Wolfensberger ist ein charmanter Querulant

  • Der Drucker Thomi Wolfensberger bezeichnet sich als "Technik-Junkie" und "charmanten Querulanten".
    Der Drucker Thomi Wolfensberger bezeichnet sich als "Technik-Junkie" und "charmanten Querulanten". (Keystone/CHRISTIAN BEUTLER)
10.09.2017 | 13:14

FARBENZAUBERER ⋅ Der Zürcher Drucker Thomi Wolfensberger hat die alte Handwerkstechnik des Steindrucks in das digitale Zeitalter hinübergerettet. Die Kunstschaffenden nennen ihn einen Farbenzauberer.

"Man kann auch sehr charmant Querulant sein", sagt der 1964 geborene Thomi Wolfensberger in seinem Steindruckatelier in Zürich. Nur wenige wissen, dass der beliebte und fachlich hoch geschätzte Drucker berufsbegleitend den Studiengang in Kulturmanagement mit dem Master abgeschlossen hat.

"Die Managementausbildung habe ich gemacht, um zu lernen, wie man es nicht macht", schiebt er ein. Der Mainstream ist dem leidenschaftlichen Handwerker, der über herausragende Materialkenntnisse und ein besonderes Einfühlungsvermögen in Sachen Künstlergrafik verfügt, ein Gräuel.

Doch die Ausbildung schenkte ihm die Sicherheit, aus der Perspektive des Handwerkers strategische Vorgehensweisen besser verstehen zu können und die Systemabläufe bei Auftragsentscheidungen zu durchschauen. Er behielt sich allerdings stets die Freiheit, das erlernte Managementwissen nach seinen eigenen Vorgaben einzusetzen.

Ein hilfreicher Schlepper

"Es gibt Grenzgänger, die über Grenzen gehen. Ich sehe mich eher als Schlepper, indem ich den Leuten über die Grenze helfe", präzisiert der 2014 mit dem "Peter Kneubühler Graphikpreis" ausgezeichnete Drucker. Er stellt sich leidenschaftlich in den Dienst der Kunstschaffenden, um deren "Hirngespinste" Realität werden zu lassen.

Auch wenn der Ausdruck "Schlepper" heute negativ konnotiert ist, wagt er es, sich mit einem solchen zu vergleichen, wissend, dass der Begriff einst mit positiven Qualitäten verbunden war. Der Schlepper ruft das Bild der Zugmaschine, die voran- und weiter treibt, in Erinnerung.

Wolfensberger verwendet öfter das Wort "Gap" und denkt dabei an die Kluft, den Zwischenraum, den es zu überwinden gilt, um die Gedanken der Künstler und Künstlerinnen mit Farbe und Papier auf eine Ebene zu bringen. Als Technik-Junkie lehnt er sich in kommerzieller Hinsicht allerdings auch immer wieder weit aus dem Fenster. Er sei sicher ein schlechter Unternehmer, dafür ein guter Drucker, sagt er. Wertsteigerung geht bei ihm mit wertvollen Tipps einher.

Die Lithografie ist ein Flachdruck, bei dem die druckenden Bildteile in einer Ebene mit den nicht druckenden Teilen liegen. Es ist ein chemischer Prozess beim Präparieren des Steins, der dafür sorgt, dass die mit fetthaltiger Kreide oder Tusche gezeichneten Bildteile die ebenfalls fetthaltige Druckfarbe aufnehmen, während die nicht bezeichneten Stellen Fett abstossen und stattdessen Wasser aufnehmen und am Ende auf dem Druckbogen als Leerstellen in Erscheinung treten.

Anders als etwa in der Malerei, wo der Pinsel mit der Farbe immer auch gleichzeitig die Struktur aufträgt, sind in der Lithografie Farbe und Struktur getrennt. So spielen Fragen einer virtuellen Projektion und einer nie gänzlich absehbaren Transformation im Zusammenwirken der Farben eine zentrale Rolle.

Das Lithografieren ist eine Produktionsform mit hohem Restrisiko. Dass das Handwerk vom Aussterben bedroht ist, hat sich auch in den Zulieferbetrieben bemerkbar gemacht. Das benötigte Farbmaterial und spezielle Papiere werden immer rarer und sind entsprechend schwieriger zu beziehen.

Ein Eisbär als Pinsel

Thomi Wolfensberger, der schon in vierter Generation in der familieneigenen Lithowerkstatt tätig ist, reizt die Möglichkeiten des lithografischen Verfahrens mit einer geradezu unerschöpflichen Experimentierfreude aus. Über sechs Jahre dauerte die Zusammenarbeit mit dem Künstler Michael Günzburger, welche die beiden auf die norwegische Inselgruppe Spitzbergen führte.

Dort waren sie nach einer Reihe zunehmend schwieriger zu realisierender Tierdrucke auf der Suche nach einem Eisbären, um das Kunstprojekt zu einem krönenden Abschluss zu bringen. Sie durften einen zweijährigen verhungerten Eisbären verwenden und auf eine fetthaltig präparierte Folie legen.

Nach einem anschliessenden kniffligen Umdruck kam schliesslich die Vorlagefolie, für die geplante Lithografie aufgerollt, in der Zürcher Werkstatt an. Der Schriftsteller Lukas Bärfuss plant, das Abenteuer mit dem Eisbären, der gleichsam zum Pinsel wurde, literarisch zu verarbeiten.

Nur Insider wissen, dass es Thomi Wolfensberger war, mit dem die international beachtete Fotografin Shirana Shahbazi die monumentale lithografische Wandtapete, die im MoMA in New York hängt, realisiert hat. Am liebsten sei er ein Geheimtipp, so Wolfensberger, "dann kann man im Versteckten arbeiten".

Natürlich kokettiere er ein bisschen, wenn er Geheimtipp sage, ein Geheimtipp sei in der heutigen Zeit natürlich nicht mehr geheim. In seiner Bescheidenheit sucht er nie das Scheinwerferlicht. Er versteckt sich eher hinter seinen Künstlern. Andererseits wird er nicht müde, die fantastischen Leistungen seiner Künstler und Künstlerinnen in die Welt zu tragen. "Natürlich", sagt er, "bin ich wahnsinnig stolz, dass die Tapete im MoMA hängt."

Mit der Druckerpresse malen

Schon lange schätzt Thomi Wolfensberger die Arbeiten Zilla Leuteneggers, die vor allem für ihre Videoinstallationen bekannt ist. Plötzlich stand sie vor ihm, Shirana Shahbazi hatte sie auf das Druckatelier aufmerksam gemacht. Schon bei der ersten kleineren Zusammenarbeit, einer Edition für den Verein für Originalgrafik, hatten die beiden gemerkt, dass sie "farblich gut kommunizieren können".

Für den neu geschaffenen Raum "Labor" im neuen Kunstmuseum Chur, den die Videokünstlerin als erste bespielen durfte, wollte Zilla Leutenegger explizit ein für sie neues Medium ausprobieren.

Schon während der Entstehungszeit des Neubaus hatte sie die Lichtverhältnisse beobachtet. Sie war begeistert, als ihr Thomi Wolfensberger die technischen Möglichkeiten zeigte, um Räume mit Farbflächen zu bauen, Schatten zu überdrucken oder Licht hereinzuholen.

Für Chur wagte sie sich an Monotypien. Sie malte gewissermassen mit der Druckerpresse und arbeitete stets am Original, ohne die Möglichkeit eines Probedrucks. "Man muss wissen, wo eine Künstlerin im Moment steht, man muss inhaltlich fit sein, um einer gesuchten Stimmung gerecht zu werden", ergänzt Wolfensberger.

Zilla und er hätten wochenlang Kinderbücher zusammengetragen und die darin dargestellten eigenwilligen Nachtlichtverhältnisse erkundet. Twilight herrscht in den Monotypien. Unentwegt erfährt die Wahrnehmung eine Revision.

Verfasserin: Sabine Arlitt, sfd (sda)

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