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Bei Brustwarzen schnell, bei Morden und Vergewaltigungen träge

Schüsse auf Zivilisten, Angriffe auf geistig Behinderte oder ein Livestream einer Vergewaltigung: Auf Facebook werden immer schockierendere Bilder und Videos von Gewalttaten gepostet. Ein kürzlich veröffentlichtes Mord-Video aus den USA bringt das soziale Netzwerk erneut unter Zugzwang.
18.04.2017 | 16:01
Alexandra Pavlovic
Nach einem Mord an einem Rentner in den USA ist Facebook erneuten Vorwürfen ausgesetzt. Das soziale Netzwerk ermöglicht die Verbreitung brutaler, verstörender oder rechtswidriger Inhalte. Auslöser der Kritik ist die Bluttat in Cleveland, die ein 37-jähriger Amerikaner am Ostersonntag aufgenommen und auf Facebook veröffentlicht hat. Im Film ist zu sehen, wie der 37-Jährige aus seinem Auto steigt, einen 74-jährigen Mann anspricht und ihn auf offener Strasse erschiesst. Den Mord und die letzten Sekunden im Leben des Opfers hielt der Täter mit einer Handykamera fest und stellte es anschliessend auf das soziale Netzwerk. Das Video war rund zwei Stunden online, ehe es gelöscht wurde.  

Die Videoaufnahme des Tötungsdeliktes ist nicht der erste verstörende Inhalt, der auf Facebook veröffentlicht wurde. Im Januar etwa wurden vier Personen in Chicago festgenommen, nachdem sie einen geistig behinderten Mann geschlagen und verhöhnt haben sollen. Im Januar wurde auch in Schweden eine Frau von drei Männern vergewaltigt, die Tat wurde live bei Facebook gestreamt. Ebenfalls live dokumentiert wurden einige Einsätze von amerikanischen Polizisten. Diese wurden dabei gefilmt, wie sie Schüsse auf schwarze Zivilisten abfeuerten und diese töteten. 

Doch was passiert, wenn sich ein Facebook-Nutzer nun ein solches Livevideo oder einen Stream ansieht? Nicht viel, lediglich die Warnung: «Videos mit drastischem Inhalt können schockieren, beleidigen und bestürzen. Bist du sicher, dass du das sehen willst?» Doch was nützen einem die brutalen Videos und ihre unredigierte Realität? Führen sie zu mehr Bewusstsein? Mehr Gerechtigkeit? Hat Facebook nicht eine ethische Verantwortung derartige Aufnahmen zu zensieren?
 

Nackte Haut und Brustwarzen nicht erlaubt

Seit dem neusten Vorfall in Cleveland steigt der öffentliche Druck auf Facebook erneut. Vielen stellt sich die Frage, wie Facebook mit den Massen an hochgeladenen Daten aus aller Welt umgeht. Rufe nach schärferen Auflagen könnten jetzt laut werden, meinen Experten.

Dass Facebook bei anstössigen Inhalten aber durchaus schnell reagieren kann, zeigen einige Exempel. Die Firma Swiss Sonnenschutz aus Wil etwa hat mit einem Video auf Facebook für ihre Produkte geworben. Der Film wurde aber gesperrt, weil darin eine nackte Comic-Figur von hinten beim Duschen zu sehen war. Das Video durfte nicht mehr als Werbung im sozialen Netzwerk geschaltet werde, da es gegen die Richtlinien verstiess, teilte Facebook der Wiler Firma mit. In der Begründung hiess es: «Es sind keine Werbeanzeigen zulässig, die Nacktheit zeigen, selbst wenn diese nicht sexueller Natur sind.»




Ein weiteres Beispiel sind Bilder von stillenden Frauen. Facebook löscht diese, wenn sie als zu obszön eingestuft werden. Zahlreiche Mütter wollten das nicht hinnehmen und hatten unter dem Motto «Hey Facebook, Stillen ist nicht obszön» eine Gruppe gegründet und den Kampf gegen das soziale Netzwerk aufgenommen. Facebook allerdings hüllte sich in Schweigen und verwies lediglich auf ihre Richtlinien. Diese besagen, dass Bilder mit sichtbaren Brustwarzenhöfen entfernt werden.

Dass das soziale Netzwerk vor allem bei nackter Haut schnell die Notbremse zieht, zeigt auch das wohl bekannteste Foto aus dem Vietnam-Krieg des fliehenden nackten Mädchens. Nachdem die norwegische Zeitung Aftenposten das Bild auf Facebook gepostet hatte, dauerte es nicht lange bis das Unternehmen die Zeitung aufforderte, das Bild zu löschen. Diese reagierte jedoch nicht darauf. Die Konsequenz: Facebook löschte in weniger als 24 Stunden das ikonografische Foto des nackten Mädchens.
 

Auch rassistische Äusserungen im Visier

Was Facebook ebenfalls immer rapider sperrt, sind Entgleisungen von Politikern. So wurde etwa das Profil des Zürcher SVP-Nationalrats Christoph Mörgeli im vergangenen September vom Unternehmen gesperrt, nachdem er ein Foto hochgeladen hatte, das ein mit Flüchtlingen überfülltes Schiff zeigte. Kommentiert wurde das Bild mit dem Text «Die Fachkräfte kommen». Mörgeli Post wurde damals 38-mal geteilt und 190-mal geliked. Auch Andreas Glarner, Aargauer SVP-Asylchef, postete das Foto auf Facebook. In ähnlicher Form hatte auch die rechtsextreme deutsche Partei NPD das Foto verwendet. 

Das Bild, dass Mörgeli und Co benutzt hatten, wurde allerdings schon im August 1991 aufgenommen, als tausende Albaner und Albanerinnen im Hafen von Bari, Italien ankamen. Der italienische Regisseur Daniele Vicari hat über das Ereignis einen Dokumentarfilm namens «La nave dolce» gedreht und dazu das Bild gemacht.

Die Sperrung von Mörgelis Facebook-Konto ist für Facebook ein bemerkenswerter Schritt. Dies, da das amerikanische Unternehmen normalerweise eher zurückhaltend ist bei der Sanktionierung rassistischer Inhalte. Doch: Je mehr Meldungen über eine menschenverachtende Äusserung eingehen, umso grösser sind die Chancen, dass Facebook interveniert - was beim SVP-Politiker der Fall war. Die Beschwerden privater Nutzer werden in der Regel maschinell vorselektioniert.
 
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