Die eklige Spitze des Eisbergs

  • Filmproduzent Harvey Weinstein lässt sich bei einer Golden-Globes-After-Party 2015 mit den Musikerinnen Taylor Swift und Este Haim, der Schauspielerin Jaime King und Musikerin Lorde (von links) fotografieren.
    Filmproduzent Harvey Weinstein lässt sich bei einer Golden-Globes-After-Party 2015 mit den Musikerinnen Taylor Swift und Este Haim, der Schauspielerin Jaime King und Musikerin Lorde (von links) fotografieren. (Bild: Angela Weiss/Getty (Beverly Hills, 11. Januar 2015))
13.10.2017 | 08:01

SEXISMUS ⋅ Der Skandal Harvey Weinstein löst im Moment vor allem Bestürzung und Distanzierung aus. Er bietet freilich die Chance, über das System Hollywood nachzudenken und ihn als Zäsur zu verstehen.

Andreas Stock

Andreas Stock

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@tagblatt.ch

In Kalifornien wüten gerade verheerende Brände. Doch in Hollywood brennt es noch heftiger. Die Filmmetropole wird von einer Brunst erschüttert, bei der keine Feuerwehr helfen kann, und die auf Glamour, Stars und Oscars nur noch Asche zurücklässt. Das Feuer hat sich um Harvey Weinstein entfacht, einen der mächtigsten Filmproduzenten der USA. Seit vor wenigen Tagen in der «New York Times» öffentlich wurde, dass der 65-jährige Produzent über 30 Jahre hinweg Frauen sexuell belästigt und vergewaltigt hat, und ihr Schweigen durch Drohung oder Bezahlung erpresst hat, ist der Glanz nicht bloss vom mehrfachen Oscar-Gewinner abgefallen. Die gesamte Filmbranche ist damit beschäftigt, sich entweder von den schändlichen Taten zu distanzieren oder ihre Solidarität mit den Frauen zu bekunden, die eine Belästigung öffentlich machen.

Schlimmer wie sämtliche Klischees

Eigentlich gilt es als ein abgedroschenes Klischee, dass die Hollywood-Karriere einer jungen Schauspielerin über eine Besetzungscouch verläuft. Das mag in den 30er- und 40er-Jahren in Hollywood so gewesen sein – aber im liberalen Filmgeschäft von heute? Nun zeigt sich leider, dass das abgedroschene Klischee im Falle von Harvey Weinstein bittere Realität ist. Weinstein, bekannt als Choleriker und unzimperlicher Geschäftsmann, hatte das Geld und die Macht, Karrieren zu erschaffen und zu zerstören. Er ist das leibhaftige Stereotyp des bulligen Traumfabrikbosses mit Zigarre: erfolgreich, einflussreich, jovial, aufbrausend.

Die Macht und die Männlichkeit – auch das erweist sich als ein sehr lebendiges Stereotyp. Und Weinsteins Verhaltensmuster ist beängstigend: Die Schauspielerinnen Angelina Jolie, Asia Argento, Gwyneth Paltrow, Mira Sorvino, Rosanna Arquette, Zoe Brack, Ashley Judd, Léa Seydoux oder Carla Delevinge waren alle zwischen 20 und 24 Jahre junge, am Anfang ihrer Karriere, als ihnen Weinstein nicht nur erfolgversprechende Rollen gab. Bei allen wurde er auch übergriffig, und alle hatten sie Angst davor, etwas zu sagen. Denn der mächtige Produzent drohte, ihre Karrieren zu zerstören. Und das sind nur die prominentesten Beispiele. Man mag gar nicht an die Dunkelziffer denken.

Solcher Machtmissbrauch und sexuelle Erpressung ist keine Erfindung von Hollywood. Aber der Sexismus ist ein dunkler Teil des Systems in der Kreativbranche. Ein Geschäft, das von weiblicher Attraktivität und Schönheitsidealen geleitet wird, ist anfällig darauf. Das gilt ebenso für die Modebranche wie für das Musikbusiness, auch hier werden immer wieder unrühmliche Vorfälle publik. Und Weinstein ist im Film- und Fernsehgeschäft kein Einzelfall, sondern nur die eklige Spitze eines Eisbergs. Weitere Beispiele: der Fernsehschauspieler Billy Cosby steht dutzendfach wegen Vergewaltigungsvorwürfen vor Gericht, Schauspieler Casey Affleck, der im Frühling einen Oscar gewonnen hat, wurde der Belästigung bezichtigt. Starmoderator Bill O’Reilly wurde nach Vorwürfen sexueller Übergriffe entlassen, ebenso der inzwischen verstorbene Roger Ailes, Mitbegründer von Fox News.

Teil dieses Systems ist, dass die Macht in den Studios in Männerhänden liegt: In der Weinstein Company sitzt keine Frau in einem Chefsessel. Nur verständlich, dass Stars wie Jessica Chastain oder Nicole Kidman schon länger mehr Frauen in Chefpositionen fordern und Chastain eine eigene, von Frauen geleitete Produktionsgesellschaft gründete. Ihnen geht es unter anderem auch darum, sexuelle Korruption gar nicht aufkommen zu lassen.

Gelächter über Weinstein-Witze

Der Skandal hinter dem Skandal ist, dass es so lange dauerte, bis der Fall Weinstein publik wurde. Es kursierten bereits vor Jahren Gerüchte über sexuelle Belästigungen. In der TV-Serie «30 Rock» gab es 2012 dazu sogar einen Witz: «Ich habe Geschlechtsverkehr mit Harvey Weinstein drei Mal abgelehnt. Aus fünf.» Und Seth MacFarlane spottete 2013 bei den Oscar-Nominierungen für die beste Nebendarstellerin: «Glückwunsch, ihr fünf Ladies müsst nicht länger so tun, als wärt ihr von Harvey Weinstein angetan.» Gelächter im Saal.

Doch mit Anwälten und Drohungen konnte Weinstein Veröffentlichungen über seine Vergehen verhindern. Es kam zu mindestens acht aussergerichtlichen Einigungen. Zudem zeigten manche Medienunternehmen Beisshemmungen – wohl auch ob lukrativen Geschäftsbeziehungen mit Weinstein.

Es gibt auch eine politische Komponente. Weinstein ist Demokrat und grosszügiger Spender der Partei. Öffentlich gab er sich als Liberaler und als Verfechter von Frauenrechten. Am Filmfestival Sundance demonstrierte er beim Women’s March gegen Trump mit. Er stiftete einen Lehrstuhl zu Ehren der Frauenrechtlerin Gloria Steinem und ein Stipendium für Nachwuchs-Regisseurinnen. Ja, er produzierte gar 2015 den Dokumentarfilm «The Hunting Ground» über sexuelle Gewalt an US-Hochschulen. «Ist das alles eine avancierte Form der Schizophrenie oder die Fortsetzung des sexuellen Doppelgesichts der Macht?», fragt der Filmhistoriker George Seesslen in «Die Zeit».

Nichts gewusst, nichts gesagt

Dem liberalen Hollywood ist dieser Skandal höchst unangenehm und er entlarvt eine scheinheilige Doppelmoral. Gegen Trump geht man gerne auf die Strasse, aber in den eigenen Reihen schaut man lieber nicht zu genau hin. Gerade unter männlichen Kollegen dürfte man sehr wohl um Weinsteins Machenschaften gewusst haben. «Es gab Gerüchte», lässt sich George Clooney zitieren, der betont, wie «unentschuldbar» Weinsteins Verhalten sei. Und die Oscar-Akademie will morgen in einer Dringlichkeitssitzung über den möglichen Ausschluss von Harvey Weinstein beraten.

Solche Distanzierungen und Unwissensbekundungen wirken aber eher wohlfeil. Es gibt genug Leute, die involviert waren. Brad Pitt erfuhr es von seiner damaligen Freundin Gwyneth Paltrow, Ben Affleck von Rose McGowan. Beide sagen, sie hätten Weinstein damit konfrontiert. Mehr passierte jedoch nicht.

In manchen Kulturen gilt das Feuerritual als ein reinigender Prozess. Zu hoffen bleibt, dass dieser Skandal zu einer Zäsur führt und Hollywood aus den Fehlern lernt. Insbesondere, dass Schauspielerinnen es künftig wagen, sexuelle Übergriffe anzuzeigen und sie deswegen nicht um ihre Karriere fürchten müssen. Wichtig ist auch, dass das von Männern dominierte Filmgeschäft, das sich langsam anschickt, Frauen mehr Einfluss und Gleichberichtigung einzuräumen, diesen Weg weitergeht.

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