Alice ist nicht im Wunderland

  • Katrin Andrist: Kinderspiele. Roman. Muskat Media 2016, 243 S., Fr. 29.50
    Katrin Andrist: Kinderspiele. Roman. Muskat Media 2016, 243 S., Fr. 29.50
18.10.2016 | 21:10

Der Romanshorner Pascal Beer hat erneut einen beeindruckenden Erstling verlegt. «Kinderspiele» erzählt von einer jungen Frau, die sich sucht und dabei fast verliert.

Dieter Langhart

Wenn Alice und Michael diesen ekligen Zaubertrank trinken, werden sie zu Superman und können die Welt retten. Alice ist zwölf, Michael wohnt einen Stock tiefer. Er nimmt sie auch mit zu einer Expedition an den Südpol, bis zum vereisten Fluss, auf dem sie einbrechen. Spiele einer unbeschwerten Kindheit, Kinderspiele eben.

Doch dann zieht Alice mit ihrer Mutter weg in die Stadt, vorüber sind die kinderleichten Spiele. Und dann geht dieser Tick weiter: «Neben den Fugen zwischen den Bodenplatten durfte sie neu auch auf keinen Fall auf die geraden Treppenstufen auftreten, sonst würde etwas Furchtbares passieren. Hielt man sich nicht an die Regeln, wurde man bestraft.» Alice will, muss sich an Regeln halten, denn sie geben ihr Halt im Alltag. Doch eigentlich sind es die Erwachsenen, die sich nicht an jene Regeln halten, die Alice gut täten.

«Kinderspiele» ist das dritte Buch im Romanshorner Kleinverlag Muskat Media und der erste Roman Katrin Andrists aus Buchs AG. Und beileibe kein Kinderbuch, auch wenn es Leben und Leiden eines Mädchens zwischen Kindheit und Erwachsenwerden erzählt.

Wie mit der Handkamera gefilmte Szenen

Eindringlich und nachvollziehbar ist das Buch, da die Autorin (Jahrgang 1975) mit ihrer Sympathie sehr nahe an der Figur bleibt, als begleite sie sie mit einer Handkamera auf ihrem Weg. Die kurzen, mit je einem Stichwort überschriebenen Episoden sind wie Szenen, wie Blitzlichter auf Alice: Treibgut, Blut, Fallhöhe, Bildstörung. Und wie wacklig dieses Leben ist, wird Kapitel für Kapitel immer deutlicher. Mehr und mehr Regeln setzt sich Alice, sie geben ihr Halt und sind zugleich wie ein Korsett. Dann bekommt sie die Regel. Mutter sagt: «Das ist ja toll! Jetzt bist du kein Kind mehr.» Wenn Alice sich mit ihr gestritten hat, verkriecht sie sich in den Estrich oder auf die alte Eisenbahnbrücke.

Doch das Eis wird brüchiger für Alice. Sie träumt, und diese Träume lassen sie nicht los, auch die Herbstferien bei Michael, dem Vertrauten der Kindheit, und bei ihrer Tante helfen kaum. Schritte, Schatten, Stimmen suchen Alice heim, Nacht für Nacht. «Die Nacht frisst den Tag auf.» Angst schleicht sich ein. Eine Familie ist das nicht.

Alice glaubt, sie werde verrückt. Alice klaut Mutters Zigaretten und Wein aus der Küche. Alice spielt ein letztes Mal Harem mit ihrer Schulfreundin Alessja. Alice kotzt ihr Tiramisù heraus an der vorverlegten Weihnachtsfeier mit Tante Alice und Onkel Jörg. Alice erscheint ihr Grossvater im Traum: nackt, mit erigiertem Glied. Dann die «Bildstörung» mit Psychiaterin und Medikamenten und Schuldispens. Und sie erzählt «von der Angst, die jeden Abend aus den Mauerritzen kroch, sie umklammerte, umarmte und ihr die Luft nahm».

Das Tier in der Zimmerecke scharrt wieder

Doch dann will Alice zurück in die Schule. «Mathe war toll. Alice mochte die klaren Regeln, die Lösung.» Bald sind wieder Ferien. Ihre Mutter lädt sie zu einem gemeinsamen Spaziergang durch den Weihnachtsmarkt ein. Das erste richtige Gespräch zwischen Mutter und Tochter, so scheint es, doch es will nicht in Gang kommen. Und das Tier in der nächtlichen Zimmerecke scharrt wieder, «die Nacht frisst den Tag auf». Tagsüber ist Alice sicher.

Katrin Andrist erzählt die Geschichte sorgsam beschreibend. Überzeugend ist sie bei den Bildern, den konkreten Schilderungen; ungschärfer wird sie, wenn sie in die Introspektion rutscht. Und stark ist der Schluss, schenkt Alice einen Beginn: «Sie musste sammeln, Beweise sammeln, Erinnerungen sammeln.»

Kommentare
zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden
Ein neues Posting hinzufügen

Sie dürfen noch Zeichen schreiben.
Bei jedem neuen Beitrag in dieser Diskussion erhalten Sie eine entsprechende Benachrichtigung
Füllen Sie bitte die notwendigen Felder für die Registrierung aus.

Geben Sie bitte folgende Daten ein, um sich zu registrieren und Ihren Kommentar zu speichern.

Ich habe die AGB gelesen und akzeptiert.:
Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

Was ist jedes Jahr am 24.12.: Weihnachten oder Ostern??
 

Meistgelesen

Auch dieses Jahr werden wieder Tausende Zuschauer auf der Schwägalp erwartet.
Schwingen: 20.08.2017, 08:26

Jetzt live: Favoriten treffen aufeinander

Kräftemessen auf der Schwägalp: Am Sonntag werden die stärksten Schwinger aus der Nordostschweiz ...
Am Samstag zeigten sich Vertreter des Organisationskomitees, der Stadtpolizei und der Sanität in einer ersten Bilanz äusserst befriedigt vom Aufmarsch, aber auch vom Verlauf des diesjährigen St. Galler Festes.
St.Gallen: 19.08.2017, 23:53

110'000 festeten in der Altstadt

Das diesjährige St. Galler Fest ist gelungen. Am Freitag und Samstag zog es 110'000 Gäste in die ...
Immer mehr administrative Zusatzaufgaben warten nach dem Unterricht auf die Gymnasiallehrer.
Ostschweiz: 20.08.2017, 07:54

Ostschweizer Kantilehrer wollen mehr Geld

Lange galten sie als die Privilegierten ihrer Berufsgruppe.
Karlis Ile und Maija Puncule (Mitte) heissen die glücklichen Gewinner.
Rorschach: 19.08.2017, 20:34

Sandkünstler aus Lettland triumphieren

Karlis Ile und Maija Puncule aus Lettland gewinnen das 19.
Schlagzeilen der «Obersee Nachrichten» über angebliche Verfehlungen der Kesb Linth.
Hbos-ostschweiz: 20.08.2017, 13:07

«Stasi», «Mörder», «Arschlöcher»

Seit Jahren tobt zwischen der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) Linth und den «Obersee ...
Bei der Grosskontrolle wurde die Kantonspolizei St.Gallen von Fachspezialisten des Strassenverkehrsamtes, des Grenzwachtkorps, des Instituts für Rechtsmedizin sowie der Staatsanwaltschaft des Kantons St.Gallen unterstützt.
Unfälle & Verbrechen: 19.08.2017, 12:31

Grosskontrollen in Walenstadt und Goldach

Am Freitagabend hat die Kantonspolizei St.Gallen Grosskontrollen durchgeführt.
Kurz vor dem Zusammenprall...
Appenzellerland: 18.08.2017, 18:03

Paragleiter rammt Kuh auf der Ebenalp

Skurrile Szenen auf der Ebenalp: Eine Windböe hat einen startenden Paragleiter derart aus dem ...
Im Jahr 1268 gegründet und seitdem eine fantastische Aussicht: Mit 966 Meter über Meer ist Schwellbrunn die höchstgelegene Gemeinde in Appenzell Ausserrhoden.
Ostschweiz: 20.08.2017, 10:03

Schön, schöner, Schwellbrunn

Die Ausserrhoder Gemeinde Schwellbrunn ist kein typischer Touristenmagnet.
«Ich kann mir nebst Wien keine weitere Linie vorstellen»: Markus Kopf, Besitzer der People’s Viennaline, führt die Geschäfte in Altenrhein jetzt selber.
Ostschweiz: 19.08.2017, 07:31

«Wir haben uns nicht mehr verstanden»

Der kürzeste internationale Linienflug der Welt und frei wählbare Ticketpreise: Mit solchen ...
Ein 58-jähriger Atuolenker geriet am Samstag plötzlich auf die Gegenfahrbahn und kollidierte dort mit einem Autofahrer. Beim Unfall wurden drei Personen verletzt.
Unfälle & Verbrechen: 19.08.2017, 16:56

Nach Frontalkollision: achtjähriges Kind im Spital

Nach einem Verkehrsunfall in Wittenwil mussten am Samstag drei Personen ins Spital gebracht werden.
Zur klassischen Ansicht wechseln