Bei Brustwarzen schnell, bei Morden und Vergewaltigungen träge

  • Immer öfter werden gewalttätige Inhalte per Video oder Livestream auf Facebook hochgeladen.
    Immer öfter werden gewalttätige Inhalte per Video oder Livestream auf Facebook hochgeladen. (A4796/_SILAS STEIN (DPA dpa)/Symbolbild)
  • Das Bild des fliehenden Mädchens im Vietnam-Krieg ist auf Facebook nicht erlaubt.
    Das Bild des fliehenden Mädchens im Vietnam-Krieg ist auf Facebook nicht erlaubt. (NICK UT (AP))
  • Das Bild einer stillenden Mutter ist für Facebook zu anstössig.
    Das Bild einer stillenden Mutter ist für Facebook zu anstössig. (Screenshot)
  • Zu viel nackte Haut: Auch die Facebook-Seite des bekannten Pariser Museums Jeu de Paume wurde von Facebook für 24 Stunden gesperrt.
    Zu viel nackte Haut: Auch die Facebook-Seite des bekannten Pariser Museums Jeu de Paume wurde von Facebook für 24 Stunden gesperrt. (PD)
  • Aufgrund dieses Bildes wurde die Facebook-Seite des SVP-Politikers Christoh Mörgeli gesperrt.
    Aufgrund dieses Bildes wurde die Facebook-Seite des SVP-Politikers Christoh Mörgeli gesperrt. (PD)
18.04.2017 | 16:01

FACEBOOK ⋅ Schüsse auf Zivilisten, Angriffe auf geistig Behinderte oder ein Livestream einer Vergewaltigung: Auf Facebook werden immer schockierendere Bilder und Videos von Gewalttaten gepostet. Ein kürzlich veröffentlichtes Mord-Video aus den USA bringt das soziale Netzwerk erneut unter Zugzwang.

Alexandra Pavlovic
Nach einem Mord an einem Rentner in den USA ist Facebook erneuten Vorwürfen ausgesetzt. Das soziale Netzwerk ermöglicht die Verbreitung brutaler, verstörender oder rechtswidriger Inhalte. Auslöser der Kritik ist die Bluttat in Cleveland, die ein 37-jähriger Amerikaner am Ostersonntag aufgenommen und auf Facebook veröffentlicht hat. Im Film ist zu sehen, wie der 37-Jährige aus seinem Auto steigt, einen 74-jährigen Mann anspricht und ihn auf offener Strasse erschiesst. Den Mord und die letzten Sekunden im Leben des Opfers hielt der Täter mit einer Handykamera fest und stellte es anschliessend auf das soziale Netzwerk. Das Video war rund zwei Stunden online, ehe es gelöscht wurde.  

Die Videoaufnahme des Tötungsdeliktes ist nicht der erste verstörende Inhalt, der auf Facebook veröffentlicht wurde. Im Januar etwa wurden vier Personen in Chicago festgenommen, nachdem sie einen geistig behinderten Mann geschlagen und verhöhnt haben sollen. Im Januar wurde auch in Schweden eine Frau von drei Männern vergewaltigt, die Tat wurde live bei Facebook gestreamt. Ebenfalls live dokumentiert wurden einige Einsätze von amerikanischen Polizisten. Diese wurden dabei gefilmt, wie sie Schüsse auf schwarze Zivilisten abfeuerten und diese töteten. 

Doch was passiert, wenn sich ein Facebook-Nutzer nun ein solches Livevideo oder einen Stream ansieht? Nicht viel, lediglich die Warnung: «Videos mit drastischem Inhalt können schockieren, beleidigen und bestürzen. Bist du sicher, dass du das sehen willst?» Doch was nützen einem die brutalen Videos und ihre unredigierte Realität? Führen sie zu mehr Bewusstsein? Mehr Gerechtigkeit? Hat Facebook nicht eine ethische Verantwortung derartige Aufnahmen zu zensieren?
 

Nackte Haut und Brustwarzen nicht erlaubt

Seit dem neusten Vorfall in Cleveland steigt der öffentliche Druck auf Facebook erneut. Vielen stellt sich die Frage, wie Facebook mit den Massen an hochgeladenen Daten aus aller Welt umgeht. Rufe nach schärferen Auflagen könnten jetzt laut werden, meinen Experten.

Dass Facebook bei anstössigen Inhalten aber durchaus schnell reagieren kann, zeigen einige Exempel. Die Firma Swiss Sonnenschutz aus Wil etwa hat mit einem Video auf Facebook für ihre Produkte geworben. Der Film wurde aber gesperrt, weil darin eine nackte Comic-Figur von hinten beim Duschen zu sehen war. Das Video durfte nicht mehr als Werbung im sozialen Netzwerk geschaltet werde, da es gegen die Richtlinien verstiess, teilte Facebook der Wiler Firma mit. In der Begründung hiess es: «Es sind keine Werbeanzeigen zulässig, die Nacktheit zeigen, selbst wenn diese nicht sexueller Natur sind.»




Ein weiteres Beispiel sind Bilder von stillenden Frauen. Facebook löscht diese, wenn sie als zu obszön eingestuft werden. Zahlreiche Mütter wollten das nicht hinnehmen und hatten unter dem Motto «Hey Facebook, Stillen ist nicht obszön» eine Gruppe gegründet und den Kampf gegen das soziale Netzwerk aufgenommen. Facebook allerdings hüllte sich in Schweigen und verwies lediglich auf ihre Richtlinien. Diese besagen, dass Bilder mit sichtbaren Brustwarzenhöfen entfernt werden.

Dass das soziale Netzwerk vor allem bei nackter Haut schnell die Notbremse zieht, zeigt auch das wohl bekannteste Foto aus dem Vietnam-Krieg des fliehenden nackten Mädchens. Nachdem die norwegische Zeitung Aftenposten das Bild auf Facebook gepostet hatte, dauerte es nicht lange bis das Unternehmen die Zeitung aufforderte, das Bild zu löschen. Diese reagierte jedoch nicht darauf. Die Konsequenz: Facebook löschte in weniger als 24 Stunden das ikonografische Foto des nackten Mädchens.
 

Auch rassistische Äusserungen im Visier

Was Facebook ebenfalls immer rapider sperrt, sind Entgleisungen von Politikern. So wurde etwa das Profil des Zürcher SVP-Nationalrats Christoph Mörgeli im vergangenen September vom Unternehmen gesperrt, nachdem er ein Foto hochgeladen hatte, das ein mit Flüchtlingen überfülltes Schiff zeigte. Kommentiert wurde das Bild mit dem Text «Die Fachkräfte kommen». Mörgeli Post wurde damals 38-mal geteilt und 190-mal geliked. Auch Andreas Glarner, Aargauer SVP-Asylchef, postete das Foto auf Facebook. In ähnlicher Form hatte auch die rechtsextreme deutsche Partei NPD das Foto verwendet. 

Das Bild, dass Mörgeli und Co benutzt hatten, wurde allerdings schon im August 1991 aufgenommen, als tausende Albaner und Albanerinnen im Hafen von Bari, Italien ankamen. Der italienische Regisseur Daniele Vicari hat über das Ereignis einen Dokumentarfilm namens «La nave dolce» gedreht und dazu das Bild gemacht.

Die Sperrung von Mörgelis Facebook-Konto ist für Facebook ein bemerkenswerter Schritt. Dies, da das amerikanische Unternehmen normalerweise eher zurückhaltend ist bei der Sanktionierung rassistischer Inhalte. Doch: Je mehr Meldungen über eine menschenverachtende Äusserung eingehen, umso grösser sind die Chancen, dass Facebook interveniert - was beim SVP-Politiker der Fall war. Die Beschwerden privater Nutzer werden in der Regel maschinell vorselektioniert.
 
Kommentare
zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden
Ein neues Posting hinzufügen

Sie dürfen noch Zeichen schreiben.
Bei jedem neuen Beitrag in dieser Diskussion erhalten Sie eine entsprechende Benachrichtigung
Füllen Sie bitte die notwendigen Felder für die Registrierung aus.

Geben Sie bitte folgende Daten ein, um sich zu registrieren und Ihren Kommentar zu speichern.

Ich habe die AGB gelesen und akzeptiert.:
Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

Was ist das Gegenteil von dick??
 

Meistgelesen

In diesem Haus an der Neugasse in Bazenheid kam es zum Streit.
Unfälle & Verbrechen: 17.10.2017, 09:11

Tödlicher Streit unter Brüdern: Der mutmassliche Täter galt als jähzornig

Am frühen Montagnachmittag hat sich in Bazenheid ein Familiendrama ereignet.
Ist eine Person vermisst, sind die ersten Stunden der Suche laut der Polizei die wichtigsten.
Kanton St.Gallen: 17.10.2017, 08:39

Spurlos verschwunden: Das Leiden der Angehörigen

Ende Oktober sind es 15 Monate, dass ein Mann aus der Ostschweiz verschwand.
Tierschützer Erwin Kessler liegt seit Jahren mit dem mutmasslichen Pferdequäler Ulrich K. im Clinch.
Kanton Thurgau: 16.10.2017, 18:19

Kronzeugin wider Willen: Tierschützer Kessler zieht Frau in Fall Ulrich K. hinein

Erwin Kessler hat eine Frau gegen ihren Willen bei der Thurgauer Staatsanwaltschaft als ...
Um diesen Vorfall geht es: Beim Spiel Luzern - St.Gallen vom Februar 2016 warf ein Anhänger Knallkörper auf den Rasen.
Ostschweiz: 17.10.2017, 11:28

St.Galler Pyrowerfer: Jetzt entscheidet das Bundesgericht

Der Fall eines Fans des FC St.Gallen, der in Luzern Knallkörper aufs Spielfeld geworfen hatte, ...
Die Büro- und Gewerbeliegenschaft an der Hungerbühlstrasse 15 im Westen von Frauenfeld brennt lichterloh.
Stadt Frauenfeld: 17.10.2017, 08:28

Mehrere hunderttausend Franken Sachschaden bei Brand

Im Westen der Stadt Frauenfeld ist es in der Nacht auf Dienstag zu einem Vollbrand gekommen.
Die Thurgauerin Romy.
Ostschweiz: 16.10.2017, 22:20

"Wow!" Der Bachelor ist fasziniert von einer Thurgauerin

"Der Bachelor" ist am Montagabend auf dem Schweizer Sender 3+ in eine neue Runde gestartet.
Der frühere spanische Topstar Fernando Hierro hat soeben die Schweiz aus dem Topf der gesetzten Teams gezogen.
Sport: 17.10.2017, 14:14

Die Schweiz spielt in der WM-Barrage gegen Nordirland

Jetzt ist bekannt, gegen wen die Schweizer Fussball-Nati das Eintrittsticket für die WM 2018 ...
An dieser Stelle an der Hafenpromenade soll das Hotel zu stehen kommen.
Arbon&Romanshorn: 17.10.2017, 06:53

Romanshorner Hotelabstimmung wird zum Juristenfutter

Der Verkauf von Land am Hafen an Hermann Hess ist durch zwei Stimmrechtsrekurse blockiert.
Die grossen Fenster des Zeppelins bieten einen spektakulären Blick auf Zürich.
Schauplatz Ostschweiz: 17.10.2017, 06:37

Bodensee-Luftschiff im Einsatz

In der Ostschweiz kennt man den Zeppelin NT. Nicht so in Zürich.
In Zürich wird intensiv über schlecht unterhaltene und überteuerte Mietshäuser diskutiert. Nun beschäftigt das Thema auch den St. Galler Kantonsrat.
Ostschweiz: 17.10.2017, 08:36

Politiker wollen gegen Vermieter von Schmuddelwohnungen vorgehen

Heruntergekommene Wohnungen, überrissene Mieten: Solche Missstände kämen im Kanton St.Gallen ...
Zur klassischen Ansicht wechseln