Street Parade: Wenn das Leben laut wird

  • Das Wummern aus den Boxen ist auch eine akustische Manifestation gegen die Bravheit des Alltags.
    Das Wummern aus den Boxen ist auch eine akustische Manifestation gegen die Bravheit des Alltags. (WALTER BIERI (KEYSTONE) 10. August 2013)
11.08.2017 | 19:45

AKUSTISCHER EXZESS ⋅ Der zum 26. Mal stattfindende Monsteranlass am Zürcher Seebecken steht auch für akustischen Exzess. Doch überdrehte Lautstärke ist ein uraltes Mittel der Manifestation.

Beda Hanimann
Ein anderes Wort für Street Parade? Noch in dreissig Kilometern Entfernung vom Zürichsee auf den Höhen des Tösstals hört man jeweils das Wummern der Boxen, da ist das Synonym angebracht: Ein anderes Wort für Street Parade ist laut. «Die Masse pulsiert im Rhythmus der Technomusik. An die 30 riesige Wagen, die so genannten Love Mobiles, tuckern durch die Menschenmenge, beladen mit wattstarken Anlagen, Discjockeys und Tanzenden. Dumpfe Rhythmen in hämmernd schnellen Schlägen dominieren den Sound.»

So steht es im Buch «Schweizer Feste und Bräuche» des Volkskundlers Albert Bärtsch. Dass die Zürcher Street Parade neben dem Geisslechlepfen in Schwyz, dem Silvesterchlausen in Urnäsch oder dem Chalandamarz im Engadin als Teil der «Volksfestkultur im Jahresablauf» (dies der Untertitel des Buches) gewürdigt wird, überrascht nur auf den ersten Blick. Tatsächlich hat der Auftritt der Raver durchaus Berührungspunkte mit alten Bräuchen.
 

Von den Kuhschellen zur Soundanlage

Die Volkskunde definiert eine eigene Kategorie von Lärmbräuchen. Als Klangerzeuger kamen dabei alle erdenklichen Gerätschaften des Alltags in Frage. Laut Bärtsch wurden im alpinen Raum schon im 12. Jahrhundert Kuhschellen als Lärm- und Klanginstrumente für rituelle Auftritte verwendet. Das elektronische Wummern am Zürcher Seebecken ist im Grunde nichts weiter als die Weiterentwicklung dieses Gebarens mit modernen Mitteln.


Meist wurden die alten Lärmbräuche in Verbindung gebracht mit dem Vertreiben von Dämonen und dem Überwinden von Winterkälte und Unfruchtbarkeit. Besonders die zahlreichen Fasnachtsbräuche, Klassiker des Lärm-Genres, sind darüber hinaus überdrehte Proteste gegen das Gängige, ein Ausbrechen aus dem gewohnten Ablauf. Lärmbräuche sind meist Einspruch, Aufstand, Widerstand, Aufbegehren, eine Gegenwelt zum Alltäglichen. Die Street Parade mit ihren aufreizenden Kostümen oder Anti-Kostümen, mit ihrem alle Grenzen sprengenden Sound inmitten der Geschäftshäuser passt bestens in diese Reihe. «Wenn in Zürich Street Parade ist, wird die Provokation zum Normalfall», schreibt Beat A. Stephan im Buch «Feste im Alpenraum».
 

Die Hierarchie der Akustik

Andere Experten interpretieren den Hang zum Lärm allgemeiner. Der angeblich kultische Lärm werde ausserhalb des klassischen Brauchtums überall laut, «wo exaltierte Massen ausser Rand und Band geraten», heisst es etwa in Hans Mosers Aufsatz «Volksbräuche im geschichtlichen Wandel». Das sei heute auch in Fussballstadien und Discos der Fall. Oder eben an der Street Parade. Für Sieglinde Geisel, Autorin eines Buches mit dem Titel «Nur im Weltall ist es wirklich still», ist Lärm ein Ersatz für Macht, «die einem im wirklichen Leben versagt bleibt». Er sei ein Mittel, um uns zumindest für eine kurze Zeit «von den Hemmungen und Beschränkungen der Zivilisation zu befreien».

Dass Lärm und akustische Überdrehtheit dabei eine zentrale Rolle spielten und spielen, lässt sich mit der in der Gesellschaft verankerten Hierarchie der Akustik erklären. Das Pst! von Eltern und Lehrern, wenn die Kleinen mal wieder zu laut werden, spricht für sich. Es suggeriert, dass das Leise der Normalzustand ist, gesellschaftliche Konvention, das Laute dagegen deren Missachtung. Das wird mannigfach untermauert durch unseren Sprachgebrauch. Der Begriff leise steht oft auch für natürlich, zivilisiert, feinsinnig, überlegt oder diskret, während laut Eigenschaften wie unnatürlich, rücksichtslos, rebellisch, grob oder impulsiv versinnbildlicht.

Da ist es kein Wunder, dass das Laute sich anbietet, um aufzubegehren, auf sich aufmerksam zu machen, Gängiges in Frage zu stellen oder lächerlich zu machen. Und es ist auch logisch, dass Lautstärke das Symbol der  Macht ist. Wer laut wird, stellt sich selbstbewusst gegen die Gesellschaftsnorm. Oder demonstriert, dass er bestimmt.
 

Lärm ist das Geräusch der anderen 

Nun ist jedoch die Sache mit dem Lauten so eindeutig nicht. Laut und leise sind nicht minus und plus, sondern das ist eine stufenlose Skala. Lautstärke ist zwar mess- und also reglementierbar, letztlich aber bleibt sie subjektiv. Das ist der Grund für die unerschöpflichen Diskussionen und Streitereien darüber, ob die laute Musik an einem Sommerfest der Ausdruck von Lebensfreude ist oder doch nur pure Rücksichtslosigkeit. Im unterschiedlichen Umgang mit dem Lauten manifestiert sich seit je auch die menschliche Individualität. Kurt Tucholsky ist da nur beizupflichten. «Lärm», notierte er, «ist das Geräusch der anderen.»

Von der Insider-Party zum Monsteranlass

Die Zürcher Street Parade hat sich innerhalb von 25 Jahren von der kleinen Party mit 1500 Teilnehmern zum Monsteranlass mit Hunderttausenden von Ravern entwickelt. An der 26. Street Parade rollen 25 Love Mobiles über die zwei Kilometer lange Strecke vom Seefeld zum Hafendamm Enge, auf acht Bühnen sorgen ausserdem DJs für Stimmung. Danach steigen in den Clubs der Stadt und der Agglomeration After Parties, die bis in den Montagmorgen hinein andauern – als Bestätigung des diesjährigen Mottos der Street Parade: «Love never ends». Für das leibliche Wohl sorgen 120 Food- und 100 Getränkeverkaufsstände. Erstmals wird dabei von jedem verkauften Getränk ein Franken in die Umwelt investiert oder kommt lokalen Hilfsorganisationen zugute. Die SBB setzen über hundert Nacht- und Extrazüge ein, in der Stadt und im Kanton Zürich verkehren S-Bahn, Tram und Bus bis Sonntagmorgen um 4 Uhr. (Hn.)

Videos zum Artikel (1)
  • Kurswechsel: Die Street Parade ist jetzt wieder cool

Kommentare
zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden
Ein neues Posting hinzufügen

Sie dürfen noch Zeichen schreiben.
Bei jedem neuen Beitrag in dieser Diskussion erhalten Sie eine entsprechende Benachrichtigung
Füllen Sie bitte die notwendigen Felder für die Registrierung aus.

Geben Sie bitte folgende Daten ein, um sich zu registrieren und Ihren Kommentar zu speichern.

Ich habe die AGB gelesen und akzeptiert.:
Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

Wie viele Räder hat ein Motorrad??
 

Meistgelesen

Die Pressekonferenz bestreiten Stefan Kühne, Leiter der Kriminalpolizei, Gesamteinsatzleiter Sigi Rüegg, Mediensprecher Hanspeter Krüsi sowie der leitende Jugendstaatsanwalt Stephan Ramseyer.
Ostschweiz: 23.10.2017, 09:45

Täter von Flums hatte Gewaltfantasien - er griff als erstes ein Paar mit Kinderwagen an

Ein 17-Jähriger hat am Sonntagabend in Flums eine Person schwer, vier Menschen leicht und zwei ...
Lausanne-Sport war für die Espen zu stark.
FC St.Gallen: 22.10.2017, 17:51

Olma-Ohrfeige: Die Espen gehen gegen Lausanne-Sport mit 0:4 unter

Rückschlag für den FC St. Gallen: Die Mannschaft von Trainer Giorgio Contini enttäuscht und muss ...
Die neue Thurgauer Apfelkönigin Marion Weibel nach ihrer Wahl.
Schauplatz Ostschweiz: 23.10.2017, 06:36

Olma-Chefin lobt den Gastkanton Thurgau

Die Olma Messen sind mit der 75. Ausgabe der Olma zufrieden.
Obwohl viele Besucherinnen und Besucher an der Olma waren, verzeichnete die Stadtpolizei weniger Interventionen.
Ostschweiz: 22.10.2017, 11:36

Olma-Bilanz: Polizist mit Bisswunde und Stagnation der Besucherzahlen

Am Sonntag geht die Jubiläums-Olma zu Ende. Die Stadtpolizei St.Gallen hat in diesem Jahr ihre ...
Marion Weibel aus Rickenbach ist die neue Thurgauer Apfelkönigin.
Kanton Thurgau: 23.10.2017, 06:56

«Den Sieg verdanke ich meinem Vater»

Gallen Am Samstag ist die 26-jährige Marion Weibel aus Rickenbach an der Olma zur neuen ...
SVP-Nationalrat Jean-Luc Addor hat 62 Vorstösse eingereicht, kein Bundespolitiker war aktiver.
Schweiz: 23.10.2017, 09:12

Neuling hält Parlament auf Trab

Die Hälfte der Legislatur ist um und die Zahl der parlamentarischen Eingaben ist hochgerechnet ...
Einige Opfer von Stalking gehen nicht mehr alleine raus und geraten in einen Zustand von Resignation.
Ostschweiz: 22.10.2017, 10:04

Janine wird von einem Besessenen verfolgt

Janine ist jung, hübsch und schlagfertig. Dann drängt sich ein psychisch kranker Mann in ihr ...
Unfälle & Verbrechen: 22.10.2017, 14:41

Hat jemand einen Geisterfahrer gesehen?

Am Sonntagmorgen ist eine Autofahrerin auf der Autobahn A1, St.Gallen-Gossau, mit der ...
Weisser Montagmorgen ist in höheren Lagen in der Schweiz. (Archivbild)
Panorama: 23.10.2017, 08:42

In höheren Lagen der Schweiz hat es geschneit

Kühles und teilweise weisses Erwachen in der Schweiz: Oberhalb von etwa 1000 Metern hat der ...
Unfälle & Verbrechen: 22.10.2017, 13:13

Raser war mit 166 statt 80 km/h unterwegs

Die Kantonspolizei St.Gallen hat am Samstagabend an der Bischofszellerstrasse in Lömmenschwil ...
Zur klassischen Ansicht wechseln