Regie statt Stickerei

  • Im Elternhaus in Gais verbringt Hans Peter Fitzi heute seine Ferien.
    Im Elternhaus in Gais verbringt Hans Peter Fitzi heute seine Ferien. (Bild: Mareycke Frehner)
10.09.2017 | 08:53

THEATERLEBEN ⋅ Spät kam er zum Theater, dafür wurde er rasch erfolgreich. Hans Peter Fitzi wuchs in Gais auf, arbeitete sich hoch zum Regisseur und wurde zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Eine Rückschau zum 80. Geburtstag.

Julia Nehmiz

Julia Nehmiz

Ins Theater geht Hans Peter Fitzi nur noch selten. Dabei ist sein Leben im Theater: Er hat unzählige Stücke inszeniert, in Deutschland und in der Schweiz, er hat mit Theatergrössen zusammengearbeitet, seine Ehefrau im Theater kennen gelernt, beide Töchter wurden Schauspielerinnen. Und er ist wahrscheinlich der einzige Appenzeller, dessen Inszenierung zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde, dem grössten und wichtigsten Branchentreffen der deutschsprachigen Theatermacher. Berlin ist auch seit vielen Jahren seine Wahlheimat. Jetzt sitzt Hans Peter Fitzi im Garten des Elternhauses in Gais und mag eigentlich nicht mit der Zeitung reden. Das sei doch alles lange her, findet der 80-Jährige. Das mag stimmen, doch spannend bleibt es allemal.

Das Haus, in dem sein Vater und sein Grossvater ein Stickereiunternehmen führten, heisst noch immer Fitzi-Haus, auch wenn sich heute darin eine Bankfiliale befindet. Es steht am Dorfplatz und strahlt alte Pracht aus. Sein Vater sei eine Art Stoffmakler gewesen, er habe exklusive Stickereistoffe nach Indien verkauft. Hans Peter Fitzi war der jüngste von drei Brüdern, der mittlere hätte den Familienbetrieb weiterführen sollen. Doch der wollte lieber Malerei an der Akademie in Florenz studieren. Der älteste Bruder studierte Chemie, der jüngste Philosophie. Die Eltern liessen sie gewähren. «Es war eine strenge, in den Traditionen verhaftete, aber offene und tolerante Atmosphäre», sagt Fitzi. Er denkt gerne an seine Kinder- und Jugendjahre in Gais zurück. Hier stromerte er als Bub durch die Gegend, schleppte Taschen voller Würmer, Frösche und Fundstücke nach Hause, liebte es, im Winter Ski zu fahren. Einmal überredete der 10-jährige Bub einen Schulkameraden, mit ihm abzuhauen. Sie packten ihre Rucksäcke und marschierten los – Hans Peter Fitzi hatte nicht bedacht, dass der Vater an diesem Tag mit dem Auto von St. Gallen nach Gais fuhr. Er erwischte die Ausreisser und brachte sie schnurstracks nach Hause.

Das war ein erstes Ausbrechen – vielleicht auch aus der Enge des Appenzellerlandes, das Fitzi jedoch nicht als eng in Erinnerung hat. Er sei ein Melancholiker gewesen, die Frage nach dem Sein habe ihn schon früh umgetrieben. Er verschlang die Bücher der Existenzialisten, die Texte von Sartre und Camus brachten ihn erstmals mit Theater in Berührung.

Vom Regieassistenten zum gefragten Regisseur

Nach einem abgebrochenen Flugzeugbaustudium («In Mathematik kam ich nicht mit») schrieb er sich für Philosophie ein. «Mich interessierte mehr die Fantasie am Fliegen als die Technik», sagt er. Er wechselte von Zürich an die Universität Köln, einer seiner Professoren war ein Theaterwissenschafter. «Mir wurde klar, dass das meine Richtung ist. Das Theater behandelt unheimlich viele philosophische Fragen.» Als der Vater 1963 starb, kehrte Fitzi in die Schweiz zurück, er wurde ­Regieassistent am Stadttheater Bern. Von dort wurde er nach Berlin empfohlen – und Fitzi arbeitete sich zum Regisseur hoch. Mit seiner Inszenierung von Peter Handkes «Das Mündel will Vormund sein» wurde er 1971 zum Berliner Theatertreffen eingeladen – eine der grössten Auszeichnungen, die einem Regisseur zuteil werden können. Neben Fitzi wurden die Regiegrössen Claus Peymann, Dieter Dorn, Peter Zadek, Peter Stein und Fritz Kortner eingeladen.

«Ich vermisse das Theater, so wie ich es machte»

Warum Fitzi danach nicht an den grossen Häusern inszenierte? «Für solch eine Karriere war ich nicht der Typ.» Er sei nicht militärisch, impulsiv oder drängend, wie andere der Regisseure. Fitzi arbeitete an Stadttheatern und Off-Bühnen, leitete zwei Jahre das Teatro Dimitri im Tessin, führte Regie bei zwei Serien des Schweizer Fernsehens.

Mit der Zeit klang das Theaterleben aus. «Heute habe ich das Gefühl, ich bin alt geworden», sagt er. «Meine alte Sichtweise auf das Theater kommt nicht mehr an.» Es klingt nicht verbittert, nicht enttäuscht – sondern konstatierend. «Theater muss nicht unbedingt sein», sagt er. «Ich vermisse das Theater, so wie ich es machte.» Dem Text vertrauend, ohne Regiemätzchen, die dem Text nicht dienlich seien. Er teile das Künstlerverständnis, wie Pianist Alfred Brendel es formulierte: Das Wichtigste sei, die Absicht des Komponisten herauszufinden, erst dann komme die Interpretation. «Das gilt in meinen Augen auch für die Bühnenkunst», sagt Fitzi. So habe er alle Stücke inszeniert: Es sei ihm um die Sache gegangen.

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