Wehe, die anderen haben mehr Spass als ich

  • Aufwachen - checken.
    Aufwachen - checken. (Getty)
13.08.2017 | 05:17

SMARTPHONE ⋅ Die Angst, etwas zu verpassen, gab es schon immer, im Internetzeitalter kann sie sich bei jüngeren Menschen aber zu einem Problem auswachsen.

Christian Satorius

Heute schon Facebook gecheckt, WhatsApp, Twitter und Insta­gram? Wer hier «Klar, noch vor dem Aufstehen» antwortet, hat vielleicht Fomo (Fear of Missing out), die Angst, etwas zu verpassen. Die gab es zwar schon in der analogen Welt, aber das digitale Zeitalter hätte die Situation zugespitzt, meinen Psychologen. Dahinter steckt die Sorge, alle anderen könnten mehr Spass haben, Interessanteres erleben und Neueres erfahren als man selbst. Oder auch die Befürchtung, ausgegrenzt zu werden. Um auf dem Laufenden zu bleiben, lässt man das Handy kaum aus den Augen. Die New Yorker Agentur JWT hat in einer repräsentativen Befragung amerikanischer und britischer Teenager im Alter von 13 bis 17 Jahren ermittelt, dass 64 Prozent von ihnen das Gefühl kennen, auf Seiten wie Facebook ausgegrenzt zu werden. 75 Prozent dieser Jugendlichen ist es deshalb «wichtig», dass ihr Profil auf den sozialen Netzwerken richtig dargestellt wird.

Je mehr Möglichkeiten, desto weniger Befriedigung

Fomo kann sich zu einer psychischen Belastung auswachsen, Stress erzeugen, die Konzentra­tions- und Leistungsfähigkeit reduzieren sowie die Lebensqualität der Betroffenen deutlich einschränken. Wirklich Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, auszuwählen und zu differenzieren, bewusst etwas wegzulassen oder eben nicht zu mögen und die eigene Meinung entschlossen zu vertreten, fällt gerade jüngeren Menschen nicht immer leicht. «Je mehr Möglichkeiten wir haben, desto weniger befriedigt uns die Wahl, die wir treffen», sagt die australische Psychologin Amy Loughman von der RMIT-Universität in Melbourne. Das Internet bietet aber nicht nur unzählige Möglichkeiten, es bestraft auch Abweichler: Shitstorm und Mobbing drohen. Der Oxforder Psychologe Andrew Przybylski und sein Team haben in einer der wenigen repräsentativen empirischen Studien, die es zu dem Thema gibt, herausgefunden: «Wer einen hohen Fomo-Level hat, nutzt Facebook meist schon direkt nach dem Aufwachen und auch noch kurz vor dem Einschlafen, sogar während der Mahlzeiten.» Der Versuch, auf diese Art und Weise nichts zu verpassen, könne angesichts der Fülle der Informationen letztendlich nur scheitern, sagen die Experten.

«Man muss sich bewusst machen, dass Fomo auf Lügen basiert», meint die US-amerikanische Soziologin Martha Beck. «Dieses tolle, fabelhafte Leben, das andere angeblich führen und das man selber anscheinend gerade verpasst, existiert in Wahrheit gar nicht. Das ist ein Trugbild. Jeder berichtet schliesslich nur von Highlights, und selbst die sind oft gelogen.» Das Leben bestehe nun einmal nicht nur aus Höhen, sondern auch aus Tiefen, nur poste die eben niemand, sagt auch die kanadische Publizistin Christina Crook und empfiehlt, offline zu gehen. Sie hat einen Begriff für ihre Abstinenz geschaffen: Jomo: Joy of Missing out, den Spass, etwas zu verpassen. Kritikern geht dieser Ansatz nicht weit genug. Sie fordern eine bessere Medienpädagogik, um Medienkompetenz und Selbstbeherrschung im Umgang mit Internet, Handy und sozialen Netz- werken zu schulen.

Christian Satorius

Kommentare
zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden
Ein neues Posting hinzufügen

Sie dürfen noch Zeichen schreiben.
Bei jedem neuen Beitrag in dieser Diskussion erhalten Sie eine entsprechende Benachrichtigung
Füllen Sie bitte die notwendigen Felder für die Registrierung aus.

Geben Sie bitte folgende Daten ein, um sich zu registrieren und Ihren Kommentar zu speichern.

Ich habe die AGB gelesen und akzeptiert.:
Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

Welches der Begriffe ist ein Vorname: Laus, Klaus, Haus?
 

Meistgelesen

Die Pressekonferenz bestreiten Stefan Kühne, Leiter der Kriminalpolizei, Gesamteinsatzleiter Sigi Rüegg, Mediensprecher Hanspeter Krüsi sowie der leitende Jugendstaatsanwalt Stephan Ramseyer.
Ostschweiz: 23.10.2017, 09:45

Täter von Flums hatte Gewaltfantasien - er griff als erstes ein Paar mit Kinderwagen an

Ein 17-Jähriger hat am Sonntagabend in Flums eine Person schwer, vier Menschen leicht und zwei ...
Lausanne-Sport war für die Espen zu stark.
FC St.Gallen: 22.10.2017, 17:51

Olma-Ohrfeige: Die Espen gehen gegen Lausanne-Sport mit 0:4 unter

Rückschlag für den FC St. Gallen: Die Mannschaft von Trainer Giorgio Contini enttäuscht und muss ...
Die neue Thurgauer Apfelkönigin Marion Weibel nach ihrer Wahl.
Schauplatz Ostschweiz: 23.10.2017, 06:36

Olma-Chefin lobt den Gastkanton Thurgau

Die Olma Messen sind mit der 75. Ausgabe der Olma zufrieden.
Obwohl viele Besucherinnen und Besucher an der Olma waren, verzeichnete die Stadtpolizei weniger Interventionen.
Ostschweiz: 22.10.2017, 11:36

Olma-Bilanz: Polizist mit Bisswunde und Stagnation der Besucherzahlen

Am Sonntag geht die Jubiläums-Olma zu Ende. Die Stadtpolizei St.Gallen hat in diesem Jahr ihre ...
Marion Weibel aus Rickenbach ist die neue Thurgauer Apfelkönigin.
Kanton Thurgau: 23.10.2017, 06:56

«Den Sieg verdanke ich meinem Vater»

Gallen Am Samstag ist die 26-jährige Marion Weibel aus Rickenbach an der Olma zur neuen ...
SVP-Nationalrat Jean-Luc Addor hat 62 Vorstösse eingereicht, kein Bundespolitiker war aktiver.
Schweiz: 23.10.2017, 09:12

Neuling hält Parlament auf Trab

Die Hälfte der Legislatur ist um und die Zahl der parlamentarischen Eingaben ist hochgerechnet ...
Weisser Montagmorgen ist in höheren Lagen in der Schweiz. (Archivbild)
Panorama: 23.10.2017, 08:42

In höheren Lagen der Schweiz hat es geschneit

Kühles und teilweise weisses Erwachen in der Schweiz: Oberhalb von etwa 1000 Metern hat der ...
Beim Schulhaus Landhaus in Teufen liess der Gemeinderat eine Tafel anbringen.
Appenzellerland: 23.10.2017, 09:10

Elterntaxis im Appenzellerland sorgen für Konflikte

Helikoptereltern gefährden die Selbstständigkeit ihrer Kinder.
Einige Opfer von Stalking gehen nicht mehr alleine raus und geraten in einen Zustand von Resignation.
Ostschweiz: 22.10.2017, 10:04

Janine wird von einem Besessenen verfolgt

Janine ist jung, hübsch und schlagfertig. Dann drängt sich ein psychisch kranker Mann in ihr ...
Unfälle & Verbrechen: 22.10.2017, 14:41

Hat jemand einen Geisterfahrer gesehen?

Am Sonntagmorgen ist eine Autofahrerin auf der Autobahn A1, St.Gallen-Gossau, mit der ...
Zur klassischen Ansicht wechseln