Das Tessin spielt «1, 2 oder 3?»

  • Ignazio Cassis posiert für den Fotografen auf dem Balkon des Presseclubs der Tamedia. Am Dienstag wurde er vom Kantonalvorstand der FDP Tessin als einziger Bundesratskandidat vorgestellt. Jetzt kommen immer mehr Zweifel auf, ob dies richtig war.
    Ignazio Cassis posiert für den Fotografen auf dem Balkon des Presseclubs der Tamedia. Am Dienstag wurde er vom Kantonalvorstand der FDP Tessin als einziger Bundesratskandidat vorgestellt. Jetzt kommen immer mehr Zweifel auf, ob dies richtig war. (Bild: Thomas Egli/Lunax (7. Juli 2017))
16.07.2017 | 05:16

BURKHALTER-NACHFOLGE ⋅ In der Tessiner FDP ist der Entscheid der Parteispitze für eine Einerkandidatur von Ignazio Cassis umstritten. Die Delegierten könnten den Entscheid am 1. August umstossen.

Eva Novak

Eva Novak

Wenn das Tessin die Chance packen und nach fast zwei Jahrzehnten wieder einen Bundesrat stellen wolle, müsse die kantonale FDP nur einen einzigen Kandidaten präsentieren: Diesen Rat ihres ehemaligen Präsidenten Fulvio Pelli hat die Tessiner Parteileitung vergangenen Dienstag beherzigt und Ignazio Cassis zum alleinigen Kandidaten bestimmt. Doch bei den Freisinnigen des Südkantons kommt das nicht überall gut an. Um auf Nummer sicher zu gehen, bevorzugen viele ein Zweierticket – sei es mit der ehemaligen National- und Staatsrätin Laura Sadis oder mit dem amtierenden Finanz- und Wirtschaftsdirektor Christian Vitta. Oder gar ein Ticket mit allen drei.

Diesen Vorschlag lancierte Pellis Vorgänger an der Spitze der Tessiner FDP in der Tageszeitung «La Regione». Pier Felice Barchi, wie Pelli Jurist und ehemaliger Nationalrat, wirft einen Blick in die Geschichte: Bevor Nello Celio, der vorletzte Tessiner Bundesrat – und der letzte mit FDP-Parteibuch – gegen den Widerstand der Westschweiz gewählt wurde, habe die Tessiner Partei drei Kandidaten nach Bern geschickt: die Nationalräte Celio und Brenno Galli sowie Ständerat Ferruccio Bolla. Das habe es gebraucht, damit am Ende Celio gewählt wurde. «Wenn die heutige FDP-Führung ihre Aufgabe erfüllen will, soll sie es gleich machen», liest Barchi seinen Nachfolgern die Leviten.

Vorbehalte gegenüber Ignazio Cassis

Im Gespräch mit unserer Zeitung macht der ehemalige Kantonalparteipräsident keinen Hehl daraus, dass er an den Wahlchancen von Cassis zweifelt. «Die Krankenkassen zu vertreten und im Bundesrat zu sitzen, ergibt eine Interessenkollision», sagt er. Laura Sadis hingegen vertrete die Frauen, und Christian Vitta habe als Mitglied der Kantonsregierung gezeigt, dass er alle Eigenschaften besitze, die ein guter Bundesrat brauche. «Ich bin für drei Kandidaten», so Barchi, «schliesslich sind wir in einer ­liberalen Partei, nicht in einer ­sozialistischen.»

Nach seiner Einschätzung macht es am meisten Sinn, einen Dreiervorschlag zu präsentieren, aus dem die FDP-Fraktion der Bundesversammlung die zwei besten Kandidaten erkürt, die sie anschliessend der Bundesversammlung zur Wahl vorschlägt. Auf diese Weise erhalte der Südkanton die bestmögliche Gelegenheit, wieder zu einer Regierungsvertretung zu kommen, gibt sich Barchi überzeugt.

Die graue Eminenz der Tessiner FDP stellt sich damit in Widerspruch zum aktuellen Präsidenten der Kantonalpartei, Bixio Caprara. Dieser ist nach Gesprächen mit der nationalen Parteileitung zum Schluss gelangt, das Tessin habe die besten Chancen, wenn es sich nicht verzettle und nur einen einzigen Kandidaten präsentiere.

Dass Caprara falsch liegen könnte, zeigte sich bereits am Tag nach seiner Ankündigung in- und ausserhalb sowohl der FDP wie auch des Tessins. Eine ganze Reihe von Politikern brachte mehr oder weniger laute Zweifel an, von SP-Nationalrätin Marina Carobbio über Lega-Vertreter Attilio Bignasca und BDP-Fraktionschefin Rosmarie Quadranti bis hin zu FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen. Noch direkter wird auf Anfrage CVP-Präsident Gerhard Pfister: Die Tessiner FDP habe einen Fehler gemacht, sagt er, denn: «Eine Einer-Nomination ist eine Aufforderung an die Westschweizer FDP, einen Kandidaten oder eine Kandidatin zu bringen.»

Tatsächlich hat die Waadtländer FDP bereits angekündigt, eine Kandidatur stellen zu wollen – sei es nun jene von National­rätin Isabelle Moret oder von Regierungsrätin Jacqueline de Quattro, welche beide den Frauenbonus ausspielen könnten. Aus Genf droht dem Tessin Konkurrenz von Regierungsrat Pierre Maudet ebenso wie von Nationalrat Christian Lüscher. Zieht am Ende anstelle eines Tessiners wieder ein Romand im Bundesrat ein? Das möchte nicht nur Barchi mit einem Dreierticket verhindern. Sondern auch Giorgio Giudici, wie es im Tessin heisst. Der ehemalige Stadtpräsident von Lugano war am Wochenende nicht erreichbar. Dafür Giovanna Viscardi, welche mit der FDP Lugano die grösste Sektion in ihrem Kanton präsidiert. Persönlich halte sie die Dreierstrategie für die erfolgsversprechendste, sagt sie. Und will das auch an der Delegiertenversammlung vom kommenden 1. August so erklären.

Bleibt es beim Einerticket? Sie lasse sich überraschen, sagt Giovanna Viscardi. Da ist sie nicht die einzige.

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