert die Umsetzung der neuen Aviatikstrategie mindestens bis Ende des Jahres 2024.

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