Verkochte Beeren und Gipsbäuche

  • Erna Hürzeler vor ihrer Installation mit farbigen Frauenbäuchen, die wie ein beruhigendes Perpetuum mobile wirken.
    Erna Hürzeler vor ihrer Installation mit farbigen Frauenbäuchen, die wie ein beruhigendes Perpetuum mobile wirken. (Bild: Jil Lohse)
09.09.2017 | 05:19

AUSSTELLUNG ⋅ In der Kunsthalle Wil geht Erna Hürzeler Gesetzen von Farben und Formen in der Natur auf den Grund. «Im grünen Bereich» zeigt stille, hintergründige Arbeiten.

Martin Preisser

Martin Preisser

martin.preisser@tagblatt.ch

Dutzende von Frauentaillen hat Erna Hürzeler zuerst eingegipst und danach die Querschnitte der Torsos als bohnenförmige Farbfelder zu einer hängenden Installation zusammengefügt. Jeder Frauenbauch hat eine eigene, nie grelle, aber immer beruhigende Farbe. Schlank oder fülliger rund, alt oder jung – alle in der äusserlichen Welt der Mode dominierenden Klischees verschwinden und zeigen weibliche Rundungen in ursprünglicher Schönheit und geheimnisvoll schwebender Ausstrahlung. Erna Hürzeler geht scheinbar wie eine Forscherin an ihre Gegenstände, «analysiert» die Natur und scheint zu fragen, was an Kunst in ihr steckt. Die Wiler Künstlerin lockt – es wirkt fast absichtslos – aus der Natur ihre künstlerischen und ästhetischen Konzepte heraus.

Viel mehr als die üblichen Aquarelle

Diese Herangehensweise zeitigt im Fall der Aquarell-Arbeiten mit dem Titel «Stoffwechsel» besonders schöne Ergebnisse. Blätter, Blüten oder Beeren kocht Erna Hürzeler auf und extrahiert die Pflanzenfarben, die sie dann über das Papier laufen lässt. Die Formen, die sich daraus entwickeln, sind unmittelbar vom unterschiedlichen Fluss der Natur­farben abhängig. So entstehen faszinierende Miniaturen, die viel mehr sind als übliche Aquarelle. Es sind Arbeiten, in denen die Kraft der Natur drinsteckt und spürbar wird, und die sich gerade bei längerem Betrachten wie subtil weiterzuentwickeln scheinen.

Man möchte Erna Hürzeler fast als eine Art Kunst-Botanikerin bezeichnen. Auch auf den Ar­beiten mit echten Blättern liest sie Kunst aus der Natur heraus. Teilweise sind die Blätter geheimnisvoll symmetrisch von Raupen oder anderen Tieren angefressen. In der Anordnung der Künstlerin erscheinen diese Blätter aber wie feinste Scherenschnitte von Menschenhand. Vieles, was man an Blättern und Zweigen in der Ausstellung «Im grünen Bereich» sehen kann, hätte auch der Laie und Naturfreund sammeln können. Es ist aber das genaue, speziell ordnende Auge der Künstlerin, das aus vorgefundener Natur geheimnisvoll aufgeladene Kunst macht, die von ihrer Materialität auch der Vergänglichkeit unterliegen. Es ist Kunst, die sich bewusst im Akt des Machens entwickelt, also analog zu Wachstumsprozessen in der Natur selbst. Gips spielt nicht nur bei den Frauen-Torsos eine Rolle, sondern auch in der raumgreifenden Installation «Gipsy», welche die Halle beherrscht. Seit Jahren sammelt Erna Hürzeler kleine Stämme und Astgabeln der Tollkirsche, einer Pflanze, die Frauen in vergangenen Zeiten trotz ihrer Giftigkeit zur Steigerung der Schönheit, zum «feurigen Blick» der Augen einsetzten. Die Künstlerin lässt die Zweige von der Decke hängen, Äste werden – fast ein wenig wie im Tollkirschenrausch – zu Wurzeln, der Raum unter der begehbaren ­Installation scheint zu kippen. Ein wenig wie eine Kunst-Ärztin hat Erna Hürzeler die Tollkirschen-Äste fürsorglich eingegipst. Das weisse Geäst verwandelt den Raum so in einen Kosmos voll Leichtigkeit und Zartheit.

Wenn Blüten zu kleinen Dessous werden

Die Ausstellung scheint wie den inneren Werten der Natur, egal ob Pflanzen oder Frauenbäuche, auf der Spur. Entstanden ist ein feinsinniges, stilles Kunstuniversum mit einer ruhigen, fliessenden Ausstrahlung. Der Besuch in der Kunsthalle kann so zu einem schönen Moment des Innehaltens werden. Nicht zuletzt tragen dazu die stets feinen, nie direkten oder grellen Naturfarben bei, die Erna Hürzeler in kleinen Farbrechtecken dokumentiert und fast wie in einem imaginären ­Botanik-Lehrbuch präsentiert. Wie sinnlich Natur sein kann, zeigen ihre Kompositionen von Fingerhut-Blüten, die wie kleine elegante Dessous wirken, eben wiederum als aus der Natur extrahierte Schönheit im neuen Gewand von Kunst.

Kunsthalle Wil, bis 15.10.; Do–So 14–17 Uhr. Künstler­gespräch: Mi, 13.9., 19 Uhr. ernahuerzeler.ch

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